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9:4 für die Eintracht

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Von: Thomas Stillbauer, Georg Leppert

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Ort des fußballerischen Vergleichs: das Frankfurter Waldstadion.
Ort des sportlichen Kräftemessens: das Frankfurter Waldstadion. © Boris Roessler/dpa

Der total objektive Städtevergleich vor dem Europapokal-Halbfinale Eintracht Frankfurt gegen West Ham United: Zum dritten Mal in drei Jahren muss Frankfurt gegen London ran, und wer hätte das gedacht – zum dritten Mal liegen wir vorn. Mag London auch mehr Brücken haben: Wir wissen wenigstens, wo links und rechts ist.

Bezahlsysteme Stell dir vor, du hast Durst. Großen Durst. Kommst zu einem Kiosk. Sagst: „Ein Wasser bitte.“ Und dann fällt dir ein, dass du zwar Kreditkarte, EC-Karte und noch eine EC-Karte dabeihast, aber kein Bargeld. Da lacht dich der Kioskbesitzer aus und stellt das Wasser wieder in den Kühlschrank. Dann durchwühlst du deine Taschen und findest zufällig einen 50-Euro-Schein. Hilft dir aber nichts, denn das kann der Kioskbesitzer nicht wechseln, wie er dir sehr laut und deutlich mitteilt. Und nun stell dir vor, du kommst an einen Verkaufsstand im St. James Park. Schon von weitem siehst du das Schild an der Kasse, und du denkst dir, dass darauf bestimmt „Cash only“ steht. Aber dann kannst du es lesen, und da steht, dass Karten aller Art akzeptiert werden. Und endlich bekommst du das Wasser. Punkt für London. 0:1

Links und rechts Es gibt Kreuzungen in Frankfurt, da weißt du als Fußgängerin oder Fußgänger gar nicht so recht, wo du hinschauen sollst, wenn du einigermaßen sicher die Straße überqueren willst. Gerade wenn da eine Baustelle steht und es eine Abbiegespur für Autos gibt und gleichzeitig das Trottoir endet (Hafenstraße / Mainzer Landstraße). Da schaut man dann nach links wegen der Autos und der Fahrräder und nach rechts wegen der Baumaschinen, geht ein paar Meter, dann wieder nach links, ob ein Auto kommt, das abbiegen will, dann nach rechts, wo der Gegenverkehr fährt. Und dann rennt dich ein anderer Fußgänger über den Haufen. Nicht schön so etwas. Auf der anderen Seite: In London hat man das Problem an jeder Straße, weil man angeblich erst nach rechts – oder nach links (???) – schauen muss. Wegen Linksverkehr. Punkt für Frankfurt. 1:1

Flughäfen Vom Hinspiel in diesem Europa-League-Halbfinale hat man viele Geschichten gehört, gute und schlechte Geschichten, aber auch diese: Wer aus Frankfurt mit dem Flugzeug nach London-Heathrow flog, brauchte anschließend noch einmal genauso lang, um von dem Flughafen ins Stadion zu kommen. Genauso lang! Wer es gern kürzer hätte, muss aber mindestens dieselbe Zeit in die Reiseplanung investieren, denn London hat neun (9!) Flughäfen. Davon fünf internationale. Stellen Sie sich bitte mal den Fluglärm vor. Die Klimakillerei. Was uns in die zweifelhafte Lage versetzt, hier den Frankfurter Flughafen loben zu müssen, der ja nun auch kein Gutenachtlied-Orchester ist und schon jede Menge Stadtwald gefressen hat. Aber wir loben ihn an dieser Stelle mal: dafür, dass er der einzige ist, außer, der Hahn kräht. Punkt für Frankfurt. 2:1

Brücken London hat angeblich 35 Brücken. That can yes everybody say. Wir haben nachgezählt. Das war aber auf die Dauer viel zu anstrengend, wissen Sie, wie lang dieser Fluss ist, diese Themse? Darum haben wir bei 17 aufgehört und beschlossen: Glauben wir’s halt mal. Eine dieser Brücken, wahrscheinlich die berühmteste, ist die Tower Bridge. Man kann sie knicken. Also den unteren Teil, falls ein Schiff kommt. Bisschen peinlich: „Gelegentlich wird die Tower Bridge fälschlicherweise London Bridge genannt, diese jedoch ist die nächste Brücke stromaufwärts.“ (Wikipedia) Frankfurt besaß mal die unverwechselbare Seufzerbrücke, weil die einen derartigen Knick in der Fahrbahn hatte, dass man von Dribb- nach Hibbdebach förmlich abstürzte – und seufzte. Auf der Alten Brücke haben die Frankfurter mit einem Gickel den Teufel an der Nase herumgeführt. Trotzdem: Punkt für London. 2:2

