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Wo einst die Gäule rannten, traben in absehbarer Zeit Fußballer über den Rasen – abgelenkt vom Anblick der Skyline.

DFB-Akademie

Der Tag des Aufbruchs

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Mit der künftigen Akademie in Frankfurt will der DFB sein stark angeschlagenes Image aufpolieren.

Der Himmel reißt auf, und der Blick geht weit über das Gelände der früheren Frankfurter Galopprennbahn hinaus. Im Hintergrund reihen sich die Türme der Skyline, im Vordergrund versucht Oliver Bierhoff, seine Gefühle zu beschreiben. „Es ist ein langer Traum, der in Erfüllung geht“, sagt der Direktor Nationalmannschaften und Akademie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Gespräch mit der FR.

Mit mehr als drei Jahren Verspätung organisiert der DFB an diesem Tag den ersten Spatenstich für seine geplante Fußball-Akademie. Hier, auf dem weiträumigen Areal im Frankfurter Stadtteil Niederrad, soll von Herbst 2021 an das Herz des DFB schlagen. Für 150 Millionen Euro entsteht die Akademie – also ein großes Ausbildungszentrum des Fußballs, in dem Trainer ebenso wie Nationalmannschaften geschult werden. „Ziel der Akademie ist es aus sportlicher Sicht, viele Experten an einem Ort zu versammeln“, erklärt der 50-Jährige. Dabei gehe es sowohl um „Elitenförderung“ wie es auch „enorm wichtig“ sei, „die Breite des Fußballs zu unterstützen“.

Im Herbst 2021 will der DFB aber auch sein bisheriges traditionsreiches Domizil an der Otto-Fleck-Schneise im Frankfurter Stadtwald verlassen und mit der gesamten Verwaltung nach Niederrad umziehen. Fast 500 Menschen sollen dann dort arbeiten, wo mehr als 100 Jahre lang der Galopprennsport zu Hause war.

Nur zum Vergleich: Noch im Jahr 2006 umfasste der DFB lediglich 100 Beschäftigte – das zeigt das rasante Wachstum der Organisation.

Bierhoff stellt im Gespräch mit der FR aber auch in Aussicht, dass alle Bürgerinnen und Bürger von dem neuen Zentrum profitieren werden. „Wir werden immer wieder unsere Türen offen haben“, verspricht er. Und sagt sogar: „Es wäre mein Ziel, dass man der Nationalmannschaft beim Training zuschauen darf.“ Wobei der frühere Nationalspieler aber zugleich auch auf die hohen Sicherheitsanforderungen hinweist, die heute beim Nationalteam gelten.

Eines wird sehr deutlich bei diesem Termin: Der DFB möchte sein stark angeschlagenes Image aufbessern, das zuletzt durch den erzwungenen Rücktritt des Präsidenten Reinhard Grindel noch mehr Risse bekam. Und der Verband möchte sportlich mit der Nationalmannschaft wieder auf das Niveau zurückkehren, auf dem sie sich noch vor einigen Jahren befand.

Und dabei spielt die Akademie eine entscheidende Rolle. „Wir haben uns zu sehr ausgeruht“, urteilt DFB-Vizepräsident Reinhard Rauball. Die Fußball-nation England sei bei der Ausbildung von Talenten „an uns vorbeigerannt“, Gleiches gelte für die Franzosen: „Die haben uns ebenfalls im Griff.“

Rauball gibt die Parole aus: „Das müssen wir wieder aufholen.“ Da brandet Beifall auf im großen Zelt, in dem zahlreiche Politiker, DFB-Offizielle und Journalisten versammelt sind. Und der 72-Jährige formuliert das klare Ziel: „Der Fußball muss wieder die Stellung bekommen, die er im Moment unzweifelhaft nicht hat.“

Oliver Bierhoff im Gespräch mit Journalisten.

Bierhoff erinnert sich zurück, wie er vor elf Jahren die Idee entwickelt habe, Akademie und Verwaltung des DFB zusammenzulegen – und dafür vom damaligen Präsidenten Theo Zwanziger zusammengefaltet worden sei.

Doch kleinlich zurückschauen möchte eigentlich niemand beim ersten Spatenstich. Auch nicht auf die Tatsache, dass die Stadt Frankfurt nicht wie versprochen am 1. Januar 2016, sondern erst im Frühjahr 2019 das Baugelände lieferte. „Wir haben uns als sehr widerstandsfähig gezeigt“, sagt DFB-Vizepräsident Reinhard Koch stolz.

Die heutige Situation des Verbands an der Otto-Fleck-Schneise beschreibt Generalsekretär Friedrich Curtius mit den Worten: „Wir platzen aus allen Nähten.“ Natürlich will auch die Kommunalpolitik beim Aufbruch des deutschen Fußballs dabei sein. „Der DFB weiß, dass Frankfurt seine Heimstatt ist“, behauptet Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD).

Doch der OB fremdelt hier stark. Er bringt Reinhard Rauball durch die Behauptung in Verlegenheit, dieser habe im Waldstadion beim jüngsten Europapokal-Spiel ein Eintracht-Banner gezeigt. Rauball, immerhin Präsident von Borussia Dortmund, dementiert empört: „Ich habe keine Fahne von Eintracht Frankfurt geschwungen – ich zeige nur Schwarz-Gelb!“

Doch der DFB lässt sich diesen Tag des Aufbruchs nicht verderben. Frauen-Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg freut sich „riesig“ darauf, künftig mit Blick auf die Skyline zu trainieren. Mit einem donnernden Applaus stärkt das gesamte Medienzelt der Trainerin den Rücken für die bevorstehende Weltmeisterschaft in Frankreich.

Die Akademie: Daten und Fakten

Die Architekten des Büros kadawittfeldarchitektur zeichnen für den Entwurf der Fußball-Akademie in Frankfurt verantwortlich. Die Tragwerksplanung stammt von R&P Ruffert Ingenieure.

15 Hektar groß ist das Baugelände auf dem Areal der ehemaligen Galopprennbahn im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Die Fläche war in den zurückliegenden Monaten von der alten Bebauung geräumt worden.

Die Kosten des Projekts sind von ursprünglich 77 Millionen Euro auf zuletzt 150 Millionen Euro gestiegen. Der DFB versichert, dabei bleibe es auch. Allerdings sind an der bisherigen Planungen Abstriche gemacht worden.

Unter einem Dach vereint die Akademie die theoretische Schulung und das praktische Training von Trainern der Nationalmannschaften von Männern und Frauen sowie verschiedener anderer DFB-Teams.

Zur Anlage gehören unter anderem dreieinhalb Rasenplätze, ein überdachter Kunstrasenplatz und ein Laufhügel für das Training unter freiem Himmel.

Bereits 2015 hatte der DFB für das Projekt einen internationalen Wettbewerb unter Architekten ausgeschrieben.

Der Bau soll über eine Solaranlage mit Strom versorgt werden.

Ein Parkhaus mit 350 Stellplätzen wird über die Schwarzwaldstraße erschlossen.

Die alte DFB-Anlage an der Otto-Fleck-Schneise im Stadtwald geht einer ungewissen Zukunft entgegen. Möglicherweise kann sie das Organisationsbüro für die Fußballeuropameisterschaft 2024 in Deutschland aufnehmen. (jg)

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