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Kian Malek (mit Schürze) erklärt den Teilnehmern, woher er den Käse an seinem Stand bezieht und was ihn so lecker macht.

Kulinarisches Frankfurt

Auf Streifzug durch die Kleinmarkthalle

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Frankfurt feiert seine Gästeführer und bietet viele kostenfreie Stadttouren. Spannende Persönlichkeiten stehen dabei im Fokus.

Mango, Ananas, Khaki, Weintrauben und Orange sind auf dem Teller verteilt. Jedes Stückchen ist mit einem Spießchen versehen, schnell greifen die Männer und Frauen zu und kosten das Obst. Standbesitzer Machmut hat die Früchte am Morgen im Frischezentrum in Frankfurt gekauft und bietet sie nun in der Kleinmarkthalle der Mainmetropole an. Den besonderen Teller hat er aber exklusiv für eine kulinarische Gästeführertour von Verena Röse vorbereitet. Die 37-jährige Frankfurterin führt öfters Menschen durch die denkmalgeschützte Halle in der Innenstadt. Röse erzählt über die Wege, die das Obst im Flugzeug zurückgelegt hat oder auch darüber, dass es durchaus Kunden gibt, die bei Machmut kein Obst kaufen, weil es aus Israel oder der Türkei stammt – Politik am Marktstand. Die Gästeführerin legt ihren roten Mantel ab, gibt ihn Machmut und führt die sechsköpfige Truppe zum nächsten Stand.

Seit zehn Jahren ist Verena Röse Gästeführerin. „Es ist aber kein geschützter Beruf. Im Grunde kann sich jeder Gästeführer nennen“, sagt sie. Doch die Frankfurterin ist kein Hobby-Tourguide, Röse ist selbstständig und verdient mit den Touren ihren Lebensunterhalt. Maximal 15 Touren macht sie pro Woche. „Momentan im Winter sind es eher fünf.“ Erst im Mai wird die Nachfrage wieder merklich steigen. Dann, wenn das Wetter wieder schöner ist und die Leute einen Ausflug machen wollen, ist Hochsaison bei den Gästeführern.

Röses beruflicher Werdegang begann eigentlich im Hotelbereich. Die aus dem Westerwald stammende Frau machte ihre Ausbildung zur Hotelkauffrau in Frankfurt. Später ging sie in den Marketingbereich. Als sie erfuhr, dass die Stadt Gästeführer ausbildet, sah sie eine Chance für etwas neues. Drei Monate dauerte die Schulung, die heutzutage von der Tourismus und Congress GmbH angeboten wird. Verena Röse lernte Stadtgeschichte, Didaktik, Konfliktmanagement und verinnerlichte Wichtiges zu Archäologie und Geschichte. Am Ende folgten eine schriftliche und mündliche Prüfung. „Dann war ich offizielle Gästeführerin der Stadt Frankfurt.“

Erst machte Röse die Führungen nebenbei, doch irgendwann stieg sie komplett darauf um. „Die Leute fragen immer, ob man davon leben kann. Das kommt darauf an, wie man lebt. Reich werde ich damit wohl nie werden“, erzählt die 37-jährige Mutter.

Die Tour durch die Kleinmarkthalle führt vorbei an Würsten, Antipasti und Blumen. Nach dem Obststand geht die Gruppe zur Käsetheke von Kian. Der Mann erzählt den sechs Gästen, wo der Käse herstammt, wie er zubereitet wird und dass man die blauen Blütenblätter am Rand der Äppelwoi-Käsesorte durchaus mitessen kann. Der Main-Gourmet-Stand von Kian hat vor einiger Zeit erst neu eröffnet. Die Fluktuation in der Markthalle sei gering, erklärt Röse. Viele Geschäfte seien seit der Eröffnung 1954 immer noch dabei. „Es ist mutig hier einen neuen Stand aufzumachen“, sagt die 37-Jährige. Die Pacht sei verhältnismäßig hoch und das Geschäft eher rückläufig. Aber die Halle bleibt sich treu, sagt die Gästeführerin und blickt von der Empore auf die dichtgestaffelten Stände im unteren Bereich.

