+
Phillip Waechter an seinem Arbeitsplatz, einem früheren Zahnlabor.

Philip Waechter

Unaufgeregt von Buch zu Buch

  • schließen

Philip Waechter ist einer der renommiertesten Kinderbuchautoren. Das hat auch mit seinem Vater zu tun, dem Star der Neuen Frankfurter Schule - ein Porträt.

Ein Nashorn kann sich in eine Rakete setzen und zum Mond fliegen. Doch, das geht, natürlich geht das. Und wer jetzt alberne und überflüssige Fragen stellt, wer etwa wissen will, wie das Nashorn den Startknopf drückt und wie es den Schub der Rakete reguliert, der lebt vermutlich nicht in der Welt, für die der Frankfurter Künstler Philip Waechter Bücher zeichnet und schreibt.

Kinder haben meistens keine Probleme, sich vorzustellen, dass Nashörner zum Mond fliegen. Sagt Waechter, um zu begründen, dass er lieber für junge Leserinnen und Leser Bücher macht. Mehr als zwei Dutzend hat er geschrieben und/oder illustriert. Wobei sich einige seiner Werke mindestens so sehr an Erwachsene wie an Kinder richten. „Sohntage“ zum Beispiel, ein Buch, in dem Waechter mit Zeichnungen und kurzen Texten beschreibt, wie es jungen Eltern so geht. Da sitzt dann der Vater mit seinem Kleinkind auf dem Boden und sagt: „Und irgendwann gehst du auf die Dippemess, kaufst dir fünf Lose und musst weinen, weil du natürlich nur Nieten ziehst, aber so ist das Leben!“ Und wohl jeder, der Kinder in diesem Alter hat, denkt in dem Moment: Verflucht, so wird es kommen. Entstanden ist das Buch übrigens aus Tagebuch-Zeichnungen. Andere Menschen schreiben Tagebuch, Philip Waechter zeichnet jeden Abend, was er erlebt hat und was ihn beschäftigt. Insofern hat „Sohntage“ auch viel mit seinem eigenen, mittlerweile 13 Jahre alten Sohn zu tun.

Philip Waechter, 50 Jahre alt, Brille, dünne, fast hagere Statur, sitzt an einem langen Tisch und spricht über seine Bücher. Er tut das unaufdringlich, aber auch ohne falsche Bescheidenheit. Dass er zu den bekanntesten deutschen Kinderbuchautoren gehört, dass er Auszeichnungen wie den Preis der Stiftung Buchkunst gewonnen hat und kürzlich mit seiner Frau, der Grafikerin und Autorin Moni Port, für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, dass seine Zeichnung von Robert Gernhardts Grüngürteltier in den Wiesen und Wäldern rund um Frankfurt an jeder Ecke hängt – das alles erwähnt er nicht. Er wiegelt aber auch nicht peinlich berührt ab, wenn man ihn darauf anspricht. Philip Waechter ist vor allem ein unaufgeregter Mensch – wenn er nicht gerade das Pokalfinale schaut und Eintracht-Spieler Mijat Gacinovic in der letzten Minute der Nachspielzeit in Richtung des leeren Bayern-Tores rennt. Aber davon wird noch die Rede sein.

Es ist spannend zu hören, wie Waechters Bücher entstehen. Über „Rosi in der Geisterbahn“ etwa könnte man lange mit ihm reden. Rosi ist ein Hase, der Angst vor Monstern hat und sich am Ende des Buchs in die Geisterbahn traut (natürlich können Hasen Geisterbahn fahren, vgl. den Beginn des Textes). Der Hase und die Monster, „das war zunächst nur eine Skizze, die ich beim Warmzeichnen in einem Workshop angefertigt habe“, erzählt er. Eine Geschichte wurde erst daraus, nachdem er sich tagelang in die Natur zurückgezogen hatte, wo er die Ruhe fand, um sich zu überlegen, was so ein kleiner Hase mit großer Angst wohl erleben und empfinden könnte.

