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Die Ohren schonen: Dieter Maier in der dauerbeschallten Frankfurter Innenstadt.

Lärmbelastung in Frankfurt

Kämpfer für das Recht auf Ruhe

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Dieter Maier vertritt Frankfurt im Verein „Lautsprecher aus“. Er und seine Vereinsfreunde kämpfen gegen die ständige öffentliche Musikberieselung. Sie haben prominente Unterstützer.

Es ist die „Woche der Stille“ in Frankfurt. Stille beruhigt, sagen die Veranstalter, das Gesundheitsamt und der evangelische Regionalverband. Aber wie laut ist die Stadt? Machen wir eine Stichprobe an einem normalen Werktag.

Bei Hallhuber am Goetheplatz läuft Popmusik. In der Postfiliale gegenüber ist es still. Das Modegeschäft Massimo Dutti berieselt die Kundschaft mit Pop, bei den Aubade-Damendessous erklingt verführerischer Gesang. Bei Gucci schweigen die Lautsprecher. „Wir haben eigentlich immer Musik an“, sagt dagegen Geschäftsführer Ahmad Zaher im Edelschuhhandel Salvatore Ferragamo auf der Goethestraße, „das entspannt, das soll selbstverständlich auch die Kauflust steigern, aber wie weit das hilft? Man weiß es nicht“.

Bei Lacoste an der Fressgass, bei Diesel um die Ecke, bei Tommy Hilfiger, bei Stefanel im Steinweg – überall Pop. Bei Boss hat sich die FR nicht getraut, zu lauschen, der Türsteher schaute so grimmig. Sogar der Bäcker Eifler und der Schmuckladen Cadenzza beschallen in der City die Leute mit Musik. Warum? Das fragt sich Dieter Maier schon lang.

Industriell erzeugte Musik nervt ihn

Dabei hat Dieter Maier nichts gegen Musik. Ein Geiger, der an diesem Morgen auf der Zeil spielt, auch die allgegenwärtigen osteuropäischen Musiker mit ihren Saxofon- und Klarinettenklängen, sie stören den Mann nicht. „Diese Musik entsteht in diesem Moment, das ist etwas anderes. Aber industriell erzeugte Musik nervt mich furchtbar.“ Dieter Maier ist selbst Hobbymusiker, er hat Erfahrung als Chorsänger, er spielt Querflöte, er macht Hausmusik. Und der 1946 geborene Frankfurter besteht auf seinem Recht auf akustische Selbstbestimmung. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins „Lautsprecher aus! – Pipedown Deutschland“.

Pipe down. Englisch für: Klappe halten. Im Eingang der Zeilgalerie konkurrieren gleich mehrere Musikprogramme, dasselbe spielt sich einige Meter weiter im Einkaufszentrum MyZeil ab. Mittendrin steht Artemi Zoy und passt auf. Stört ihn die Kakophonie, das Rhythmus-Durcheinander? „Ich kann das akzeptieren“, sagt der Sicherheitsmann. „Ich will selbst einmal Manager werden.“ Ob er davon keine Kopfschmerzen kriege, fragt Dieter Maier. Nein, sagt Zoy. „Ich ignoriere das. Es ist doch klar, dass hier Musik läuft, da geht es um das Feeling zum Einkaufen, um die Atmosphäre.“

Lautsprecher aus, der bundesweit aktive „Verein für das Recht auf Stille“ will den Menschen zur Ruhe im öffentlichen Raum verhelfen. Für den Frankfurter Maier war das Maß voll, als er mit der Familie nach einem Konzert noch etwas trinken wollte – „und dann muss ich mir irgend so ein Gejaule anhören“. Kneipenmusik, ein großes Thema. Die sei oft so laut, dass die Gäste schreien müssten, und wenn schließlich alle schrien, sei die Musik nicht mehr zu hören.

Höchsten läuft mal Spotify

Im Telekom-Shop im MyZeil ist es still. „Wir führen höchstens mal Spotify vor“, einen Musikservice aus dem Internet, sagt die Mitarbeiterin, aber Gedudel als Kaufanreiz: nein. Ganz anders bei Promod, ein paar Türen weiter. Es scheppert erbärmlich aus den Lautsprechern, weit entfernt von sattem Sound, es schmerzt in den Ohren. Die Verkäuferin wundert sich über die Fragen: „Ach wo, nach einiger Zeit hört man das gar nicht mehr.“

Altkanzler Helmut Schmidt gehört laut Vereinsflugschrift zu den Befürwortern der Pipedown-Ziele, Schauspieler Dieter Hallervorden, die Musik-Granden Justus Frantz und Kurt Masur, auch Tatort-Kommissar Peter Sodann. Weghören könne man nämlich nicht, sagen sie, das Ohr sei dazu nicht in der Lage. Wer glaube, er höre einfach weg, dessen Blutdruck gehe trotzdem in die Höhe bei Stress durch Musikberieselung. Am Arbeitsplatz mache das auf Dauer krank.

