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Der notwendige Blick nach außen: Werner-Holzer-Preis für ausgezeichneten Auslandsjournalismus

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Von: Pitt von Bebenburg

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Die Preisträgerinnen und Preisträger mit der Jury (v. l.): Michel Friedman, Andrea Böhm, Katrin Eigendorf, Christoph Reuter, Antje Pieper und Thomas Kaspar.
Die Preisträgerinnen und Preisträger mit der Jury (v. l.): Michel Friedman, Andrea Böhm, Katrin Eigendorf, Christoph Reuter, Antje Pieper und Thomas Kaspar. © Monika Müller

In Frankfurt wird erstmals der Werner-Holzer-Preis für ausgezeichneten Auslandsjournalismus vergeben. „Was in der Welt passiert, trifft uns mitten in unserer Gesellschaft“, sagt die prämierte ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf.

Christoph Reuter kam geradewegs aus dem Gefängnis zur Preisverleihung. Der „Spiegel“-Reporter war unter einem dubiosen Vorwand am Istanbuler Flughafen in Gewahrsam genommen worden, als er aus dem kurdischen Teil Iraks zwischenlandete. Aber Reuter kam rechtzeitig frei, um im Kaisersaal des Frankfurter Römers seine Ehrung mit dem Werner-Holzer-Preis für ausgezeichneten Auslandsjournalismus entgegenzunehmen.

Den mit 10 000 Euro dotierten ersten Preis erhielt am Freitagabend die ZDF-Reporterin Katrin Eigendorf. Zweite Preise von jeweils 5000 Euro gingen an Reuter und die „Zeit“-Auslandskorrespondentin Andrea Böhm. Eigendorf berichtet zurzeit häufig aus der von Russland angegriffenen Ukraine und stellt dabei die Lage der Menschen in den Vordergrund – ebenso wie vorher, als sie aus dem geschundenen Afghanistan sendete, noch nachdem die internationalen Truppen das Land Hals über Kopf verlassen hatten.

Werner Holzer Preis

Ausgezeichneten Auslandsjournalismus prämiert die Karl-Gerold-Stiftung zusammen mit der FR. Eine Jury zeichnet einmal im Jahr mindestens eine Persönlichkeit aus.

Zum ersten Mal wurde der Preis im Jahr 2022 im Kaisersaal im Römer vergeben. Neben Katrin Eigendorf (ZDF) wurden Andrea Böhm (Die Zeit) und Chistoph Reuter (Der Spiegel) ausgezeichnet.

In seiner Preisrede würdige Jury-Vorsitzender Michel Friedman die Bedeutung des Auslandsjournalismus: „Auslandsjournalismus, ist unsere Gehirn-Erweiterung. Ist unsere Perspektiven-Erweiterung. Ist unsere Chance zu verstehen, was außerhalb von uns passiert.“

Webseite des Preises: www.werner-holzer-preis.com

Böhm hat sich einen Namen gemacht als langjährige Beobachterin Afrikas, die das Leben auf unserem Nachbarkontinent schildert, um den Klischees über diese Region entgegenzuwirken. Böhm, die auch lange aus den USA und dem Nahen Osten geschrieben hatte, sei „buchstäblich eine Weltreporterin“, hieß es in der Laudatio von Özlem Topçu, die FR-Chefredakteur Thomas Kaspar vortrug. Reuter berichtet nachhaltig aus Krisengebieten wie Syrien, Irak und Afghanistan – mit einem kenntnisreichen Blick in die lokalen Strukturen.

Es war das erste Mal, dass der Werner-Holzer-Preis vergeben wurde. Er ist von der Frankfurter Rundschau und der Karl-Gerold-Stiftung mit Unterstützung von Holzers Familie ins Leben gerufen worden. Holzer hatte die Frankfurter Rundschau geprägt als Chefredakteur von 1973 bis 1991. Zuvor hatte er lange als Reporter aus Afrika, den USA, Vietnam, dem Nahen Osten und Europa berichtet. Seine Ehefrau, seine Tochter und sein Sohn waren zu der Preisverleihung gekommen, ebenso wie zahlreiche Ehrengäste, darunter die Frankfurter Magistratsmitglieder Bastian Bergerhoff (Grüne) und Mike Josef (SPD) sowie der hessische Europa-Staatssekretär Uwe Becker (CDU).