Die Tower Bridge in London kann man knicken. Zumindest unten.
Die Tower Bridge in London kann man knicken. Zumindest unten. © Daniel Leal/afp
Eiserner Steg Frankfurt
Den Eisernen Steg in Frankfurt nicht. © Monika Müller

Zauberer London hat Harry Potter. Also zumindest kann man dort die Warner Bros. Studios besuchen, die als Heimat von Harry Potter gelten. Die Veranstalter solcher Touren sagen: Sie können durch die Winkelgasse gehen, ein Butterbier trinken und über Quidditch plaudern. Das ist bestimmt schön. Aber reden wir ruhig über Quidditch, da müssen wir in Frankfurt uns nämlich nicht verstecken. Quidditch kommt in den Harry-Potter-Büchern und -Filmen vor. Der Sport ist laut Wikipedia eine Mischung aus Rugby und Handball. Es geht darum, einen Schnatz zu jagen. Und wenn Ihnen das alles nichts sagt, müssen Sie mal in den Günthersburgpark gehen. Dort trainieren Leute, die Quidditch spielen. Mit Besen zwischen den Beinen. Der Deutsche Quidditchbund wurde in Frankfurt gegründet, und es gab hier schon eine Weltmeisterschaft. Unentschieden. 3:3

Quidditch-WM auf dem Rebstockgelände.
Quidditch-WM auf dem Rebstockgelände. © Michael Schick
Hat seine Heimat in London: Harry Potter.
Hat seine Heimat in London: Harry Potter. © Imago

Städtevergleiche Seit vier Jahren vergleicht die Frankfurter Rundschau sehr objektiv, aber auch sehr erfolgreich Frankfurt mit anderen europäischen Städten, wenn ein bedeutendes Fußballspiel ansteht. Das begann im Mai 2018 mit dem glorreichen Pokalfinale gegen die Bayern und setzte sich mit den folgenden Heimspielen in der Europa League nahtlos fort. Ergebnis: eine schier unglaubliche Siegesserie, mal knapper (8:7 gegen Vaduz), mal deutlicher (11:1 gegen Chelsea), auch wenn es nicht immer haargenau mit dem anschließenden Spielergebnis übereinstimmte. Beim Vorabvergleich sorgte mal der Handkäs für die Entscheidung, mal die Hirschkuh, mal eine Enthaarungscreme (fragen Sie uns bitte nicht, warum, das ist lang her). Kennt jemand eine andere Stadt, die auf eine ähnliche Tradition verweisen kann? Wir haben den FC Arsenal und den FC Chelsea im Städtevergleich niedergerungen. Warum sollte es diesmal anders sein? Punkt für Frankfurt. 4:3

Tageszeitungen London hat viele Tageszeitungen. Frankfurt auch. In London gibt es seriöse Tageszeitungen. In Frankfurt auch. London hat (in Zahlen: 4) täglich sowie sonntäglich erscheinende Tageszeitungen, die anders sind. Sagen wir: bunt. Da stehen schon mal Sachen drin, die nicht so ganz dem entsprechen, was anderswo Wahrheit genannt wird – vorzugsweise über Prinzessin Diana (Gott hab sie selig, wenn er nicht gerade die Queen beschützt) oder über andere Mitglieder und Ex-Mitglieder des britischen Königinnenhauses. Das kennen wir in Frankfurt überwiegend anders. Natürlich steht London trotzdem ganz gut da mit seiner „Times“ und seinem „Independent“. Aber lesen Sie darin gerade diesen Städtevergleich? Nein. Den lesen Sie in der FR. Punkt für Frankfurt. 5:3

Rundschaulesen in Frankfurt hat Stil.
Rundschaulesen in Frankfurt hat Stil. © Rolf Oeser
Die Schuhe des Londoner Lesers sind aber auch nicht schlecht.
Die Schuhe des Londoner Lesers sind aber auch nicht schlecht. © Tolga Akmen/afp