Die kulinarische Tour durch die Frankfurter Kleinmarkthalle ist einer von Röses Lieblingsstreifzügen. Insgesamt bietet sie aber 35 verschiedene Angebote an. Sie brauche die Abwechslung. „Aber nicht alle werden im Jahr so häufig gebucht.“ Kriminalgeschichten, Kleinmarkthalle und Bahnhofsviertel sind beliebte Touren. Die Führung über den Hauptfriedhof ist hingegen nicht so beliebt. „Da scheuen die Gäste sich, als würden sie nicht mehr lebendig herunterkommen.“ Dabei biete der Friedhof so viele sehenswerte Gräber und Geschichten dazu.

Was Verena Röse so sehr an ihrem Beruf liebt, ist die Interaktion mit den Kunden. „Ich denke man muss menschenfreundlich und wetterunempfindlich sein und man muss gern reden und laufen wollen“, resümiert die Frankfurterin. Jede Gruppe sei anders. Mal ist es eine Schulklasse, mit der sie anders umgehen müsse, als mit einer Gruppe aus dem Seniorenheim. „Bei den Senioren lernt man dann oftmals selbst noch etwas.“

Doch ganz egal ob 20 Personen oder zwei Personen – keine Tour sei gleich. „Ich erzähle nie die selben Geschichten auf den Touren.“ Im Vorfeld versucht Röse herauszufinden, was der Gruppe wichtig ist und was sie wollen. „Heute erwarten die Leute eher ein Event. Sie wollen Unterhaltung und nicht nur die reine Wissensvermittlung.“ Und gab es tatsächlich schon Touren nur für zwei Personen? „Ja. Sie haben sich die Tour geschenkt und haben die Exklusivität genossen.“

In der Kleinmarkthalle geht es weiter zur dritten Station. Bei Alla Vita Buona gibt es selbstgemachtes Pesto und Zitronenschnaps. Familie Masi aus Sizilien ist bereits seit vielen Jahren auf der Empore der Halle vertreten. Von Italien in den Iran ist es dann nur ein kurzer Fußmarsch. Im Persienhaus gibt es Ingwertee, getrocknete Früchte und Nüsse zu probieren. Fast alle der 64 Händler in der Halle kennt Röse persönlich und zu jedem in der Regel auch eine Geschichte. So wie die von Renate Keller, die einen Blumenladen in der Halle betreibt. 1954, zur Eröffnung, hat Frau Keller dem damaligen Oberbürgermeister Walter Kolb eine Blume ans Revers stecken dürfen.

Um den Beruf des Gästeführers und die Möglichkeit der Führungen bekannter zu machen gibt es seit 1990 den Weltgästeführertag. In Deutschland wurde er erstmals im Jahr 1999 begangen und wird jährlich mit einem neuen Motto gefeiert. In diesem Jahr geht es um „Menschen, die Geschichte schrieben“. Auch der Verein der Frankfurter Stadt- und Gästeführer nimmt erneut an der Veranstaltung teil – und widmet dem Thema gleich eine ganze Event-Woche. Auch Touren auf Russisch, Finnisch oder Japanisch sind dabei. „Bei uns im Verein sind insgesamt 18 Sprachen vertreten. Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen“, sagt Röse und lacht. Die Führungen in der Festwoche seien Angebote, die es sonst nicht zu buchen gibt.

Nach fast zwei Stunden ist die Tour durch die Kleinmarkthalle zu Ende. Als Abschluss gibt es Frankfurter Würstchen mit Grie Soß und Äppelwoi aus dem Gerippten. Die Gruppe ist zufrieden und fragt bereits nach den anderen 34 Touren.

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