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Die letzten Tage vor den ersten Premieren sind für ihn eine intensive Zeit: Schauspiel-Intendant Anselm Weber.

Kultur in Frankfurt

Theatersaison in Frankfurt beginnt

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Für Anselm Weber, neuer Intendant des Schauspiels Frankfurt, brechen wichtige Wochen an. Die ersten Premieren stellen die Weichen dafür, ob er mit seinem Ensemble reüssiert oder scheitert.

Draußen im Regen vor dem Fenster liegt eine kiesbestreute Fläche mit hölzernem Tisch und Stühlen. Von hier geht der Blick weit über den Willy-Brandt-Platz und die Skyline. Doch selbst wenn das Wetter besser wäre: Anselm Weber fehlt die Muße, hier einen Tee zu trinken. Für den neuen Intendanten des Schauspiels sind jetzt entscheidende, überaus angespannte Tage angebrochen: In knapp zwei Wochen steht die erste Premiere seiner ersten Spielzeit in Frankfurt an. Die Weichen werden gestellt dafür, ob der 54-Jährige mit seinem Ensemble in der Stadt reüssiert oder scheitert.

Der erfahrene Theatermacher weiß wohl, wie entscheidend die ersten Wochen einer Intendanz sein können, hatte er doch diese Position schon in Essen und Bochum inne. Der hagere Mann scheint äußerlich ruhig im Gespräch, doch es bricht immer wieder aus ihm heraus. Ein Theater mit politischem Anspruch hat er sich vorgenommen, doch ein griffiges Motto für die erste Saison verweigert er.

In Bochum hat er zuletzt den dramatischen Kampf um das VW-Werk nicht nur miterlebt, sondern durch Demonstrationsaufrufe mitgestaltet. Am Ende konnten er und die anderen, obwohl 50 000 Menschen auf die Straße gingen, das Sterben des industriellen Kerns der Stadt nicht verhindern.

Frankfurt, die Bankenmetropole, erlebt er als eine „Stadt im Wandel“. Auch hier, das weiß er, sind die Arbeitsplätze keineswegs mehr sicher, streichen die Kreditinstitute im kapitalistischen Wettbewerb Tausende von Jobs. Weber hat noch erlebt, wie groß die Geltung der Deutschen Bank in der alten Bundesrepublik war. „Heute ist der Imageverlust riesig.“

In dieser Situation des Umbruchs, sagt er, muss Theater „Stellung beziehen“. Zwei Möglichkeiten gebe es: in der Angst vor dem Wandel zu verharren oder ihn zu begleiten. „Man kann den Wandel nicht aufhalten, man muss ihn aber begleiten.“ Nur zwei Orte fallen ihm ein, die das leisten können: „der akademische Raum oder das Theater.“ Das Theater begreift der Intendant als den „Referenzraum des Bürgertums“, als den Ort auch, der bürgerliche Freiheiten verteidigen muss.

Tatsächlich kann das Schauspiel nicht unmittelbar tagesaktuell in seinen Inszenierungen reagieren. Als Weber und seine Chefdramaturgin Marion Tiedtke Anfang 2016 die ersten Premieren in Frankfurt konzipierten, konnte noch niemand mit einem US-Präsidenten Trump rechnen. Oder damit, dass der türkische Präsident Erdogan ein völlig skrupelloser Diktator werden würde. Und doch sind die ersten Stücke des Schauspiels in der neuen Saison als Kommentare zur Gegenwart zu verstehen. „Richard III.“ von William Shakespeare am 28.

September in der Regie von Jan Bosse: Das ist in den Augen des Intendanten die Geschichte eines skrupellosen „Polit-Players“. Weber nennt sie „eine Studie über Narzissmus“ – man darf dabei an Trump und Erdogan denken. Richard will König werden, um jeden Preis.

Oder „Woyzeck“, der Klassiker von Georg Büchner am 30. September, in dem geschildert wird, wie Gewalt und Kränkung einen Menschen zugrunde richten. Kränkung: ein zentrales Motiv für die Menschen, die ihr Heil bei Rechtspopulisten suchen.

Doch das Schauspiel Frankfurt will jenseits seiner Bühnen einen weiteren „Denkraum“ einrichten. So nennt der Intendant eine Reihe von Reden prominenter Intellektueller, die er einladen möchte und die sich zu brennenden Fragen der Gegenwart äußern sollen. Konkret wird der „Denkraum“ der Chagall-Saal des Schauspiels sein.

Die Erfahrungen, die Weber in Bochum gemacht hat, spiegeln sich auch in seinem gesellschaftspolitisch vielleicht ehrgeizigsten Vorhaben. „All Our Futures“ heißt ein Stadtteilprojekt, an dem drei Jahre lang 220 Jugendliche teilhaben. Unter der künstlerischen Leitung von Martina Droste, der engagierten Chefin des Jungen Schauspiels, erzählen die jungen Menschen, an neun Schulen ausgewählt, von ihrem Leben, ihren Träumen und Zielen. Wobei die Bühne nicht nur das Schauspiel ist, sondern auch in den Stadtteilen stehen wird. Künstlerinnen und Künstler begleiten die Jugendlichen gemeinsam mit Pädagogen. Die ersten Treffen hat es schon gegeben. Im Juni 2020 wird „All Our Futures“ mit Aufführungen im Schauspielhaus enden.

Weber möchte dabei ganz bewusst auch in die Stadtteile gehen, in denen viele ärmere, weniger gut gebildete Menschen leben. „Kultur kann keine Frage des Milieus mehr sein“, sagt der Intendant. Das Schauspiel will sich also nicht abschotten, sondern sich zur Stadt hin öffnen. Intendant und Ensemble planen die Zusammenarbeit mit anderen Kulturinstitutionen: mit der Oper, mit dem Künstlerhaus Mousonturm, dem Literaturhaus und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst.

Die Bühne des Schauspielhauses: Sie ist die größte in Deutschland. Sie fordert von Darstellern wie Regisseuren eine ganz besondere Ausstrahlung. Zweimal in der neuen Spielzeit wird das Bockenheimer Depot in Anspruch genommen, das mit seiner kleinen Drehbühne ganz andere Bedingungen bietet, aber intensive Inszenierungen erlaubt. Der ungarische Regisseur Viktor Bodó wird am 1. Dezember dort die Premiere einer Uraufführung zeigen: „Transit Sibirien“ ist der Arbeitstitel für eine künstlerische Reise in das Grenzland zwischen Russland, China und der Mongolei.

Die kleineren Kammerspiele sind der Ort für neue Stücke, die fünf namhafte Autorinnen und Autoren für das Schauspiel geschrieben haben. Der Frankfurter Wilhelm Genazino, dazu Olga Grjasnowa und Teresa Prälauer, außerdem Laura Naumann und Marius von Mayenburg liefern diese Stoffe. Sie wollen das Vorurteil widerlegen, dass keine guten neuen Stücke mehr entstehen. Laura Naumann startet am 29. September mit „Das hässliche Universum“: Fünf Menschen auf der Suche nach Halt in einer taumelnden Welt.

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