Garden In London gibt es The Queen’s Gard. Die beschützt die englische Königin. Die Grenadier Guards sehen sehr seriös aus mit ihren Bärenfellmützen auf dem Kopf. In Frankfurt gibt es auch eine Garde: die Beschäftigten im OB-Büro. Sie beschützen den König, äh, Oberbürgermeister von Frankfurt. Etwa gegen Journalist:innen, die zum 1432. Mal fragen, was Peter Feldmann über den Arbeitsvertrag seiner Frau wusste und ob er sich der AWO gegenüber besonders dankbar zeigte. Oder auch gegen die Staatsanwaltschaft. Mag ja sein, dass die mit einem Durchsuchungsbeschluss anrückt. Aber dann redet man eben mal freundlich miteinander, zeigt sich kooperativ, ruft vielleicht noch den Star der Garde, einen Topanwalt, an – und schon zieht die Staatsanwaltschaft ab, ohne das Büro auf den Kopf gestellt zu haben. Punkt für Frankfurt. 6:3

Vereinsnamen Die einen heißen West Ham United, weil sie aus West Ham kommen. Das gehört seit 1965 zu London – just seit dem Jahr, als der Klub seinen einzigen Europapokal gewann. Die anderen heißen Eintracht Frankfurt, weil sie aus Frankfurt kommen. Die einen werden auch Irons genannt (weil sie als Werft-Betriebssportgruppe der Thames Ironworks and Shipbuilding and Engineering-Company gegründet wurden) oder Hammers (deshalb haben sie zwei Hämmer im Wappen und nicht etwa zwei Schinken, obwohl man ja auch denken könnte: Ham, zu Deutsch: Schinken). Die anderen heißen Adlerträger, Diva vom Main, Schlappekicker, die Riederwälder oder auch „Europas beste Mannschaft – SGE“. Das ist natürlich, objektiv betrachtet, eigentlich besser, Europas beste Mannschaft. Aber na gut. Dann eben Punkt für beide. 7:4

Zum Spiel

Das Halbfinal-Rückspiel der Fußball-Europa League zwischen Eintracht Frankfurt und West Ham United beginnt an diesem Donnerstag um 21 Uhr. Das Waldstadion ist restlos ausverkauft.

Im Fernsehen überträgt wieder RTL die Partie live. Ein offizielles sogenanntes Public Viewing wie in früheren Jahren gibt es nicht, aber in vielen Kneipen und Vereinshäusern treffen sich Menschen, um der Eintracht bei der seltenen Gelegenheit die Daumen zu drücken, in ein europäisches Finale einzuziehen.

Liegt die Eintracht nach dem Ende der regulären Spielzeit vorn, oder steht es unentschieden, dann ist sie am 18. Mai beim Endspiel in Sevilla dabei. Führt West Ham nach 90 Minuten plus Nachspielzeit mit einem Tor Unterschied, gibt es Verlängerung; andere Varianten wollen wir an dieser Stelle nicht in Erwägung ziehen. Dies ist zwar wie immer ein total objektiver Städtevergleich, aber irgendwo muss ja auch mal Schluss sein.

Herkunftsländer Diese Rubrik hatten wir schon beim Vergleich mit Arsenal London. Das war im September 2019. Damals sprach schon einiges gegen Großbritannien als nationale Umgebung, etwa Porridge, das Wetter, kein richtiges Brot – und der beschlossene Brexit. Mittlerweile hat sich die Lage insofern zugespitzt, dass der Brexit vollzogen und die ganze Insel auf der Drift vom Festland weg ist. Unbescholtene Menschen müssen ihren Reisepass (!) verlängern (!!), um zu einem Fußballspiel nach England zu fahren. Das muss man sich mal vorstellen. Da tritt es auch völlig in den Hintergrund, dass Frankfurt offiziell immer noch zu diesem seltsamen Deutschland gehört, obwohl es längst Europa-, ach was, Eine-Welt-Stadt ist. Punkt für Frankfurt. 8:4

Himmelsrichtungen Der Name West Ham ist total irritierend. Die West Ham Station (erreichbar etwa mit der Jubilee Line) liegt gar nicht im Westen der Stadt. Und das Stadion von West Ham United auch nicht. Man muss aber auch sagen: Das Nordend liegt nicht im Norden Frankfurts. Aber jetzt nehmen wir uns mal einen digitalen Stadtplan und messen nach. Vom Norden Frankfurts (Ikea in Kalbach) bis zum Glauburgplatz braucht man zu Fuß eine Stunde und 59 Minuten. Ist viel, aber machbar. Vom Westen Londons (Southall) bis zur West Ham Station ist man fußläufig sechs Stunden und fünf Minuten unterwegs. Insofern betreibt zwar auch Frankfurt (historisch bedingten) Etikettenschwindel. Er wirkt sich aber nicht so sehr aus wie in London. Punkt für Frankfurt. 9:4

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