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Ein Rettungswagen ist mit Blaulicht unterwegs. (Symbolbild)

Notfallsanitäter

Rettung am Limit

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Hohe Belastung, regelmäßige Überstunden: Die Arbeitsbedingungen für Sanitäter stehen in der Kritik.

Bis zu 300 Überstunden pro Notfallsanitäter und offensichtliche Rechtsverstöße: Die Gewerkschaft Verdi hat die Arbeitsbedingungen im hessischen Rettungsdienst scharf kritisiert und die Politik zum Handeln aufgefordert.

Manfred Brasch spricht von einer „tickenden Zeitbombe“. Seit 30 Jahren fährt er Einsätze im Main-Kinzig-Kreis, er arbeitet als Notfallsanitäter für das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Hanau. Seine reguläre Schicht dauert zwölf Stunden. Nicht selten werden daraus jedoch 14 oder mehr. Denn wenn ihn die Leitstelle kurz vor Dienstende zu einem Notfall beordert, hat er keine Wahl – Stichwort unterlassene Hilfeleistung.

Brasch ist deshalb häufig völlig erschöpft, wenn er seinen fünf Tonnen schweren Krankenwagen mit Blaulicht über vielbefahrene Kreuzungen manövriert. Kein Wunder, dass er Angst davor hat, kurz unaufmerksam zu sein oder einzunicken. Schon heute sei der Anstieg an Unfällen mit Blaulichtfahrzeugen in seinem Bereich „immens“.

Erst im Sommer hat Hessen ein neues Rettungsdienstgesetz verabschiedet. „Es hätte viele Dinge besser regeln können“, sagt Brasch. Herausgekommen sei aber nur ein „Weiter so“.

Konkret werden wie schon bisher die Leistungen der Rettungsdienste von Landkreisen und Städten festgelegt und ausgeschrieben. Darauf können sich Verbände wie das DRK bewerben, finanziert wird alles von den Krankenkassen. Die Verhandlungen zwischen Verbänden und Krankenkassen erfolgen einzeln für jede Kommune.

Klingt kompliziert? „Wir müssen auch lachen, das kann man den Menschen nicht erklären“, sagt Brasch. Gar nicht lustig findet er jedoch die Konsequenzen: Zum einen sei die Finanzierung unzureichend, Rettungsdienste müssten bei den Krankenkassen regelrecht um Geld „betteln“. Zum anderen fehlt es an hessenweit einheitlichen Standards, etwa was die technischen Hilfsmittel angeht. Sein Kollege Christian Hilka wünscht sich zum Beispiel einen sogenannten Treppensteiger, der Rettungskräfte beim Krankentransport auf Treppen körperlich entlastet. Weil dieser aber im Leistungskatalog fehlt, weigern sich die Krankenkassen, dafür zu zahlen.

Nicht nur wegen der Überstunden und fehlender Hilfsmittel spricht Stefan Röhrhoff, Verdi-Sekretär für Gesundheit und Soziale Dienste, von einer landesweit „mehr als problematischen“ Lage der Rettungsdienste. Auch hätten die Sanitäter keine Chance, vorgeschriebene Pausen einzuhalten. Es werde „regelmäßig gegen das Arbeitszeitgesetz verstoßen“, sagt Röhrhoff.

Die Folgen: Der Nachwuchs wendet sich ab, schon heute wollen viele Notfallsanitäter nach ihrer dreijährigen dualen Ausbildung lieber in ein Krankenhaus gehen. Gleichzeitig ist es für viele aufgrund der körperlichen Belastung „unvorstellbar“ (Röhrhoff), bis zum Rentenalter von 67 Jahren zu arbeiten.

„Wir haben versucht, mit dem Ministerium zu reden“, beschreibt Röhrhoff die Bemühungen Verdis um Verbesserungen im neuen Rettungsdienstgesetz. Landesweit einheitliche Standards, wie es sie etwa in Baden-Württemberg gibt, wären ein wichtiges „Druckmittel“ für die Verhandlungen mit den Krankenkassen.

Vor fast einem Jahr hat Verdi dem zuständigen Sozialministerium ein entsprechendes Schreiben übergeben. Bis heute wartet die Gewerkschaft nach eigenen Angaben auf eine Antwort. Dazu wollte das Ministerium keine Stellung beziehen. Pressesprecher Markus Büttner antwortete der FR schriftlich, dass Arbeitszeiten und -pausen bundesweit geregelt seien. Hessen habe hier „keine Befugnis zur Rechtssetzung“. Und: „Der Rettungsdienst ist eine wichtige Grundlage für unsere Gesellschaft.“

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