Wie bedeutend Auslandsjournalismus für das Verständnis der Welt und auch für das Begreifen der innenpolitischen Entscheidungen ist, wurde an diesem Abend deutlich. „Auslandsjournalismus ist unsere Gehirnerweiterung, Auslandsjournalismus ist unsere Perspektivenerweiterung“, formulierte Michel Friedman, der Vorsitzende der Jury.

Stadtkämmerer Bergerhoff bezeichnete FR-Chefredakteur Kaspar als „Kopf hinter dem Werner-Holzer-Preis“. Kaspar hatte die Entwicklung des Preises maßgeblich vorangetrieben und die Kriterien für ihn beschrieben. Es sei „für die Zukunft der Demokratie von zentraler Bedeutung, internationale Entwicklungen kontinuierlich und aus unterschiedlichen Perspektiven zur Kenntnis zu nehmen“, stellte er fest. Der Preis solle daher auch ein Signal sein „gegen den Trend, Auslandsberichterstattung zu reduzieren“. Ähnlich formulierte es Richard Meng, ehemaliger FR-Korrespondent und heute Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung. „Ein aufgeklärtes Land braucht den Blick nach außen“, betonte er.

Journalist Werner Holzer 1993. Foto : Horst Galuschka
Journalist Werner Holzer 1993. © Horst Galuschka

Zur Person

Werner Holzer , geboren 1926, war von 1973 bis 1991 Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Sein journalistisches Handwerk hatte er zuvor unter anderem beim „Mannheimer Morgen“ gelernt. Später war er Chef vom Dienst der Zeitschrift „Der Ruf – Blätter der jungen Generation“. Zur Gründerzeit der Bundesrepublik arbeitete er bei der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Abendzeitung“ in München. Von 1950 bis 1953 beteiligte er sich am Aufbau eines Artikeldienstes über die USA, anschließend wirkte er bis 1964 als Chef vom Dienst der „Frankfurter Rundschau“, später als Chefredakteur.

Mehr als zehn Jahre berichtete Holzer als Reporter aus Afrika, den USA, Vietnam, dem Nahen Osten und Krisengebieten Europas wie Nordirland. Gefragt war er auch als Kommentator im Fernsehen. Holzer starb am 14. November 2016 im Alter von 90 Jahren. mben

Preisträgerin Katrin Eigendorf zeigte sich zuversichtlich, dass das Signal ankommt. „Der Krieg in der Ukraine hat deutlich gemacht, dass das, was in der Welt passiert, uns mitten in unserer Gesellschaft trifft“, sagte sie. Der Zeitpunkt für die erstmalige Vergabe dieses Preises sei genau richtig gewählt.

Ihre Kollegin Andrea Böhm beklagte, dass die Unterschiedlichkeit der mehr als 50 afrikanischen Staaten und die Lebensrealität hierzulande nach wie vor kaum beachtet werde. Immer wieder werde unser Nachbarkontinent in Schubladen gesteckt, als Kontinent der Kriege und Konflikte oder als Hort einer angeblich unberührten Wildnis. Solchen Klischees die afrikanische Realität entgegenzusetzen, sehe sie als ihre Aufgabe, um dem „Eurozentrismus“ entgegenzuwirken.

Für die emotionalsten Momente sorgte die im Iran geborene Sängerin Kaye-Ree mit ihrem Gitarristen Martin Loos. Sie sang davon, dass „wir alle auf diesem Planeten Organe eines Körpers“ seien, und endete mit der Freiheitshymne der iranischen Frauen, „Baraye Azadi“. Richard Meng hatte am Ende keine Zweifel: „Von diesem Abend ist nun wirklich eine Botschaft ausgegangen.“

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