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Schutz vor Übergriffen und Beratung danach kann zurzeit nur eingeschränkt gewährt werden.

Soziale Einrichtungen

Die Angst schwingt mit

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die Beratungsstellen gegen sexuellen Missbrauch in Frankfurt fürchten um ihre Existenz wegen Einnahmenverlusten und höheren Ausgaben. Zusätzlich befürchten sie Einsparungen für 2021.

Die Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in Frankfurt sorgen sich um ihre Zukunft. Die Einnahmen sind coronabedingt eingebrochen. Gleichzeitig stiegen die Kosten für die nötige Ausstattung für die digitale Beratung und die Einhaltung von Hygienemaßnahmen. Darüber hinaus habe sich der Betreuungsaufwand „massiv erhöht“, sagt Marion Lusar, Leiterin vom Verein feministische Mädchenarbeit (Fem). „Die häusliche Isolation hat zu einer Zunahme von Gewalterlebnissen geführt“, sagt sie.

Als es im Frühjahr zum Lockdown kam, fielen alltägliche Unterstützungssysteme wie Sozialarbeiter:innen, Lehrerinnen und Hausärzt:innen plötzlich weg. „Das führte dazu, dass sich Situationen zugespitzt haben und es vermehrt zu psychischen Krisen kam“, sagt Lusar.

Durch die Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen fielen die gewohnten Face-to-face-Beratungen weg. So ging es auch den beiden anderen Frankfurter Beratungsstellen für Opfer von sexualisierter Gewalt, Wildwasser und dem Kinderschutzbund.

Um deren Klientel also weiter erreichen und beraten zu können, mussten die Stellen digital aufrüsten. Beratungen gingen nur noch per Telefon und Video. Das kostete mehrere Tausend Euro. Hinzu kamen höhere Ausgaben für die Ausstattung hinsichtlich der Hygienemaßnahmen. Für die Beratungsstellen bedeutete das einen finanziellen Kraftakt. Und nun schauen sie mit großer Sorge auf das kommende Jahr und den Haushalt für 2021. Sie befürchten eine Kürzung der Zuschüsse. Falls das Szenario eintreffen sollte, dann wäre das „eine Katastrophe“ sagt Stefan Schäfer, Geschäftsführer vom Kinderschutzbund Frankfurt. Denn die Beratungsstellen finanzieren sich nur zum Teil über die kommunalen Mittel, städtischen Zuschüsse und Fördermittel. Sie sind angewiesen auf private Spender:innen, auf Unternehmen oder Stiftungen. Zudem erbringen sie Eigenmittel aus Beratungs- oder Teilnahmekosten an Fortbildungen.

Verluste von bis zu 70 Prozent durch abgesagte Vorträge

Beim Kinderschutzbund liegen etwa die Einnahmen aus den Eigenmitteln bei 25 bis 40 Prozent. Wegen der Corona-Krise und den ausgefallenen Benefizveranstaltungen seien 70 000 Euro an Einnahmen weggebrochen, sagt Schäfer. Hinzu kämen Einnahmeverluste von bis zu 70 Prozent durch abgesagte Vorträge.

Bei Fem beträgt der Wegfall der Spenden von Unternehmen 60 000 Euro. „Weitere Veränderungen können wir realistisch erst zu Jahresende prognostizieren, wenn die Weihnachtszeit mit den dazugehörigen Spendenanlässen vorbei ist“, sagt Lusar. Sie sei in Sorge, da sich wirtschaftliche Auswirkungen bei Privatpersonen oder Unternehmen oder Kommunen auch erst 2021 deutlich zeigen könnten, wenn erste Hilfspakete des Bundes ausgelaufen seien.

Vonseiten der Stadt, heißt es, die städtischen Zuschüsse seien für dieses Jahr sicher, sagt Uta Rasche, Sprecherin von Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU). Und so lange der Haushalt für 2021 nicht verabschiedet sei, zahle das Jugend- und Sozialamt die Zuschüsse. So erhält der Kinderschutzbund etwa jährlich knapp 95 000 Euro, Fem rund 107 000 Euro. Die Beträge werden jedoch nur vierteljährlich ausgezahlt.

