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Der Traum vom alternativen Wohnen

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Von: Jürgen Streicher

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Eine Infobörse klärt über gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnenprojekte auf.

Der Traum vom gemeinsamen Wohnen. Eine große Stadtkarte, ausfransend in die Region, zeigt Erfolge in grüner Farbe. Rund drei Dutzend grüne Flecken, verdichtet in beliebten Stadtteilen, weniger an der Peripherie oder draußen im Speckgürtel. Dazu gelbe Flecken für noch unvollendete Projekte, rosafarbene für neue Initiativen. Die Karte im Eingangsbereich zum Saal im Frankfurter Stadtplanungsamt markiert die Fortschritte auf dem Weg zum gemeinschaftlichen und genossenschaftlichen Wohnen in der Metropole. Dem Verein Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen gehören fast 100 Gruppen an, die Nachfrage steigt. Sagt die Leiterin des Netzwerkes, Birgit Kasper.

Man muss einen langen Atem haben, wenn der Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen verwirklicht werden soll. Ausdauer, Zähigkeit und viel Geduld sind gefragte Eigenschaften bei Interessenten an Wohnkonzepten, die vom Leben in Mietskasernen, Reihenhäusern oder im schnuckeligen Eigenheim abweichen. Von schnellen Erfolgen ist bei der Infobörse am Samstag nie die Rede. Wer hier ans Mikro tritt und von erfüllten Träumen berichtet, musste meist viele Steine aus dem Weg räumen und dicke Bretter bohren, bis Stein und Holz sich mit weiteren Baumaterialien zum Wohntraum zusammenfügten.

Von „jahrelangen politischen Auseinandersetzungen“ berichtet eine Frau, die im Projekt Naxos mit der Fundament eG ihr Wohnglück gefunden hat. Vom „enormen Kraftakt“. Von der Idee bis zum Einzug auf dem Gelände der ehemaligen Naxos-Union im Ostend hat es am Ende neun Jahre gedauert. Am Ziel war die kleine Genossenschaft, die ein Dutzend Wohnungen plus Flächen für die gemeinschaftliche Nutzung hält, erst 2014. Acht Jahre nach dem Beschluss des Stadtparlaments, ein Drittel des Geländes für gemeinschaftliches oder genossenschaftliches Wohnen zu nutzen.

Die große Resonanz belegt die steigende Nachfrage, „auf der Infobörse wird dieser spürbare Innovationsgeist greifbar“, sagt Birgit Kasper nicht ohne Stolz. Schon am Vormittag zum Vortrag einer Expertin vom Institut für Urbanistik „Gemeinschaftliche Wohnprojekte: Mehr denn je die zukunftsweisende Wohnform!“ und zu Erfahrungsberichten über erfolgreiche Projekte ist der Saal gefüllt; an den etwa 30 Ständen zu laufenden und geplanten Projekten, von Initiativen, Organisationen und Fachleuten aus der Immobilien- und Finanzierungsbranche, die sich für den Markt interessieren, drängen sich Menschen, tragen sich auf Listen ein. Das von der Stadt geförderte Netzwerk Frankfurt ist Koordinationsstelle und Beratungsstelle, vernetzt die Initiativen untereinander, öffnet Kommunikationspfade zur Stadtpolitik.

Warum sich der lange Atem auf dem Weg zur Traumerfüllung lohnt, davon erzählen die Protagonist:innen auf der Bühne. Ein Mann namens Rolf etwa, der mit Mitstreiter:innen „von Griesheim bis Offenbach durch die Baulücken gelaufen“ ist, einige „psychische Tiefs“ nach jedem Scheitern durchlebt hat und sich jetzt seit fünf Jahren im Fechenheimer Quartier „sauwohl fühlt“, in dem sie am Ende nicht gerade wunschgemäß gestrandet sind. Oder die Frau, die bei der Projektgruppe Nika eingestiegen ist, die ein ehemaliges Bürogebäude im Bahnhofsviertel in ein selbstverwaltetes und unverkäufliches Wohnhaus umgewandelt hat. „Ich liebe das Projekt, ich lebe gerne mit Menschen zusammen, es herrscht eine tolle Gemeinsamkeit.“ Nika ist das erste Projekt, das über das Frankfurter Konzeptverfahren realisiert wurde, da hat der Prozess nur drei Jahre gedauert.

Bei Tanja Felske, alleinerziehende Mutter mit damals vier und fünf Jahre alten Kindern, hat es nicht so lange gedauert. Sie ist vor elf Jahren in eine laufende Geschichte eingestiegen, in eine Art Mietergemeinschaft in zwei Blöcken auf dem ehemaligen „Ami-Gelände“, wie es immer noch heißt, am Frankfurter Berg. Inzwischen ist „Daheim am Berg“ durch einen Vertrag langfristig abgesichert, die Kinder finden es auch im Teenie-Alter noch toll, die Mutter sowieso. „Trotz der Konflikte, die immer mal wieder auftauchen, möchte ich nie anders wohnen wollen“, so Tanja Felske.

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