Im Kaufhaus Peek & Cloppenburg auf der Zeil läuft auf vier Stockwerken dieselbe Musik, nur im Untergeschoss bei der jungen Mode eine andere. Das Personal kommt damit unterschiedlich klar. „Mir fehlt sonst was“, sagt die Mitarbeiterin im Parterre. „Es nervt unglaublich“, sagt der Kollege im Basement. Die Musik ganz unten sei angeblich für 16- bis 25- Jährige ausgewählt. „Aber wer hört so was mit 16?“ Der junge Mann steht privat auf Hip-Hop. Es gebe auch gute Indie-Rockbands, deren Sound zum Zielpublikum passen würde. „Es soll ja Bock auf die Ware machen. Aber das hier ist einfach nur langweilig.“

Konzern mit Sitz in Texas

Die Mood Media GmbH & Co. KG sieht das anders. Der Marktführer im Wirtschaftszweig der Hintergrundmusik – und nach eigenen Angaben auch dessen Begründer vor 80 Jahren – designt Musik für Kunden. Nein, anders: Mood Media unterstützt „unsere Kunden dabei, ihren Kunden ein unvergessliches Erlebnis bieten zu können“. 77 der 100 weltweit führenden Einzelhändler lassen demnach ihre Läden vom Konzern mit Sitz in Texas und einem Standbein in Hamburg berieseln. Die Kunden erhalten „maßgeschneidertes Musikdesign der Spitzenklasse“, handlich per Datenstrom aus dem Internet.

Ob das überhaupt etwas bringt, ist umstritten. Britische Psychologen der Universität in Leicester sichteten wissenschaftliche Arbeiten und Studien zum Thema. Ihr Fazit: Die Wirkung auf die Kauflust könne nicht nachgewiesen werden. Musik als „geheimer Verführer“ werde überschätzt, zitiert Lutz Berger, ein Journalist, der sich intensiv mit „Muzak“ befasst hat. Das ist der Fachbegriff für die seichten Hintergrundklänge, die uns in Aufzügen und Kaufhäusern begleiten. Muzak hieß auch die erste Firma, die solche Klänge professionell vertrieb, bis sie 2011 geschluckt wurde: von Mood Media.

Die Lautsprecher-aus-Leute haben sich mit der Lebensmittelkette Rewe in Verbindung gesetzt, um Sinn und Technik der Dauerbeschallung zu hinterfragen. Resultat: Ein bundesweiter Vertrag binde alle Rewe-Märkte an den Mood-Media-Ladenfunk, die Übertragung werde zentral geregelt – sogar die Lautstärke stelle der Muzak-Lieferant ein. Sollte es zu laut werden, könne der Marktleiter gar nicht selbst an den Regler gehen, sondern müsse in der zentralen Werbeabteilung anrufen. Die Hintergrundmusik auszuschalten, verbiete der Vertrag. Bei Penny läuft neuerdings ein flottes Unterhaltungsprogramm, mit eigener Moderatorin.

Musik als Folterinstrument

Das chilenische Terror-Regime unter Augusto Pinochet habe Musik als Folterinstrument eingesetzt, sagt Dieter Maier. Die USA hätten Ähnliches nach dem 11. September 2001 getan. Die Opfer seien auf ewig traumatisiert. „Wenn ich in einen Laden komme, und da läuft Musikbeschallung, dann gehe ich wieder.“

Im Café Wacker am Kornmarkt scheppert es tüchtig. Wenn die Frau an der Kaffeemaschine den Satz aus dem Förmchen haut, versteht man sein eigenes Wort nicht. Damit hat Maier überhaupt kein Problem. Der Rentner hat ein Buch über die menschenverachtende Colonia Dignidad in Chile geschrieben, er hat an dem Dokumentarfilm über das erschütternde Schicksal der Deutschen Elisabeth Käsemann mitgewirkt, die 1977 in Argentinien von der Militärdiktatur getötet wurde, ohne dass die Bundesregierung dagegen einschritt. Der dreifache Großvater ist ein Kämpfer für die Freiheit des Menschen, und dazu gehört für ihn auch die Freiheit, sich gegen allgegenwärtiges Gedudel zu wehren.

Im österreichischen Linz habe es der Verein Hörstadt geschafft, eine große Zahl von Einrichtungen „beschallungsfrei“ zu machen, sogar den Nationalrat, etliche Firmen und Stadtverwaltungen, erzählt Maier. Hörstadt vergibt seit 2008 den Titel „Zwangsbeschaller des Jahres“, darunter waren Filialen der Textilketten Pimkie, Tally Weijl, Bershka, Desigual und Hollister. Die haben allesamt auch Dependancen in den Einkaufszentren von Frankfurt.

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