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Ein Organspendeausweis.

Bernd Hontschik

„Immer die letzte Chance“

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Der Arzt Bernd Hontschik spricht über Lebertransplantationen und die Auswirkung von Skandalen. Dabei geht er auch auf den Fall am Uniklinikum Frankfurt ein.

Der Chirurg Bernd Hontschik sieht in dem Frankfurter Fall einen „neuen Rückschlag“ für die Transplantationschirurgie. Wenn es aber nur um eine vernachlässigte Dokumentation gehen sollte, solle man „keine große Sache daraus machen“, sagt der Arzt und regelmäßige FR-Autor.

Herr Hontschik, an der Uniklinik Frankfurt sollen Patienten auf der Liste für Lebertransplantationen nach oben gerückt sein, ohne dass die Voraussetzungen dafür gegeben waren. Hat Sie der Fall überrascht?
Ja, das hat mich überrascht. Ich dachte eigentlich, nach den schockierenden Skandalen, den Suspendierungen und den Gerichtsprozessen sei jetzt endlich Ruhe im Karton, um einen vernünftigen und vertrauensbildenden Neustart hinzubekommen. Aber man muss jetzt erst mal genau schauen, wie denn der konkrete Vorwurf eigentlich lautet. Wenn es sich nur um vernachlässigte Dokumentationspflichten und bürokratische Fehler handelt, dann sollte man da keine große Sache daraus machen. Wenn aber wieder mit falschen Laborwerten und gefälschten medizinischen Befunden die Warteliste der schwerkranken Patienten manipuliert worden ist, dann ist das sehr ernst und muss zu personellen, wohl auch zu strafrechtlichen Konsequenzen führen.

Bei welchen Krankheiten wird die Leber transplantiert – und wie lebenswichtig ist so eine Operation?
Das können ganz verschiedene Krankheiten sein. Es können bösartige Tumore sein, es kann die Leberzirrhose nach Hepatitis-Erkrankungen oder wegen Alkoholismus sein, es gibt Autoimmunerkrankungen oder genetisch bedingte Störungen. Wenn die Leber wirklich ausfällt, gibt es keine Rettung mehr – so wie zum Beispiel bei der Niere mit der Dialyse. Daher ist eine Lebertransplantation immer die letzte Chance, also absolut lebenswichtig, und geschieht zumeist unter Zeitdruck.

Immer wieder hört man von Skandalen bei Organspenden. Ist denn ein Punktesystem vernünftig, das darüber entscheidet, welcher Patient zuerst ein Organ erhält?
Für mich ist das keine Frage eines Punktesystems, sondern eine Frage der Seriosität der entscheidenden und auch der kontrollierenden Institutionen. Das können aus meiner Sicht nur staatliche Institutionen sein. Eine private Stiftung wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation, die das bisher macht, ist strukturell überfordert und für Manipulationen anfällig – wie man ja gesehen hat.

Wie gut funktionieren die Kontrollen in diesem Bereich?
Die Kontrollen funktionieren anscheinend erst neuerdings, und die aufgedeckten Skandale liegen ja zum Teil schon einige Zeit zurück. Dass jetzt schon wieder eine Universitätsklinik negative Schlagzeilen verursacht, ist für die Transplantationschirurgie natürlich eine Katastrophe, ein neuer Rückschlag. Man hat doch immer wieder das Gefühl, man habe es hier mit einem undurchschaubaren Gestrüpp von Seilschaften und anderen Manipulationen zu tun. Für die Bereitschaft zur Organspende, von der überall die Rede ist, ist das sicher nicht förderlich.

Wie sehr schaden solche Skandale der Bereitschaft der Menschen zur Organspende?
Natürlich schaden solche Meldungen der guten Sache enorm. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass der Mangel an Spenderorganen nichts mit der wirklichen Spendenbereitschaft in der Bevölkerung zu tun hat. Seit man die Krankenhäuser zu Wirtschaftsbetrieben umfunktioniert hat, die schwarze Zahlen schreiben müssen, um zu überleben, ist die operative Organentnahme für die Krankenhäuser ein Kostenfaktor, denn die Vergütung für den personellen und materiellen Aufwand ist viel zu gering; das Krankenhaus zahlt dabei also drauf.

Würden Sie sich aus medizinischer Sicht eine höhere Spendenbereitschaft wünschen?
Da das eine im höchsten Maße individuelle Entscheidung ist, kann man sich hier eigentlich nichts wünschen. Ich würde mir aber wünschen, dass auf diesem Gebiet mit transparenten und kontrollierten Abläufen gearbeitet wird. Der Rest regelt sich von selbst, wenn die Krankenhäuser finanziell, personell und organisatorisch endlich angemessen ausgestattet sein würden. Und wenn auf dem Organspenderausweis endlich die Wahrheit stünde: Es ist einfach irreführend, dass Menschen zu lesen bekommen, sie stellten ihre Organe nach ihrem Tod zur Verfügung. Nein, sie tun das vor ihrem Tod, nämlich nach ihrem Hirntod. Ein feiner Unterschied, aber entscheidend.

Interview: Pitt von Bebenburg

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