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Ein Wohnkomplex der ABG. Die Wohnungsgesellschaft zählt zu den Pionieren im Viertel.

Bürostadt Niederrad

Viertel der Widersprüche

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Für viele Menschen ist die Frankfurter Bürostadt Niederrad nur der Arbeitsplatz, nun nennen sie immer mehr Leute ihr Zuhause. Über einen Stadtteil, der langsam zum Leben erwacht.

Hinter den Bahngleisen beginnt eine andere Welt. Eben säumten die engen Straßen in Niederrad noch flache Reihenhäuser, bunte Altbauten und alte Backsteingebäude. Plötzlich werden die Straßen breiter, die Gebäude höher, und die Hauswände verlieren an Farbe. Auf den ersten Blick ist alles grau. Die Fassaden der Bürokomplexe, die Mäntel der Menschen, die mit Aktentasche und Kaffeebecher zur Arbeit hetzen, selbst der Himmel hinter der Hochhauskulisse. Nur wer genau hinschaut, findet die Farbtupfer.

Da ist eine kleine, blaue Wippe. Bunte Kleider hängen zum Trocknen über einer Balkonbrüstung. Ein Teppich aus grünen und braunen Bierflaschen auf einer Terrasse zeugt von einer feuchtfröhlichen Party. Es sind Lebenszeichen. Langsam, ganz langsam zieht mit den ersten jungen Familien, Paaren und Studenten das Leben in die ehemalige Bürostadt Niederrad. Ins Lyoner Quartier, wie das Viertel seit letztem Sommer offiziell heißt.

„Als wir eingezogen sind, hat hier abends nirgendwo mehr Licht gebrannt“, erzählt Gordon Reinhardt. Seit vergangenem September lebt er mit seiner Freundin im Lyoner Carré, einem Neubaukomplex mit 134 Wohneinheiten, der 2017 fertiggestellt wurde. Es habe lange gedauert, aber nach und nach seien doch immer mehr Nachbarn dazugekommen. Vor allem junge Leute, viele Familien. Der Umzug von Offenbach in die Bürostadt war für das junge Paar eine pragmatische Entscheidung. Reinhardt arbeitet in Niederrad, die Nähe zum Wald war ein Pluspunkt für die Hundebesitzer. Doch das ausschlaggebende Argument: .„Hier gab es eine schöne Wohnung zu einem guten Preis“.

Die Bewohner sind wie das Viertel: Sehr pragmatisch

Auch für Max und seine Partnerin war es der „angenehmere“ Mietpreis, der sie dazu bewog, das Nordend zu verlassen. Im November 2017 zogen sie mit ihrem Sohn ins Lyoner Carré. Es habe vor dem Umzug viele Vorurteile gegeben, gesteht Max, der seinen richtigen Namen nicht nennen möchte. „Man wird es nicht hinkriegen, dass es hier wie im Nordend wird“, sagt er, „es gibt keine Stimmung.“

Dass Max dem Viertel abspricht, in irgendeiner Weise Flair zu besitzen, ändert nichts daran, dass er sich hier sehr wohlfühlt. Das betont er. Ein Widerspruch? Vielleicht. Aber in der Bürostadt zu leben, ist wohl in vielerlei Hinsicht ein Widerspruch an sich, war doch das Viertel ursprünglich als reines Bürogebiet gedacht und von der Infrastruktur auch dementsprechend angelegt worden.

Dass dieser Widerspruch aufgelöst wird, daran arbeitet die Stadt Frankfurt bereits seit zehn Jahren. Aus der ausschließlich gewerblich genutzten Bürostadt Niederrad soll künftig ein „gemischt genutzter, lebendiger Stadtteil“ werden, hieß es aus dem Stadtplanungsamt bereits 2008. Seitdem wird kräftig investiert, gebaut und Marketing betrieben.

