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Der Teamplayer

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Von: George Grodensky

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Kai-Oliver Schocke will die ehemalige Fachhochschule hin zu mehr Forschung entwickeln.
Kai-Oliver Schocke will die ehemalige Fachhochschule hin zu mehr Forschung entwickeln. © Christoph Boeckheler

Kai-Oliver Schocke, künftiger Präsident der University of Applied Science, hat viele Pläne.

Kai-Oliver Schocke möchte keine Schonzeit, keine 100 Tage, um sich einzuarbeiten. Nein, er ist noch nicht einmal im Amt. Trotzdem trifft er sich gerne mit der Presse, um sich vorzustellen. Die Gremien der Frankfurt University of Applied Science haben den Professor für Logistik und Produktionsmanagement jüngst zum neuen Präsidenten der Hochschule gewählt. Ernannt ist er allerdings noch nicht, das Land Hessen muss den Vertrag noch aufsetzen.

Darum empfängt Schocke den Besuch nicht im Präsidial-, sondern im Dekanatsbüro. Das ist ihm auch nicht unangenehm. Schocke ist seit 2019 Dekan im Fachbereich Wirtschaft und Recht der Frankfurt University. Er fühlt sich wohl dort. Fast könnte man denken, er hätte gar nicht Präsident werden müssen. Aber da ist auch etwas, das ihn weiter treibt: die Lust auf Verantwortung.

„Wenn man ein gewisser Typ ist, arbeitet man immer zu viel“, sagt der 55-Jährige zurückhaltend. Im Lebenslauf liest sich das so: Nach der Geburt in Mittelfranken zieht er bereits drei Monate später ins hessische Bensheim. Er studiert in Darmstadt Wirtschaftsingenieurswesen, fängt danach beim Chemieunternehmen Röhm an, das später zu Degussa und dann Evonik wird. 14 Jahre ist er bei der Firma, erst in der Produktion in Weiterstadt, dann in der Logistik, später im Marketing. Schocke reist viel. Für das Produkt „Plexiglas“ entwickelt sein Team den ersten Webshop in der chemischen Industrie.

Nach und nach schleicht sich allerdings etwas ein. Die Arbeit ist sehr fordernd, fast ein bisschen viel. Und: „In einem Unternehmen rennt man immer Kennzahlen hinterher“, sagt Schocke. „Das fand ich irgendwann ein bisschen langweilig.“

Zumal seine Eltern Lehrerin und Lehrer sind, das Berufsfeld hat ihn schon immer interessiert. Schocke macht einen Schnitt, geht in die Lehre. „Eigentlich war das die Hauptmotivation“, sinniert er. „Wir sind ein rohstoffarmes Land, nur dadurch erfolgreich, dass wir auf Bildung setzen. Da kann ich mich am besten einbringen.“

Bereut hat er den Schritt nie. „Es macht viel Spaß, wenn man junge Menschen begeistern kann.“ Nur, dass dadurch die Arbeitszeit weniger wird, das hat nicht geklappt.

Neben der Lehre beginnt Schocke zu forschen, zur Digitalisierung in der Luftfracht. Später leitet er eine Arbeitsgruppe der Air Cargo Community Frankfurt. „Durch Zufall“, wie er sagt, schwenkt er um auf urbane Logistik. Am House of Logistik and Mobility, dem Holm am Flughafen, baut er mit Kolleginnen und Kollegen aus der Region ein „riesiges Forschungsinstitut“ auf. Professorinnen und Professoren aus Mobilität und Logistik, Ingenieurswissenschaften und Betriebswirtschaft, Soziologie, Jura arbeiten dort. „Der Vernetzungsgedanke hat mich geprägt.“

Gerade kommt er aus Darmstadt. Er arbeite dort an einem City-Logistik-Konzept. Dafür hat er die „logistischen Katakomben der Stadt“ erkundet, ist drei Stunden umhergelaufen. Und das wurmt ihn dann doch: „Sie erwischen mich heute ohne Anzug.“ Das komme sonst nie vor. Zu Hause, ja, da trägt er Jeans. Aber nicht im Büro. Das sei eine Form der Wertschätzung gegenüber den Studierenden, findet er. Die sollen später ja in verantwortungsvollen Positionen wirken.

