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So läuft’s im Sommer: Christiane Haupt lässt einen genesenen Vogel in die Höhe starten.

Zugvögel

Der weite Weg von Frankfurt nach Afrika

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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In der Mauerseglerklinik warten viele Vögel noch darauf, in den Süden zu fliegen. Rücksichtslose Menschen machen ihnen das Leben schwer.

Hope heißt Hoffnung – und die hat der Mauersegler Hope nicht aufgegeben, obwohl er 24 Stunden in einer zu schmalen Öffnung unterm Dach feststeckte. Erst nach einer Nacht und einem Tag entdeckte eine Familie den Vogel in prekärer Lage und rief die Feuerwehr. Die Hammersbacher Wehrleute mit ihrer Drehleiter schafften es, Hope zu befreien. Und die Familie fuhr den Segler so schnell es ging in die Mauerseglerklinik.

Es sind oft dramatische Geschichten, die die kleinen Vögel nach Frankfurt-Griesheim bringen. Kein Wunder, es geht für sie ja um Leben und Tod. In diesem Jahr ist die Lage doppelt prekär. Die Pandemie betrifft auch Mauersegler, wenn sie das Pech hatten, in Not zu geraten.

„Corona hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Arbeit“, sagt Christiane Haupt. Die Chefin der Mauerseglerklinik in Griesheim und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Mauersegler hat am Freitag immer noch 105 Vögel als Patienten, obwohl die Saison seit August vorbei ist. Die flinken Langstreckenflieger müssten längst in Afrika sein. Die Umstände ließen es nicht zu.

Fast 800 Mauersegler hat die Klinik in diesem Jahr behandelt – Rekord. Darunter sind Unfallopfer wie Hope, aber auch Verletzte wie der Vogel, den Haupt auf den Namen Kjertan taufte. Er kam aus Afrika zum Brüten in die Heimat, aber in seinem Quartier wohnten inzwischen Stare, die ihn sofort angriffen. Die Blessuren waren so gravierend, dass Kjertan nicht überlebte.

Gefüttert wird fast rund um die Uhr mit Insekten.

Schwer wiegen Verletzungen, die rücksichtslose Menschen verursachen. Wie in den Jahren zuvor versuchten Hausbesitzer wieder, Mauerseglernistplätze mit Bauschaum zu verschließen. Das ist gesetzlich verboten, und es tötete erneut Altsegler, deren Gefieder völlig verklebte. Christiane Haupt: „Man kriegt dieses Zeug nicht runter, keine Chance.“ Die bereits geschlüpften Jungen waren ohne Elterntiere ebenfalls dem Tod geweiht.

Es gab auch Erfolgserlebnisse in diesem Jahr. 70 Prozent der eingelieferten Jungvögel konnten erfolgreich zurück an den Himmel starten – jedes Mal ein beglückendes Erlebnis für das ganze Team. Und auch jeder zweite Altsegler schaffte es wieder in die Luft, mitunter nach schlimmen Verletzungen. Die Tiermedizinerin Haupt hat die Methode zur Perfektion gebracht, kaputtes Gefieder durch Ersatzfedern wieder benutzbar zu machen.

In der Klinik ist die Arbeit hart. Von 8 bis 24 Uhr wird permanent mit Insekten (Heimchen) gefüttert. Einige aus dem ehrenamtlichen Team kommen aus Angst vor Corona nicht mehr, auch wenn Hygiene und Abstand voneinander bereits vor der Pandemie dort gegeben waren. Das Virus führte außerdem dazu, dass Material knapp wurde, etwa Desinfektionsmittel und Masken.

Zu allem Überfluss brach der menschengemachte Flugverkehr zusammen. Außerhalb der Zugzeiten können genesene Mauersegler nicht selbst gen Süden fliegen, dann bringt das Klinikteam gelegentlich körbeweise Patienten per Flugzeug dorthin. Weil das 2020 kaum möglich war, überlebten einige Segler nicht. Wer in diesem Winter noch in Frankfurt ist, muss wohl in den Klinikboxen durchhalten bis Mai. Tiere, die praktisch ihr ganzes Leben in der Luft verbringen, macht das oft tödlich depressiv.

Größtes Problem der frei lebenden Mauersegler ist die Wohnungsnot. Es fehlten Nistplätze, und viele seien unbrauchbar, sagt Christiane Haupt. „Wenn sie mit Nistmaterial vollgemüllt sind, können sie zur Todesfalle werden.“ Es sei wichtig, die Kästen regelmäßig zu reinigen, jetzt sei eine gute Zeit dafür, spätestens Anfang März. Für die Spatzen stellt sie Extrawohnraum zur Verfügung. „Auch auf der Fensterbank, das stört die gar nicht.“

Die Mauerseglerklinik sucht immer Menschen, die ernsthaft mithelfen möchten beim Füttern der kleinen Patienten und beim Flugtraining im eigens eingerichteten Trainingszentrum. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Übung und Durchhaltevermögen verlangt, aber wer einmal erlebt hat, wie ein zuvor schwerkranker Mauersegler wieder durch die Lüfte jagt, wird das Gefühl so schnell nicht vergessen.

www.mauersegler.com

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