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Trude Simonsohn im Hörsaalgebäude.

Holocaust

Eine Scheinwelt für KZ-Kinder

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Die Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn spricht über das Alltagsleben von Kindern im Konzentrationslager Theresienstadt. Sie selbst hat das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt und mitbekommen, wie Josef Mengele Kindern Schokolade gab, bevor er sie vergaste.

„Theresienstadt haben Menschen unterschiedlich erlebt. Alte Menschen haben gehungert. Für Kinder haben wir versucht, ein lebenswürdiges Umfeld zu schaffen“, sagte die 93-jährige Holocaust-Überlebende Trude Simonsohn bei ihrem Vortrag „Die Kinder im KZ Theresienstadt“. Mit Geschichten aus dem Alltagsleben im Konzentrationslager löste sie am Mittwoch im Hörsaalgebäude am Campus Bockenheim sowohl Erschütterung als auch Heiterkeit aus.

Heimlich habe Trude Simonsohn als Erzieherin im Lager mit weiteren Erwachsenen dazu beigetragen, dass Kinder unterrichtet wurden und spielen konnten. Ein Kind habe dabei immer Wache gehalten, falls SS-Leute vorbeikamen. Grausames Elend und Scheinnormalität für Kinder hätten im KZ Theresienstadt, das die Nationalsozialisten als Vorzeigelager gegenüber dem Internationalen Roten Kreuz missbrauchten, nahe beieinandergelegen.

„Eigentlich erwartet jedes Kind, dass seine Eltern es beschützen“, sagt Trude Simonsohn. Doch in Theresienstadt waren die Eltern ebenso hilflos wie ihre Kinder. Die Selbstverwaltung durch den Ältestenrat des KZ habe wenig Befugnisse gehabt. Typhus und Tuberkulose hätten sich ausgebreitet, es habe Korruption und Diebstahl gegeben. Mit Vertretern des Roten Kreuzes hätten Insassen nicht sprechen dürfen. Damit Kinder die Hilflosigkeit und Demütigungen ihrer Eltern nicht miterleben sollten, seien sie früh von ihren Familien getrennt worden, um mit anderen Kindern aufzuwachsen.

Auf Zeit gespielt

Am meisten hätten die Menschen jedoch durch die Unterernährung gelitten. „Es mag sich grausam anhören“, warnt Simonsohn ihr Publikum, bevor sie weiterspricht. Als Antwort auf die Unterversorgung habe der Ältestenrat entschieden, Nahrungsrationen der ältesten Menschen zu reduzieren, um die Überlebenschancen der KZ-Kinder zu sichern. „Was sich nämlich militärisch abspielte, wussten die meisten von uns. Daher spielten wir auf Zeit“, sagt Simonsohn.

Doch auch angesichts der Umverteilung der Nahrung auf die jüngeren Insassen hätten die Menschen Lösungen gefunden. Um den alten Menschen ihre Dankbarkeit auszusprechen für die Nahrung, hätten Kinder kleine Aufgaben für ältere Menschen erfüllt – Betten bezogen, Zimmer gereinigt, kleine Kurierdienste. „Darf ich dein Enkel werden“, habe eines Tages ein Junge einen alten Mann gefragt. Auf diese Weise sei es vielfach zu Adoptionen gekommen zwischen vereinsamten Senioren und Kindern, deren Eltern in ein Vernichtungslager deportiert worden sind.

„Durch das Leid und die Verzweiflung sind Kinder viel schneller reif geworden“, sagt Simonsohn. Manchmal sei es durch die pädagogische Arbeit gelungen, „die Kinder sogar ein bisschen glücklich zu machen“, erzählt sie. Für eine Gruppe von an Tuberkulose erkrankten Kindern hätten inhaftierte Schauspieler ein Marionettenspiel vorbereitet, um sie zum Lachen zu bringen.

Vieles habe Simonsohn allerdings erst im Nachhinein erfahren, sagt sie. „Ich bin froh, dass ich nicht wusste, was mit den Kindern passiert ist, die nach Auschwitz kamen“, sagt die Frankfurterin. Kinder unter 14 Jahren, die nicht arbeiten konnten, seien sofort vergast worden. Mitbekommen habe sie im KZ Auschwitz jedoch, dass Josef Mengele Kindern zunächst Schokolade gegeben und sie anschließend vergast habe. Simonsohn überlebte das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und wurde am 9. Mai 1945 im KZ Merzdorf von der Roten Armee befreit.

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