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Grit Weber fühlt sich wohl im Café „Klein & Main“ im Bahnhofsviertel.

Museum für angewandte Kunst

Eine Frau in Bewegung

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Grit Weber, die neue Vize-Direktorin des Museums für angewandte Kunst, krempelt das Haus um. Sie will den Zusammenhang zwischen Kommunikation und Design künftig stärker betonen. Dazu baut sie einen Arbeitskreis von Fachleuten auf.

Stoßstange an Stoßstange schieben sich die Wagen durch die Moselstraße, hupen, bremsen, fahren wieder an. Es fällt Nieselregen, die Passanten hasten über die Bürgersteige. Hier, im Herzen des Bahnhofsviertels, ist Frankfurt die internationalste Stadt Deutschlands, und mitten zwischen den kleinen indischen Läden, dem türkischen Reisebüro und dem polnischen Friseur findet sich seit knapp einem Jahr das „Klein&Main“. Mehr als nur ein Café, auf den Holzregalen gibt es auch edlen Wein, Süßigkeiten, Gewürze. Im Fenster stehen sich zwei Garten-Liegestühle gegenüber, von hier aus lässt sich das Viertel im Blick behalten.

Eine Frau im schwarzen Lackmantel schwingt sich elegant vom Fahrrad, kommt herein und lässt sich in den zweiten Liegestuhl plumpsen. Grit Weber ist gerade aus Venedig zurück, vom Besuch der Biennale, und sprudelt über von Eindrücken. Schwärmt vom „tollen Licht“ in der Stadt im Wasser, „so melancholisch im Spätherbst“. Für die Kunst-Stadt Frankfurt ist die Biennale als bedeutendste Kunst-Schau gleichsam der Ritterschlag: Immer wieder haben Frankfurter den deutschen Pavillon dort gestaltet. Erst Kasper König, dann Daniel Birnbaum, beide Direktoren der Städelschule, dann zweimal Susanne Gaensheimer, die Chefin des Museums für Moderne Kunst. Und jetzt geht der Auftrag an Peter Cachola Schmal, den Direktor des Deutschen Architekturmuseums.

Grit Weber freut sich für die Kollegen. Ganz ohne Neid. „Es gibt keine Konkurrenz untereinander“, behauptet die 45-jährige, die seit wenigen Wochen stellvertretende Direktorin des Museums für angewandte Kunst ist. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Gegrummel gab es vor einigen Jahren schon, als Max Hollein, der Chef von Städel, Liebieghaus und Kunsthalle Schirn begann, sehr erfolgreich Sponsoren zu werben. „Das Bild eines Parasiten, das man da von ihm gezeichnet hat, ist grundfalsch, daran stimmt nichts“, sagt Weber ganz entschieden und nippt an ihrem Kaffee.

Für die Museums-Leute in Frankfurt, so sieht sie es, gebe es insgesamt „keinen Grund zum Jammern„. Jammern ist für die gebürtige Dresdnerin, die ganz burschikos auftritt, schnell spricht und ziemlich entschlossen wirkt, sowieso keine Option. Die gelernte Zahntechnikerin hat von ihrer Lehre in der DDR bis in die Hauptstadt des westlichen Bankenkapitals einen langen Weg zurückgelegt – in der kleinen Person („Ich bin 1,65!“) steckt eine Zähigkeit und Entschlossenheit, die man nicht unterschätzen sollte. Zum Museum für angewandte Kunst kam sie schlicht, „weil es das Haus ist, das mich am meisten anfixt.“

Da schwingen verschiedenste Motive mit. Zum Beispiel die gleiche Wellenlänge mit Matthias Wagner K, dem Direktor des Hauses, auch er ein Mensch mit DDR-Sozialisation, geboren und aufgewachsen in Jena.

Seit seinem Amtsantritt im Frühjahr 2013 krempelt Wagner K das lange verstaubt wirkende Kulturinstitut entschlossen um. Und genau deshalb ist jetzt auch Weber zum Team gestoßen. „Wir müssen Museum heute neu denken“, sagt sie: Klingt wie ein Motto. Das Publikum im Haus für angewandte Kunst ist in den zurückliegenden zwei Jahren „jünger und internationaler“ geworden. „Was mich reizt, ist der Neuaufbau“, sagt die Kuratorin für Design, Kunst und Medien.

Den 35 festen und freien Mitarbeitern dort (da sind auch die Aufsichten eingerechnet) genügt es nicht mehr, brav erlesene Keramik aus Korea auszustellen. Weber sieht die Ausstellungen in einem größeren Zusammenhang: „Wir wollen gesellschaftliche Fragen stellen: Wie soll Gesellschaft heute funktionieren?“

Längst wird im Haus über Grenzen eines Genres hinausgedacht: „Mode bewegt Bild“ heißt eine aktuelle Ausstellung, die ausgewählte Modefilme vorstellt. Eine zweite Schau zeigt Video-Installationen der britischen Multimedia-Ikone Brian Eno.