Waechters neues Werk

Aber eigentlich soll es ja um ein anderes Buch gehen, um Waechters neues Werk. Es ist sein erster richtiger Comic und heißt „Toni. Und alles nur wegen Renato Flash“, was etwas sperrig klingt, aber den Inhalt des Buches in wenigen Worten gut wiedergibt. Renato Flash ist nämlich der Name eines Fußballschuhs, den der begeisterte Fußballspieler Toni unbedingt haben will. Und wer jetzt das Interesse verliert, weil er sich nicht für Fußball interessiert und befürchtet, Philip Waechter habe in dem kürzlich erschienenen Buch seine Eintracht-Frankfurt-Pokalerlebnisse verarbeitet, dem sei gesagt: Eigentlich geht es in dem Band gar nicht um Fußball oder nur ein bisschen. Es geht darum, was Toni alles macht, um die Fußballschuhe zu bekommen, es geht um Hundehaufen und einen besonderen Lastwagen. Und es gibt „den besten und lustigsten Mutter-Sohn-Dialog aller Zeiten“ zu lesen, wie „Deutschlandfunk Kultur“ unlängst festgestellt hat.

Während Waechter erzählt, ist um ihn herum Betrieb. Wir sitzen im „Labor“, einer Art Künstlerkolonie in Sachsenhausen. Labor, das klingt nach experimenteller Arbeit, nach Menschen, die auf der Suche nach neuen, nach künstlerischen Lösungen für das Leben sind. Die Wahrheit ist profaner. Die 150 Quadratmeter, auf denen die acht Texter, Zeichner, Gestalter, Illustratoren seit 1998 arbeiten, waren einmal ein Zahnlabor. „Beim Renovieren haben wir noch Zähne gefunden“, erinnert sich Waechter. Die acht Leute jedenfalls sind weitaus mehr als eine Zweckgemeinschaft. Sie haben viele gemeinsame Projekte, jeder hat aber auch seine eigenen Aufträge.

Das Gespräch mit Waechter dauert jetzt schon eine Stunde, und über die Eintracht wurde immer noch nicht geredet. Aber zuvor muss es, nein: zuvor soll es um F. K. Waechter gehen, seinen berühmten Vater. Philip Waechter ist weder genervt von dem Thema noch wirkt er, als habe er es kaum erwarten können, über den Star der Neuen Frankfurter Schule zu reden. „Natürlich habe ich ihm viel zu verdanken“, sagt er und erzählt von der teils harten, aber immer aufbauenden Kritik des Vaters an seinen Zeichnungen in der Jugendzeit.

Ebenso war der Name aber auch Belastung. „Ganz wie der Vater ist es aber noch nicht“ – derartige Bemerkungen hat Philip Waechter oft zu hören bekommen, als er Ende der 80er/Anfang der 90er Jahre seine frühen Werke den Verlagen vorlegte. Vor allem aber habe er durch F. K. Waechter erfahren, dass so ein Leben als Zeichner und Autor „ziemlich cool sein kann: Wir konnten von dem Geld leben, mein Vater wurde auf der Straße angesprochen, durfte Autogramme geben“.

Heute wird Philip Waechter auf der Straße angesprochen und muss Bücher signieren. Doch bei den Gesprächen, die er bei sich im Nordend führt, geht es längst nicht immer nur um ihn und seine Arbeit. Zuletzt hat er viel über die Zukunft der Mensa in der IGS Nordend geredet. Sein Sohn besucht die Gesamtschule am Prüfling, die seit dem Sommer vom Großcaterer Sodexo mit Essen beliefert wird – trotz des Protestes für die „Cantina Buen Barrio“, an dem sich Waechter mit Familie beteiligt hatte. „So etwas ist richtig frustrierend“, sagt er.

Richtig frustrierend? So darf ein Gespräch mit Philip Waechter nicht enden. Und so geht es zum Schluss doch noch um die Eintracht, die der Zeichner und Autor seit seiner Kindheit verfolgt. „Unglaublich, was die gerade spielen“, sagt Waechter. Doch wer 50 Jahre alt ist und immer schon Eintracht-Fan war, der weiß, dass das Gefühl, alles gewinnen zu können, in der Regel nicht von Dauer ist. Deshalb jetzt bloß nicht über die Champions League reden, sondern lieber über den 19. Mai. Den Tag, an dem die Eintracht den Pokal gewann. Bis zur Nachspielzeit war sich Waechter sicher, dass am Ende doch die Bayern gewinnen würden. Als die Alles-und-immer-Sieger von der Isar ganz zum Schuss fast noch einen Elfmeter bekommen hätten, ist Waechter vor der Leinwand im Garten schier ausgerastet, aber dann schnappte sich Gacinovic den Ball und schoss ihn ins leere Tor. In dem Moment war Waechter klar: „Das hier wird uns keiner mehr nehmen können.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare