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Ines Lauffer arbeitet gerne in der Autorenbuchhandlung Marx & Co im Frankfurter Grüneburgweg.

Buchmesse 2020

„Der Tag der Buchhandlungen kann bleiben“

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Frankfurter und Offenbacher Buchhandlungen präsentieren sich im Rahmen der Buchmesse beim Open Book Store Day. Was die Autorenbuchhandlung Marx und Co. vorhat, berichtet die Buchhändlerin Ines Lauffer.

Der Arbeitstag der Buchhändlerin Ines Lauffer beginnt mit Plastikwannen und Kartons. Die hat der Bücherwagendienst morgens im Büro am Hintereingang der Autorenbuchhandlung Marx und Co. im Grüneburgweg abgestellt.

Ines Lauffer schneidet die Kisten auf, holt die Bücher heraus, und sortiert sie alphabetisch. Bücher, die Kundinnen und Kunden am Vortag bis 18 Uhr bestellt haben, wandern bis 10 Uhr ins Regal hinter dem Verkaufstresen. „Bei uns kommen die Bücher schneller an als mit Amazon“, sagt sie.

Die Bücher, die die Verlage geschickt haben, kommen in die Auslagen und Regale. Wer die Autorenbuchhandlung Marx und Co. kennt, weiß, es gibt viele Auslagen und Regale. Für deutschsprachige Literatur, ins Deutsche übersetzte Literatur, Klassiker, Biografien, Politik, Literaturwissenschaft, Geschichte, Philosophie, Gender, Kinderbücher, Hörbücher, Lyrik. Für das Sortiment erhielt die Buchhandlung im vergangenen Jahr den Deutschen Buchhandlungspreis, schon zum dritten Mal.

Die Regale ragen bis zu fünf Meter in die Höhe, wo Theodor W. Adorno auf einem Bild über die Buchhandlung wacht. Ines Lauffer und Team, das aus sechs Mitarbeitenden besteht, klettern auf verschiebbare Leitern, um an das oberste Regal zu gelangen. Eine Treppe führt auf eine stabile Empore. „Kundinnen und Kunden fragen trotzdem oft, ob sie hochlaufen dürfen“, sagt sie.

„Ich hätte in keiner anderen Buchhandlung arbeiten wollen“ 

Bei ihrer Berufswahl habe der Zufall eine Rolle gespielt, sagt sie. Studiert hat sie Germanistik, Kunstgeschichte und Rhetorik, dann in einem wissenschaftlichen Verlag volontiert, als freie Lektorin und an ihrer Dissertation gearbeitet – über „Poetik des Privatraums“. Sie verglich Wohnkonzepte der 1920er Jahre mit der Literatur der Neuen Sachlichkeit.

Dann kam das erste Kind, das zweite, das dritte. Ihr Mann, der Literaturwissenschaftler Heinz Drügh, mit dem sie in Tübingen lebte, erhielt einen Ruf an die Frankfurter Goethe-Universität. Ines Lauffer schrieb ihre Doktorarbeit fertig, zog die Kinder auf, war als freie Lektorin tätig. „Reiner Zufall“ sei es gewesen, dass Barbara Determann, eine der beiden Geschäftsführerinnen der Autorenbuchhandlung, ihren Mann gefragt habe, ob er eine potenzielle Mitarbeiterin kenne. Vor fünf Jahren war das. Ines Lauffer überlegte, sagte zu. „Ich hätte auch in keiner anderen Buchhandlung arbeiten wollen.“ Die Architektur, das Sortiment, das Team hätten sie überzeugt, noch mal umzusatteln.

2001 war die Goethe-Universität ins IG-Farben-Gebäude gezogen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Autorenbuchhandlung im Westend und Kolleginnen und Kollegen der Bockenheimer Karl-Marx-Buchhandlung vereinigten sich in der Autorenbuchhandlung Marx und Co. „Wir werden trotzdem oft mit der Karl-Marx-Buchhandlung verwechselt, aber wir arbeiten ja auch eng zusammen“, sagt sie.

Wenn die Frankfurter Buchmesse und das städtische Lesefest Open Books beginnen, werden die literarischen Highlights der Open-Books-Lesungen im Schaufenster gezeigt. Bücher, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind, liegen prominent im Geschäft. Auch Autorinnen und Autoren mit Wurzeln im Rhein-Main-Gebiet sind darunter: Deniz Ohde, Anne Weber, Frank Witzel, Leif Randt.

Die kuratierten Schaufenster werden alle zwei bis drei Wochen neu bestückt – gerade liegt dort viel zu „30 Jahre Deutsche Einheit“ und Lyrik, bald auch die Gedichtbände der frisch gekürten Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück, wenn sie lieferbar sind.

Beratung ist das Kerngeschäft der Buchhändlerin, neben Büchersortieren, E-Mails beantworten, telefonieren, Veranstaltungen organisieren. „Ich versuche herauszufinden, was die Kundin oder der Kunde gerne liest, oder was die Person mag, die beschenkt werden soll“, sagt Lauffer. Bei den Veranstaltungen setze die Buchhandlung auf „virulente Themen“ – vor Corona sprach Till van Rahden über Demokratie als „gefährdete Lebensform“.

Autoren Kurt Drawert und Thilo Krause kommen

Beim Tag der Buchhandlungen, dem „Open Book Store Day“ am Buchmesse-Samstag, der erstmals im Rahmen von Open Books stattfindet, können sich Buchhändler aus Frankfurt und Offenbach, 23 an der Zahl, mit Veranstaltungen und langen Öffnungszeiten präsentieren. In die Autorenbuchhandlung Marx und Co. kommen passend zur Wiedervereinigung die Autoren Kurt Drawert und Thilo Krause am Samstagnachmittag zusammen mit Jochen Thomas-Schumann, der die Verlage Beck und Hanser vertritt.

Mit der Teilnahme am Tag der Buchhandlungen zeige die Autorenbuchhandlung Solidarität gegenüber der Buchmesse und Solidarität gegenüber der Buchstadt Frankfurt, sagt Lauffer.

Den Tag der Buchhandlungen könne die Stadt gerne beibehalten, sagt sie. „Nach dem Motto: Lesungen und Vorglühen in den Buchhandlungen und dann weiter zu den Verlagsparties.“ Falls sich im kommenden Jahr wieder ein Stück Normalität einstellt.

Beim Lockdown im Frühjahr war die Autorenbuchhandlung geschlossen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter lieferten Bücher mit dem Fahrrad aus. „Wir haben eine große Solidarität gespürt. Viele Kundinnen und Kunden haben uns versichert, dass sie nach Corona noch eine Buchhandlung im Stadtteil haben wollen.“

Wenn das Weihnachtsgeschäft ansteht, schwingen sich die Mitarbeitenden wieder aufs Rad. Denn unter Pandemiebedingungen dürfen nur fünf Kunden und Kundinnen gleichzeitig ins Geschäft. „Normalerweise stapeln sich die Kunden vor Weihnachten im Laden“, sagt sie.

Das Weihnachtsgeschäft mache ein Drittel des Jahresumsatzes aus. Ob die kleinen Buchläden das Corona-Jahr überstehen, werde sich also erst in den nächsten Monaten zeigen. Ines Lauffer hofft auf die Solidarität der Bücherfreude, die lieber die Autorenbuchhandlung unterstützen als Amazon reich zu machen.

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