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Särge, Krematorien, Bestatterkosten - alle wachsen mit dem Körpergewicht mit. Urnen sind da keine Ausnahme.

Krematorien am Limit

Dicke sterben teurer

Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer dicker. Die Betreiber von Krematorium beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge. Immer öfter geraten die Verbrennungsanlagen auch in Frankfurt und Wiesbaden an ihr Limit.

Von Eva Bender

Die Menschen in unserer Gesellschaft werden immer dicker. Die Betreiber von Krematorium beobachten diese Entwicklung mit großer Sorge. Immer öfter geraten die Verbrennungsanlagen auch in Frankfurt und Wiesbaden an ihr Limit.

Dass die Menschen in unserer Gesellschaft immer dicker werden, steht außer Frage. Die Bekleidungsindustrie hat sich längst darauf eingestellt, doch auch in anderen Bereichen wird nachgerüstet: XXL-Krankenwagen, XXL-Betten in Krankenhäusern und bald auch XXL-Krematorien?

In Mainz sorgte die Einäscherung eines übergewichtigen Leichnams im Januar für einen Feuerwehreinsatz. „Die Temperaturentwicklung war zu hoch für unser Kühlsystem“, erklärt Jeanette Wetterling vom Vorstand des Mainzer Wirtschaftsbetriebs. Auf die Überhitzung reagierte das Sicherheitssystem automatisch und leitete die heiße Luft durch den Schornstein ab. Der dabei sichtbare Rauchpilz rief die Feuerwehr auf den Plan. „Wir sind deswegen jetzt im Gespräch mit dem Hersteller“, erklärt Wetterling. „Die Kühlregelung muss verbessert werden.“

Dabei ist die Verbrennungsanlage in Mainz bereits auf Verstorbene mit einem Gewicht bis 250 Kilo ausgelegt, hinzu kommen noch 50 Kilo für den Sarg. „Doch neben dem Gewicht spielt auch die Sargbreite eine Rolle“, so Wetterling. Deshalb sei zur Zeit eine zweite Einäscherungslinie im Bau, über die auch überbreite Särge in die Verbrennungsanlage transportiert werden könnten.

Breitere Särge

Auch in Frankfurt und Wiesbaden sind die Krematorien auf Verstorbene, die bis zu 250 Kilo wiegen, eingestellt. Doch auch hier beobachten die Betreiber das steigende Übergewicht der Menschen mit Sorge. Michael Bleuel ist Leiter des Frankfurter Krematoriums. „Große Massen an Fett bereiten während der Verbrennung Probleme“, erklärt er.

„Fett, als Energieträger, gibt mehr Wärme ab.“ Das wirke sich einerseits auf die Temperatur im Ofen aus, andererseits auf die Verbrennungsdauer. „Normal sind 70 bis 80 Minuten, doch bei Übergewichtigen dauert es bis zu zwei Stunden“, so Bleuel. Dann sei das Sauerstoffmischverhältnis nicht mehr optimal und „es ist auch eine Frage der Emission“. „Vor 15 Jahren galt ein Mensch mit 120 Kilo schon als ein Schwerer“, erzählt Bleuel noch. „Inzwischen sind 130 bis 140 Standard.“ Auch Wilhelm Vogler, Geschäftsführer des Wiesbadener Krematoriums, beobachtet diesen Trend. „Von unseren jährlich rund 3000 Einäscherungen sind acht bis zehn Prozent der Fälle übergewichtig“, so Vogler. Sein Krematorium sei aber gewappnet: „Seit einem Jahr haben wir eine Einäscherungslinie für überbreite Särge. Was bei uns jetzt nicht durchgeht, das gibt es nicht.“

Doch nicht alle Krematorien in der Region sind auf extrem übergewichtige Verstorbene vorbereitet. In Offenbach und Hanau liegt die Obergrenze bei 180 Kilo. „Etwa 10 bis 20 Fälle im Jahr liegen an dieser Richtgrenze“, sagt Gabriele Schreiber, Leiterin der Städtischen Friedhöfe in Offenbach. „Im Zweifel müssen wir sie auf andere Unternehmen verweisen oder eine Erdbestattung anbieten“, so Schreiber. Bei der nächsten Sanierung, die bald anstehe, wolle man auf die breiter werdenden Särge Rücksicht nehmen und die Ofentüren anpassen.

Abgewiesene XXL-Abfragen

„Auch unser Krematorium muss derzeit XXL-Anfragen abweisen“, sagt Hanaus Pressesprecher Joachim Haas-Feldmann. „Von diesen Fällen gibt es aber nur etwa fünf im Jahr.“ Die Anlage sei erst 2006 erneuert worden, ein Umbau deshalb nicht geplant. In Hanau nimmt man einen Anstieg in der Zahl von Feuerbestattungen wahr. „Die Erdbestattungen gehen zurück. Die Feuerbestattungen machen inzwischen über 50 Prozent aus“, so Haas-Feldmann.

Auch der Hessische Landesverband der Bestatter beobachtet, dass „die Deutschen zunehmen“. „Besondere Vorbereitungen haben wir aber noch nicht getroffen. Noch ist Übergewicht ja nicht der Regelfall“, so der Vorsitzende Dominik Kracheletz. Es sei ein Thema, mit dem sich vor allem die Sargindustrie auseinandersetzen müsse. „Wir Bestatter haben nicht immer Sargübergrößen auf Lager. Deshalb wird es zunehmend wichtig, dass unsere Zulieferer eine gewisse Auswahl schnell liefern können“, so Kracheletz.

Bei Erdbestattungen sei Übergewicht weniger problematisch. „Gräber können leicht verbreitert werden“, so Kracheletz. Trotzdem seien Beerdigungen bei Übergewichtigen teurer. Das liege an dem erhöhten Personalbedarf. „Es sind zum Umbetten des Verstorbenen und zum Transport des Sarges statt zwei Helfern vier oder sechs nötig“, erklärt Kracheletz. Deswegen würden die Personalkosten in solchen Fällen um rund 50 Prozent steigen.

In der Branche ist man sich einig, dass Übergewicht in der Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird: „Die Kurve geht nach oben“, so Kracheletz. Und darauf wird man sich in allen Lebensbereichen vorbereiten müssen.

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