Überhaupt will Weber den Zusammenhang zwischen Kommunikation und Design künftig stärker betonen. Gerade baut sie dazu einen Arbeitskreis von Fachleuten auf. Mit der Sammlung des heute 83-jährigen Industrie-Designers Dieter Rams, der etwa die wunderbaren Braun-Plattenspieler entworfen hat, verfügt das Museum über einen Schatz von Weltrang.

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Sich neu orientieren: Das ist der ehemaligen DDR-Bürgerin vertraut. In Dresden wuchs sie in einer bürgerlichen Familie auf, der Vater Ingenieur, die Mutter Krankenschwester.

Mit der Dresdener DDR-Elite, die der Schriftsteller Uwe Tellkamp später in seinem Roman „Der Turm“ beschreiben sollte, hatte die Familie nichts am Hut. Solche Privilegien genoss sie nicht. „Ich konnte auch mit dem Roman nichts anfangen, ich fand das ziemlich gespreizt.“ Solche Sätze haut sie schnoddrig raus, lacht dabei leise in sich hinein.

In Dresden ging die Familie gerne ins Museum, „weil im Fernsehen lief ja eh nichts.“ Wieder das leise Lachen, das melancholisch wirkt. Abitur stand für die Tochter nicht zur Debatte, ihre Eltern rieten ihr: „Mach was Solides, bleib unauffällig!“ Also lernte sie Zahntechnikerin. Aber natürlich ging der Umbruch in der DDR, in der sich die Opposition formierte, nicht an ihr vorbei.

Im Alter von 17 Jahren tauchte sie in die Künstler-Szene Dresdens ein, die natürlich auch gegen das Regime opponierte. „Es gab da illegale Cafés, da waren die Künstler, da bin ich hin mit meinen Freunden!“
Bald fand sie sich auf der Straße wieder, bei den Demonstrationen der Bürgerrechtsbewegung. In Dresden begann es zu brodeln. Hatte sie keine Angst? Weber blickt nachdenklich auf den Passantenstrom auf dem Gehweg der Moselstraße. Sie orientierte sich damals an ihren Eltern: „Die hatten nie Angst.“

Bei den Demos fand sie sich aufgehoben, „da gingen auch viele Ältere mit, es war ein Querschnitt der Bevölkerung!“ Es war ein tiefsitzendes Gefühl, dass sie in diesen Tagen bewegte. „Ich reagiere auf Ungerechtigkeit – da werde ich ganz klar, da hab ich auch Härte.“ Als dann im November 1989 die Mauer fiel, waren die Protestierenden dennoch überrascht: Wie schnell alles ging!

Die Hoffnung auf eine andere, demokratische DDR zerstob tatsächlich rasch – die politischen Weichen wurden in Richtung Wiedervereinigung gestellt. Grit Weber war 18 Jahre alt – sie begriff die Wende als Chance. Und ging in den Westen.

In die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden, obwohl sie die bald „so laaangweilig“ fand. Doch die junge Frau biss sich durch, jobbte, arbeitete als Zahntechnikerin, besuchte dreieinhalb Jahre lang das Abendgymnasium, um das Abitur nachzuholen. „Dreieinhalb Jahre lang jeden Abend“, wiederholt sie, als könne sie es selbst nicht glauben. Dann endlich, mit dem Abitur in der Tasche, konnte sie studieren, in Frankfurt: Kunstgeschichte, Kulturanthropologie, Kunstpädagogik.

Über die Motive, den Antrieb, das alles durchzuhalten, hat sie gar nicht groß nachgedacht. Solche Fragen machen sie fast ein wenig ratlos. „Ich mag gerne Bewegung“, sagt sie schließlich: „Ich bin ein sehr agiler Mensch!“

Nach dem Studium arbeitete sie zunächst in der Kunstsammlung der Deutschen Bank, dann stürzte sie sich in den Journalismus, dessen Tempo sie anzog.

Bevor sie zum Museum für angewandte Kunst kam, war sie fünf Jahre beim Stadt-Magazin „Journal Frankfurt“, zuvor zehn Jahre Chefredakteurin des Kunstmagazins „Artkaleidoscope“.

Von dem Netzwerk, das sie in diesen Jahren knüpfte, von dem Austausch mit Künstlern und Kunstmanagern, profitiert die Kuratorin heute. Denn jetzt war es wieder Zeit, sich neu zu orientieren.

Neue Herausforderungen schrecken sie nicht, sondern spornen sie an. Grit Weber reagiert da sehr pragmatisch.

So wohnt sie zum Beispiel längst nicht mehr in Frankfurt, sondern in der Nachbarstadt Offenbach – „weil in Frankfurt die Mieten so gestiegen sind.“ Das kommt ganz unsentimental daher. Im multikulturellen Offenbach fühlt sie sich sehr wohl. Dem Mythos Berlin dagegen, der viele Kunstschaffende anzog und anzieht, ist sie nie erlegen – vielleicht auch, weil sie die Stadt auf der anderen, der östlichen Seite der Mauer kannte. „Es gab den Anlass, in Berlin zu arbeiten, nie“, punktum.

Draußen fällt der Bindfadenregen noch immer, der Gehweg der Moselstraße glänzt. Die Kaffeetassen sind geleert, das Fahrrad wartet draußen im Regen.

Grit Weber hat schließlich keine Zeit zu verlieren.

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