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Julia Lienemeyer ist die neue Dombaumeisterin der Stadt Frankfurt.
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Julia Lienemeyer ist die neue Dombaumeisterin der Stadt Frankfurt.

PORTRÄT DER WOCHE

Die Dombaumeisterin

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Die Architektin Julia Lienemeyer ist nun offiziell die erste Frau in einem altehrwürdigen Amt in Frankfurt.

Eine Kathedrale hat auch die Architektin Julia Lienemeyer noch nie gebaut. Aber kurz nach dem Studium in Berlin hatte sie doch das Glück, eines der architektonisch spektakulärsten Bauprojekte der vergangenen Jahrzehnte in Deutschland, das Museum der Bildenden Künste Leipzig, mitplanen zu dürfen. „Mit dieser Großzügigkeit und dem vielen umbauten Raum erinnert das ja fast an eine Kirche“, sagt die 52-jährige gebürtige Frankfurterin.

Eine große Chance sei der Leipziger Museumsneubau für eine junge Architektin gewesen, sagt sie heute. Damals war allerdings noch nicht absehbar, dass die Expertin für historische Bauwerke einmal ein wohl weitaus bekannteres Gebäude betreuen würde. Lienemeyer ist jetzt ganz offiziell Frankfurts neue Dombaumeisterin, die erste Frau in der Stadt mit diesem wohlklingenden Titel.

Die Dotationskirchen

Die Stadt Frankfurt verwaltet zahlreiche Immobilien – die auffälligsten und für eine Stadt wohl auch ungewöhnlichsten sind die historischen innerstädtischen Kirchen. Die Alte Nikolaikirche, die Dreikönigskirche in Sachsenhausen, die St. Peterskirche, das Dominikanerkloster (Heiliggeistkirche) und die St. Katharinenkirche sind evangelisch, die St. Leonhardskirche, die Liebfrauenkirche und der St. Bartholomäus-Dom katholisch.

Das hat historische Gründe: In den Napoleonischen Kriegen wurden die Klöster und die meisten geistlichen Stiftungen aufgelöst, aus deren Unterhalt auch die Kirchengebäude gepflegt worden waren. 1830 schloss die Stadt, die von diesen Enteignungen sehr profitiert hatte, einen sogenannten Dotationsvertrag.

Damals verpflichtete sich die Stadt, sich um den Erhalt zu kümmern, vom Dachziegel bis zur Krypta, vom Glasfenster bis zur Orgel. Auch der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus der Stadtkasse bezahlt. Deshalb ist das Amt des Dombaumeisters beziehungsweise jetzt der Dombaumeisterin auch ein städtisches, konfessionsunabhängiges. Die promovierte Architektin Julia Lienemeyer ist also für alle Dotationskirchen zuständig, nicht nur für den Dom. aph

Die städtischen Mühlen mahlen dabei offensichtlich langsam: Lienemeyers direkter Amtsvorgänger Robert Sommer ging bereits 2019 in Pension, und sie arbeitet schon seit längerem in dieser Position, mit den Sanierungsarbeiten am Dom ist sie seit 2018 befasst. Ihre offizielle Ernennungsurkunde überreichten ihr der Kirchendezernent Uwe Becker und Baudezernent Jan Schneider (beide CDU) aber erst jetzt.

In der Reihe der großen Kirchen dieser Welt ist der Frankfurter Dom eher eine der bescheideneren, Kaiserkrönungen hin oder her. Fast ständig wird hier gebaut, renoviert, verändert, geflickt und saniert. Dass das nicht in der Regie des katholischen Bistums Limburg, sondern der Stadt geschieht, ist dabei eine von vielen Frankfurter Merkwürdigkeiten, eine in Deutschland einmalige Konstruktion.

Der Dom ist eines von acht katholischen und evangelischen Gotteshäusern, den „Dotationskirchen“, für deren Erhalt seit dem 19. Jahrhundert die Stadt Frankfurt zuständig ist (siehe Infobox). Anders als es der Titel suggeriert, betreut Dombaumeisterin Lienemeyer alle acht dieser Kirchen. Und betreuen ist wohl nicht untertrieben – beim Fototermin mit der FR im schönen gotischen Kirchenraum des Doms passt sie gleich der Küster ab, fragt nach, wo Gottesdienstbesucher aktuell auf die Toilette gehen könnten und was demnächst abzusperren sei. Die Dombaumeisterin hört geduldig zu, verspricht, sich nochmals zu erkundigen, und lächelt freundlich. Teamarbeit sei ihr sehr wichtig, meint sie. „Entscheidungen fällt man nie allein, man muss dazu mit vielen Menschen zusammenarbeiten, mit Restauratoren, Statikern und natürlich auch den Nutzern.“

Lienemeyer, Tochter eines bekannten Grafikers und einer Gartenarchitektin und im Nordend aufgewachsen, hatte einige Jahre Zeit, um sich in die Welt der Frankfurter Kirchen einzuarbeiten; 2009 kehrte sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in ihre Heimatstadt zurück, eher zufällig, weil ihr Mann hier eine neue Stelle gefunden hatte. „Unsere Freunde konnten das gar nicht glauben, dass wir Berlin verlassen“, erzählt sie. „Ich mochte meine Heimatstadt immer sehr gerne, aber trotzdem ist es uns damals schwer gefallen.“

Seither arbeitet die Architektin, die über die Entwicklung und Struktur der einst habsburgischen, heute ukrainischen Stadt Czernowitz promoviert hat, bei der Stadt. Hier hat sie unter anderem schon den historischen Kuhhirtenturm in Sachsenhausen saniert, die Instandsetzung des Bornheimer Uhrtürmchens und die Renovierung des Dompfarrhauses und des Höchster Bolongaropalastes betreut.

Ob im Großen oder Kleinen, an Arbeit dürfte es der neuen Dombaumeisterin in den kommenden Jahren nicht mangeln. In St. Leonhard etwa wird nach den spektakulären Ausgrabungen der vergangenen Jahre immer noch das nördliche Seitenschiff mit dem berühmten Salvatorchörlein saniert, die Dreikönigskirche in Sachsenhausen ist aktuell eingerüstet und im Dom ist gerade das südliche Querhaus mit der Orgel gesperrt. In historischen Bauwerken gibt es immer eine Menge zu tun, auch in den kommenden Jahrhunderten.

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