Doch so richtig will der Widerspruch nicht verschwinden und der Imagewandel nicht ins Rollen kommen. Auch bei den Anwohnern Max und Reinhardt bleiben die ersten Assoziationen zur Bürostadt „grau“ und „verlassen“. Obwohl sie hier beide sichtlich glücklich sind. Zu leben, wo andere nur arbeiten. Heimzukommen, wenn andere gehen. Dort Ruhe zu finden, wo andere im Stress des Arbeitsalltags versinken. Weit weg von allem zu sein und doch wegen der guten Anbindung zum Hauptbahnhof und zum Flughafen irgendwie mittendrin.

Puls des Viertels: Ratternde Vorschlaghämmer

Es scheint, als sei es gerade dieser Kontrast, der für die beiden und andere Anwohner das Leben in der Bürostadt attraktiv macht. Auch wenn hier offenbar niemand so richtig hinwollte, wer da ist, hat sich gut eingerichtet. Die Bewohner scheinen ebenso pragmatisch wie das Viertel selbst. „Es funktioniert“, sagt Max.

Pragmatisch sind auch die Mikroappartements, Wohnungen von 15 bis 40 Quadratmetern, die vornehmlich in den ehemaligen Bürogebäuden entstehen. In der Hahnstraße 72 begann die Firma Mercurius Real Estate vor rund fünf Jahren, die ehemalige Coop-Zentrale in einen Wohnkomplex umzuwandeln. Beytullah Karamustafaoglu wohnt hier in einem der Mikroappartements. Für ihn ist die Bürostadt eher eine „Zwischenstation“, sein Leben, sagt er, finde woanders statt. Zum Arbeiten muss er in den Industriepark Höchst, um Freunde zu treffen und auszugehen, fährt er immer noch lieber in die Innenstadt. Am Wochenende ist er in seiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Wie ihm gehe es den meisten im Haus, sagt Karamustafaoglu. „Viele meiner Nachbarn sind Pendler.“ Das zeigen auch die Briefkästen. Auf 57 Namensschildern steht nur „Bundesbank“. Das Finanzinstitut hat hier Appartements für seine Mitarbeiter gemietet.

Zur Umbenennung des Viertels im August 2017 präsentierten die Stadt und die Standortinitiative Neues Niederrad, die sich seit Jahren für die Entwicklung des Stadtteils einsetzt, eine optimistische Prognose. Erwartet wurde, dass bis Ende 2019 rund 8000 Menschen ins Lyoner Quartier gezogen sein würden. Rund ein halbes Jahr später schätzt das Amt für Statistik die Zahl der Zugezogenen auf 800 bis 1000. Für eine Reportage über das Leben in der Bürostadt sei die FR wohl doch zwei bis drei Jahre zu früh, merkt Max an. Und auch Reinhardt sagt: „Es wird noch dauern, bis hier richtig Leben reinkommt.“

Noch sind es größtenteils Bauarbeiter, Bagger und Baugruben, an denen sich der Wandel des Viertels ablesen lässt. Überall zwischen den Gebäudekomplexen ragen Kräne empor, die sich in den gläsernen Fassaden der Hochhäuser spiegeln. In regelmäßigen Abständen dringt das grelle Rattern von Vorschlaghämmern durch die menschenleeren Straßen. Für ein lebendiges Stadtbild fehlen vor allem Gastronomie- und Bildungsangebote. Doch zumindest was Letzteres angeht, tut sich zur Zeit viel in der Bürostadt. Im Lyoner Carré, dem Wohnkomplex von Max und Reinhardt, wurde neben Appartements auch eine Kita eingerichtet. Eine eigene Grundschule für das Quartier ist in Planung.

Dennoch sind es momentan nur die Schilder der Investoren vor den Baustellen, auf denen ein reges Stadtviertel zu sehen ist. Bis aus den Farbtupfern ein buntes Stadtbild geworden ist, wird wohl noch Zeit vergehen. Doch jetzt, wo zögerlich der Frühling kommt, verschwinden zumindest langsam, ganz langsam die grauen Mäntel, und vielleicht wechselt bald auch der Himmel über der Bürostadt häufiger seine Farbe von Grau zu Blau.

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