Prominente Gäste. Von links nach rechts Sozialdezernentin Birkenfeld, Ex-OB Petra Roth, Bürgermeister Uwe Becker, Kulturdezernentin Ina Hartwig und Oberbürgermeister Peter Feldmann.
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Prominente Gäste. Von links nach rechts Sozialdezernentin Birkenfeld, Ex-OB Petra Roth, Bürgermeister Uwe Becker, Kulturdezernentin Ina Hartwig und Oberbürgermeister Peter Feldmann.

Eröffnung

Der Dialekt, aus dem die Seele Atem schöpft

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Frankfurts neues Theater, die „Volksbühne“ am Großen Hirschgraben, präsentiert sich im Rahmen einer launigen Feierstunde mit Prinzipal Michael Quast.

Das Licht verlöscht, der Vorhang öffnet sich. Und die Musiker vom Ensemble Modern geben eine Art Generalprobe zum Besten. Am Freitag steht die Uraufführung des „Struwwelpeter“ eigentlich erst ins Haus. Doch Frankfurts neues Theater und sein Prinzipal präsentieren sich schon am Montagnachmittag, bestens gelaunt.

Ein Königreich für die Gedanken von Michael Quast. Seit 2008 hat der große Komödiant und Schauspieler gerackert und gekämpft, um seiner „Fliegenden Volksbühne“ ein festes Domizil zu verschaffen. Jetzt, mit gelinder Verspätung, konnte die „Volksbühne“ endlich ihr Haus beziehen, den Cantatesaal am Großen Hirschgraben im Frankfurter Stadtzentrum, von Architekt Michael Landes und seinem Team geschickt aus den 1950er Jahren in die Gegenwart überführt.

Wie ein Irrwisch flackert Quast mit seiner kongenialen Partnerin Sabine Fischmann anfangs über die Bühne, singt aus der Vertonung des „Struwwelpeter“-Textes von Heinrich Hoffmann aus dem 19. Jahrhundert: „Seht einmal her, hier steht er, der Struwwelpeter!“ Die Musik erinnert ein wenig an den großen Kurt Weill, an die Lieder aus den Stücken von Bertolt Brecht.

Endlich, endlich hat das moderne Mundart-Theater in Frankfurt ein festes Zuhause gefunden. Mehr als 300 Gäste sind gekommen, um das zu feiern. Und Quast erinnert immer wieder mit feiner Ironie an die Jahre seines Kampfes. Eigentlich, so sagt er, hatte er vor, zwei Schauspieler, als Handwerker verkleidet, immer wieder die Eröffnung unterbrechen zu lassen mit der Frage: „Sind sie immer noch nicht fertig?! Doch diese Idee habe er dann wieder gestrichen. Großes Gelächter.

Prinzipal Michael Quast heißt die Gäste mit großer Geste willkommen.

Doch ganz so lustig ist es gar nicht. Quast ist an diesem Abend sein eigener Tonmann, „weil uns das Geld für den Techniker fehlt“. Wieder Lachen. „Manche lachen, andere verstehen“, sagt Quast da.

Der begrüßt launig eine Fachfrau aus dem Stadtplanungsamt, „unsere Partnerin beim Projekt Paradieshof“. Das war der Ort in Sachsenhausen, den die Stadt 2012 der „Volksbühne“ eigentlich als Theater versprochen hatte. Doch dann strich eine schwarz-grüne Sparrunde das Projekt. Die Anspielung verstehen fast alle im Publikum.

Viele graue und weiße Haarschöpfe sind zu sehen, viele, die schon das frühere Volkstheater von Liesel Christ im Cantatesaal besucht hatten. Und natürlich sind etliche Theaterleute erschienen, von Michi Herl von der Stalburg über Winfried Becker vom Gallus-Theater bis zu Marion Tiedtke, der stellvertretenden Intendantin des Schauspiels.

Für sie alle erinnert Quast an das untergegangene Theater am Turm (TAT) – „Wissen Sie, was das TAT war?“ – und an seine Anfänge in Frankfurt.

1985 war der junge Schauspieler Quast in die Stadt gekommen. Er sollte am Schauspiel im Volksstück „Datterich“ auftreten, an der Seite der großen Liesel Christ. Doch dazu kam es nie. Denn zuvor hatte Schauspiel-Intendant Günther Rühle versucht, das umstrittene Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder aufzuführen. Mitglieder der Jüdischen Gemeinde besetzten die Bühne und verhinderten die Uraufführung, weil sie das Stück für antisemitisch hielten. Liesel Christ aber war über das Schauspiel so empört, dass sie ihre Teilnahme am „Datterich“ absagte.

So erzählt Quast en passant mit seiner Moderation zur Eröffnung seiner Bühne auch ein Stück Frankfurter Theatergeschichte. Und die Politiker kommen, um dem Satiriker ihre Reverenz zu erweisen. Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der behauptet: „Die Volksbühne, sie ist Frankfurt – wir können davon nicht genug bekommen. „Mundart“, meint der OB, drücke Heimat aus. Hart und herzlich gleichzeitig, so stelle Frankfurt sich dar, „Entlarven und Zusammenfügen“, das sei die Idee der Stadt.

Quast revanchiert sich mit feiner Ironie. Er empfiehlt den Cantatesaal für „Magistratssitzungen“ – unterdrücktes Kichern in den Reihen. Hatte Feldmann doch gerade die Paulskirche als Tagungsort für das Stadtparlament vorgeschlagen und dafür viel Widerspruch geerntet.

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) zitiert natürlich den großen Goethe. „Jede Provinz liebt ihren Dialekt, ist er doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“

Wohlweislich verzichtet die gebürtige Hamburgerin auf Versuche im Frankfurter Dialekt. Dafür gelingt ihr der schönste Versprecher des Abends – sie bescheinigt Michael Quast „Duchhaltevergnügen“. Der Frankfurter Uwe Becker erzählt dafür die schöne Geschichte, wie Gott einst den deutschen Volksstämmen ihren Dialekt zuteilte, den Bayern und Sachsen. Als die Frankfurter an die Reihe kommen, ist das Körbchen leer. Da sagt Gott: „Ei, dann babbelt ihr halt wie ich!“ Dankbarer Applaus für den Bürgermeister.

So geht der Nachmittag ins Land im wunderschön blauen Theatersaal, den Architekt Landes geschaffen hat. Draußen bricht die Dämmerung herein. Drinnen sorgt ein Fernsehteam des HR für große Empörung beim Publikum, weil die Journalistin vor der Kamera lautstark in die Eröffnung hineinredet. Frank Junker, der Geschäftsführer der ABG Holding, der Theater-Bauherrin, spricht dann sogar noch eine Zahl aus. 27 Millionen Euro habe die ABG in den Cantatesaal und das angrenzende künftige Deutsche Romantikmuseum investiert.

Kämmerer Becker verspricht dem Intendanten Quast, man werde auch künftig gemeinsam über mögliche finanzielle Engpässe des Theaters hinwegkommen. Für den Satz gibt es zum Glück viele Zeugen. Doch jetzt freuen sich erst einmal alle auf die Uraufführung des „Struwwelpeter“ am Freitag.

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