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Die Bewahrerin

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Elisabeth Ursprung in ihrem Frankfurter Atelier.
Elisabeth Ursprung in ihrem Frankfurter Atelier. Spillner © Michelle Spillner

Restauratorin Elisabeth Ursprung kopiert manchmal auch Kunstwerke – das kann dem Familienfrieden dienen.

Elisabeth Ursprung ist eine ungewöhnliche Künstlerin. Gemalt hat sie schon immer gerne, „aber ich stehe nicht vor der Leinwand und denke, das muss jetzt raus. Ich habe nichts mitzuteilen. Ich erschaffe nichts. Ich bewahre.“ Ursprung ist Diplom-Restauratorin. Sie hat zehn Semester an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart studiert. Im Juli hat die 34-Jährige noch an der Goethe-Uni ihre Master-Arbeit über Expressionistische Künstlerrahmen abgeschlossen und darf sich jetzt auch Kunsthistorikerin nennen.

Dass man für den Beruf der Restauratorin studieren muss, wüssten viele gar nicht. Der Begriff bezeichnet hochspezialisierte Experten unterschiedlichster Tätigkeitsfelder, die sich an jahrhundertealte Werke heranwagen. In den meisten Fällen lege man sich schon vor dem Studium auf ein Gebiet fest: auf die Restaurierung von Gemälden, Papier wie Grafiken und Bücher, Wand und Stein, Holz oder auf archäologisches und ethnologisches Kulturgut, sagt Elisabeth Ursprung. Man könne dabei mit sehr vielfältigen Objekten und Materialien zu tun haben, Metall, Leder oder sogar Federn. Ursprung hat sich spezialisiert auf Gemälde und gefasste Skulpturen.

In ihrem Atelier steht sie vor einem großen Ölgemälde, das mehr als 100 Jahre alt ist. „An diesem Bild ist ziemlich viel zu tun.“ Der Firnis ist nachgedunkelt, gelb und spröde geworden. Firnis heißt: Das Bild wurde mit einer dicken Schicht Wachs „notgefestigt“. Die Leinwand hat einen großen Riss, und die Farbe löst sich an vielen Stellen ab.

Risse werden verklebt. Wenn man es perfekt machen wolle, dann füge man jeden einzelnen Faden der Leinwand wieder an sein Gegenstück an. Kunden sind unter anderem die Gemäldegalerie Kassel, das Bad Homburger Schloss, Kirchengemeinden und Privatleute.

Mit einem feinen Wattestäbchen und Lösungsmittel wird zunächst der vergilbte Firnis vorsichtig abgenommen. Schicht für Schicht, bis langsam der leuchtend blaue Himmel des Originals zum Vorschein kommt. Eine Arbeit, die viel Geduld erfordert. Zu Ursprungs Werkzeugen gehören Skalpell, Zahnarztbesteck und natürlich Pinsel in allen Formen und Größen. Schadhafte Stellen werden gesäubert, dann kommt an die oft winzigen Stellen – und es sind Tausende – eine Kittung, damit die Farbe nicht einsinkt, und dann wird in vielen kleinen Schichten beginnend mit der Vorretusche in Aquarell ausgebessert, bis schließlich wieder ein Schutz über das gesamte Bild gegeben wird: eine Schicht Dammarharz, die auch Tiefenwirkung und Glanz bringt.

Elisabeth Ursprung arbeitet so, dass alles in ferner Zukunft auch wieder entfernt werden kann: Bindemittel eignet sich da besser als reine Ölfarbe. Wie sie wirklich exakt die Farbnuancen der jeweiligen Stellen treffe? „Das ist Erfahrung“, lächelt sie. Und es braucht eine breite Kenntnis über Pigmente, wie überhaupt die Materialkunde eine Wissenschaft für sich ist. Wichtig ist ihr: „Wir Restauratoren machen das Bild nicht neu. Wir versuchen es in einen Zustand zu bringen, der nah am Originalzustand ist, und da gehören Patina, das tatsächliche Alter des Bildes und seine individuelle Geschichte dazu.“

Ursprung kopiert aber auch Gemälde. Was ist echt, was ist falsch? „Der Unterschied zwischen Kopie und Fälschung beginnt schon bei der Absicht“, erklärt sie. Wenn man mit einer falschen Signatur unterzeichne und zu dem Bild eine Provenienz, also eine Herkunft, erfinde, dann sei dahinter eine Fälschungsabsicht zu vermuten. Wer sich aber einen Monet nicht leisten könne, aber ihn nachmale oder nachmalen lasse, dem sei keine böse Absicht zu unterstellen.

Bei den Bildern, die Elisabeth Ursprung kopiert, handelt es sich häufig um Erbstücke, nicht selten um Gemälde, die Vorfahren abbilden, „die jeder Nachkomme gerne haben möchte“. Auch eine Form des Bewahrens: das Bewahren des Familienfriedens.

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