Hinzukommen die kommunalisierten Landesmittel vom Land Hessen. Wildwasser erhält 10 660 Euro, der Kinderschutzbund rund 65 000 Euro und Fem rund 50 000 Euro. Darüber hinaus hat die Landesregierung im zwölf Milliarden Euro schweren Sondervermögen insgesamt drei Millionen Euro für den Bereich Unterstützung von Einrichtungen zum Gewaltschutz vorgesehen. Davon entfallen maximal 675 000 Euro auf die Einrichtungen im Bereich des Kinderschutzes. Dabei sei die Zuwendung pro Einrichtung auf höchstens 15 000 Euro begrenzt, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der SPD.

 Gnadl: Höchstzuschuss geht „völlig an Realität vorbei“

Kritik kommt von Lisa Gnadl, sozialpolitische Sprecherin der SPD. Angesichts von 31 antragsberechtigten Frauenhäusern und über hundert ambulanten Beratungsstellen in Hessen sei die Summe sehr knapp bemessen. Außerdem gehe der Höchstzuschuss von 15 000 Euro „völlig an der Realität vorbei“, sagt sie. Einige kleinere Beratungsstellen könnten die Einnahmeausfälle vielleicht kompensieren. Aber: „Wir haben ja insbesondere in den Städten auch viele große Fachberatungsstellen, deren Defizite den Höchstbetrag bei den Zuschüssen bei weitem übersteigen“, so Gnadl.

Immerhin konnte sich die Landesregierung in Gesprächen mit hessischen Frauenhäusern auf zusätzliche Fördermittel aus dem Förderprogramm „Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ verständigen. Die Obergrenze bei den Beratungsstellen liegt hier auch bei 15 000 Euro.

Doch all diese Mittel reichten bei weitem nicht aus, heißt es vonseiten der Beratungsstellen. Zusätzlich haben sie für das kommende Jahr kaum Planungssicherheit in Bezug auf Benefizveranstaltungen und Fortbildungen. Und nun fallen für den Monat November wegen des Lockdowns geplante Veranstaltungen aus und damit sicher einkalkulierte Einnahmen. Bei Fem beispielsweise war eine Fortbildung für November geplant. Die Einrichtung verliert dadurch 4000 Euro. Allerdings konnten zwei Veranstaltungen noch im Oktober stattfinden. „Da hatten wir tatsächlich Glück“ sagt Lusar.

Andere Stellen hatten kein Glück. Wildwasser rechnet damit, dass es keine Feiern zum Ende des Jahres geben wird, die oft als Spendenanlässe genutzt werden. Man setze derzeit den Fokus darauf die persönlichen Beratungen und relevante Treffen aufrechtzuerhalten, sagt Jasmin Sidki-Klinger, Leiterin von Wildwasser Frankfurt. In der Einrichtung schwingt die Angst vor dem nächsten Jahr mit. „Wir sind eine unterfinanzierte Beratungsstelle, wenn für das nächste Jahr die Mittel und Personalstellen gekürzt werden sollten, dann wäre das existenzgefährdend.“

OB Peter Feldmann (SPD) hingegen möchte nicht sparen. In der Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag sagte er, dass trotz der schwierigen Lage der Stadt infolge der Pandemie „nicht die Zeit des Sparens und Kürzens“ sei. Doch Kämmerer Uwe Becker (CDU) reagierte verärgert. Die Stadt Frankfurt werde dieses Jahr mit einem Defizit von 300 Millionen Euro abschließen – ebenso wie das kommende Jahr. Insofern habe Frankfurt in dieser Pandemie noch gar nichts gespart.

Die Situation für das kommende Jahr sei generell „ungewiss“, sagt Dominike Pauli, Fraktionsvorsitzende der Linken im Römer. Sie kann die Sorgen der Beratungsstellen nachvollziehen. Denn kommt es doch zu Einsparungen, dann müssten wohl Beratungsstellen „den Gürtel enger schnallen“, sagt Pauli. In einigen Branchen werde ungern gekürzt, wie etwa bei der Messe. „Die Begehrlichkeiten im sozialen Bereich sind groß“, sagt sie. Dann würden Kürzungen von zehn Prozent kleinen Fachberatungsstellen „weh tun“.

Eine kleine Fachberatungsstelle ist Wildwasser. Immerhin konnte die Einrichtung die finanziellen Mehrausgaben durch eine Förderung der Hertie-Stiftung noch ausgleichen. Dennoch, sagt Sidki-Klinger, seien die Verhältnisse teilweise prekär.

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