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Volker Hauff bei seinem Amtsantritt im Römer am 15. Juni 1989.

Stadtgeschichte

Der vergessene Oberbürgermeister

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Sozialdemokrat Volker Hauff regierte weniger als zwei Jahre im Frankfurter Römer. Morgen feiert er 80. Geburtstag.

Er wollte hoch hinaus und stürzte tief. Wie kein anderer Frankfurter Oberbürgermeister seit 1866 ist Volker Hauff heute verdrängt und vergessen. Nur knapp zwei Jahre hielt sich der Sozialdemokrat im Amt. Am 15. Juni 1989 versprach der frühere Bundesverkehrsminister in einer kämpferischen Antrittsrede im Römer Frankfurts Aufbruch in die Moderne. Am 11. März 1991 floh er Hals über Kopf aus der Stadt, zermürbt vom Konflikt mit der eigenen Partei. Ein bis heute singulärer Vorgang in der Stadtgeschichte. Am morgigen Sonntag feiert der Mann, der aus der kollektiven Erinnerung wie getilgt scheint, seinen 80. Geburtstag.

Volker Hauff und Frankfurt: Das war von Anfang an ein Missverständnis. Der studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler stammte aus der schwäbischen Kleinstadt Backnang, fremdelte schon von der Mentalität her mit den schnodderigen Frankfurtern. Der einstige IBM-Angestellte war kein Kommunalpolitiker, das Bad in der Menge fiel ihm schwer, der Diplomvolkswirt war kein Mann zum Anfassen. Er hatte seine Rolle weiter in der Bundespolitik gesehen, als Minister im letzten Kabinett des Bundeskanzlers Helmut Schmitt (SPD) hielt er wie viele den CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl fälschlicherweise für einen kurzen Betriebsunfall.

Nur auf Drängen der Bundespartei, SPD-Chef Willy Brandt soll ihn persönlich unter Druck gesetzt haben, ließ sich Hauff schließlich 1985 als OB-Kandidat nach Frankfurt nötigen. Der damalige Unterbezirksvorsitzende Martin Wentz verpasste der Partei gerade ein entschlossenes Modernisierungsprogramm, um sie für die bürgerliche Mittelschicht wählbar zu machen. Und Hauff war das personelle Aushängeschild dieser Moderne: Er setzte sich für sozial-ökologische Reformen ein, für die Zusammenarbeit mit den Grünen im Römer, für sozialen Wohnungsbau und die Anerkennung Frankfurts als Stadt der Einwanderer. All diese politischen Verdienste bleiben.

SPD organisierte Widerstand

Etliche in der Frankfurter SPD, sowohl vom linken wie vom rechten Flügel, kritisierten diesen Modernisierungskurs aber vor allem als Anpassung an die Erfordernisse des kapitalistischen Systems. Überall dort, wo Hauff Bewegung in die erstarrten Verhältnisse bringen wollte, organisierte die SPD vor Ort den Widerstand. Gegen einen neuen Schlachthof in Nieder-Eschbach (damit auf dem Schlachthofgelände am Main Wohnungen gebaut werden konnten). Gegen den Bau einer modernen Großveranstaltungshalle am Kaiserlei in Oberrad (diese Halle geistert seither durch die Kommunalpolitik und wurde bis heute nicht errichtet). Gegen den Bau von Wohnungen in Kalbach, gegen ein modernes Musicaltheater und so weiter und so weiter.

Hauff sah Frankfurt in Konkurrenz zu anderen europäischen Metropolen. Teile der SPD hielten all das für Verrat am Klassenstandpunkt. Wie unter einem Brennglas bündelten sich die Probleme des Oberbürgermeisters am 14. März 1990, als er vor mehr als 300 empörten Oberrädern im Bürgertreff Depot vergeblich für die Großveranstaltungshalle warb. Hauff: „Frankfurt konkurriert mit London und Paris!“ Konter einer jungen Frau aus dem Publikum: „Das ist eine Politik nur für die Leute in teuren Kaschmir-Klamotten!“ Antwort von Hauff: „Sehen Sie sich doch mal selbst an!“ Junge Frau, empört: „Das ist kein Kaschmir!“

Die damalige Frankfurter SPD-Vorsitzende Anita Breithaupt nannte Hauff später verächtlich „einen Überflieger“, der „über den Wassern geschwebt“ habe. Auch der seinerzeitige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann, eine SPD-Legende, urteilte, Hauff sei „nie Teil der Bevölkerung geworden“.

Der OB sprach sich für die US-Airbase Wiesbaden-Erbenheim als Erweiterungsfläche des Rhein-Main-Flughafens aus: wütender Protest in der gesamten Region. Als Hauff dem Makler Bernd Lunkewitz öffentlich den Zuschlag für den Bau eines Musicaltheaters gegeben hatte, fand die FR heraus, dass Lunkewitz zuvor 30 000 Mark an die SPD gespendet hatte. Das Theater gab es nie.

Im März 1991 schließlich musste Hauff erleben, dass sich SPD-Chefin Breithaupt selbst öffentlich zur neuen Frankfurter Sozialdezernentin erklärte. Da reichte es ihm. Hauff räumte sein Büro im Römer und fuhr ab. Erst zehn Jahre später äußerte sich der Sozialdemokrat zu diesem Ende: In dem Buch „Politik und Tod: Von der Endlichkeit und vom politischen Handeln“ von Werner Kremp. Hauff sagte, er habe „kein reiner Machtpolitiker sein wollen“, das sei ihm zu wenig gewesen. Der frühere Frankfurter Oberbürgermeister lebt heute zurückgezogen in Berlin.

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