Schocke wird sich wohl häufig umziehen. Schließlich ist er ein Mann, der rausgeht, der die Dinge anpackt. Sportlich ist er sowieso. Zur Hochschule pendelt er morgens mit der S-Bahn, abends mit dem Fahrrad zurück nach Darmstadt. Als Fachmann für urbane Logistik ist er zudem gerne im Außeneinsatz. „Wir lassen im März Drohnen im Odenwald fliegen, wenn die Fluggenehmigung da ist.“ Man forsche, wie der ländliche Raum besser zu versorgen sei. Im Frühjahr wird auch die Lastentram wieder durch Frankfurt rollen, wird Pakete von fast allen Dienstleistern an den Wendeschleifen Zoo, Lokalbahnhof, Messe auf Lastenräder verteilen. In der Großstadt ist die Drohnenlieferung eher unpraktisch. Die Kennzahlen dazu: 125 Pakete kommen auf 1000 Menschen. Jeden Tag.

Künftig wird Schocke die Außeneinsätze reduzieren, er seufzt fast. „Präsident ist ein Vollzeitjob.“ Aber das Verständnis für Forschung, das bleibe ihm, werde ihm helfen, „unsere Hochschule weiterzuentwickeln“. Weg von der ehemaligen Fachhochschule mit dem Schwerpunkt Lehre, hin zu mehr Forschung.

Dabei verstehe er sich als Teamplayer. „Es ist nicht so, dass ich jetzt anfange und dann wird alles besser.“ Sein Vorgänger, Frank Dievernich, habe große Verdienste vorzuweisen, habe die Hochschule in die Stadtgesellschaft hinein geöffnet. Und auch jetzt, arbeiteten die Vizepräsidentinnen und -Präsidenten und ihre Teams sehr gut.

„Der finanzielle Rahmen ist gesteckt“, sagt Schocke. „Jetzt müssen wir gemeinsam über alle Gremien hinweg schauen, wie wir das Geld ausgeben“, skizziert er. Da wäre etwa die Abrissplanung für die arg in die Jahre gekommenen Gebäude sieben und acht. Dafür müssen zunächst die angemieteten Räume im Host, dem großen Center an der Hungener Straße, ertüchtigt werden. „Da ziehen auch Labore hin.“

Dann steht die Wirtschaftlichkeitsprüfung für das Kooperationsprojekt mit der Frankfurt School of Finance und der Deutschen Nationalbibliothek an. Gemeinsam möchte man ein Gebäude errichten und mit Leben füllen, den Campus V. Schockes Hochschule verantwortet 25 Prozent des Projekts. „Wir müssen über die Nutzung entscheiden.“ Optionen gibt es einige. Institute könnten dort vorübergehend einziehen oder ein Gründerzentrum. Existenzgründung soll stärker in den Blick rücken.

Verstärken wird die Hochschule auch ihre Bemühungen um Persönlichkeitsbildung bei den Studierenden. Es reiche nicht mehr aus, nur Fachwissen zu vermitteln. In der Logistik etwa gebe es keine Frontalvorlesung mehr. Die Studierenden erarbeiten gemeinsam mit Unternehmen oder sozialen Organisationen eine Aufgabenstellung.

„Sie müssen rausgehen, lernen, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sie sich nicht aussuchen können“, müssen selbst einen Projektplan erarbeiten, haben eine Deadline, sollen konkrete Vorschläge machen, mit dem Wissen, das sie schon haben, und dem, was sie sich erarbeiten.

Auf ihrem Weg helfen sollen Kurse, etwa in Rhetorik, wissenschaftlichem Schreiben, Mathe- und sogar Deutsch. Studierende müssten heute an anderen Stellen abgeholt werden als früher. „Diejenigen, die bei uns ankommen, wollen wir auch zum Abschluss bringen.“

Schöner werden sollte der Campus, wünscht sich Schocke noch. Mehr Grün soll es geben, was mitten in der Stadt in der beengten Lage nicht einfach umzusetzen sein wird. Das ficht ihn aber nicht an. Und wo er gerade bei Zukunftsvisionen ist, landet er bei moderner Gebäudetechnik. Warum nicht an der Hochschule ein Living Lab einreichten?, fragt er sich. Ein Gebäude, in dem das Wissen der angehenden Bauingenieure und Architekten steckt.

„Was uns auszeichnet, ist unsere Praxisnähe.“ Schocke möchte Städte und Unternehmen der Region noch intensiver fragen, welchen Bedarf sie haben, um Fachkräfte anbieten zu können. „Wir haben den staatlichen Auftrag, Absolventen auszubilden, die dann in Unternehmen und Organisationen arbeiten können.“

Und einen Traum noch: Ein ganzes Quartier mitentwickeln, das wäre was. Die Hochschule habe alles an Wissen, was es dafür brauche: Architektur, Bauingenieurwesen, Geoinformatik, Real Estate Management, also wie Gebäude ausgestattet werden, Informatik, die sich mit Smart Homes beschäftigt, Logistik und Mobilität bis hin zur sozialen Arbeit, zum Pflegeroboter. Ein Quartier der Zukunft.

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