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List freut sich über den Nobelpreis – aber auch sehr über Siege der Eintracht. Federico Gambarini/Dpa
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List freut sich über den Nobelpreis – aber auch sehr über Siege der Eintracht. Federico Gambarini/Dpa

PORTRÄT DER WOCHE

Der Moleküldesigner

  • Sandra Busch
    VonSandra Busch
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Der Frankfurter Benjamin List erhält den Nobelpreis für Chemie. Der Forscher ist der Stadt sehr verbunden, wirkt aber im Exil: am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr.

Im Jahr 2036, da könnte Benjamin List theoretisch zurückkehren. In die Stadt seines Herzens. In die Stadt, in der er geboren und aufgewachsen ist. „Ich bin in Frankfurt immer noch viel heimischer, als ich es im Ruhrgebiet je geworden bin“, sagt er. Der Dialekt, das Essen, die Kultiviertheit und die toleranten Menschen mag er an Frankfurt und „ich überlege wirklich, wieder zurückzuziehen“. Zum Beispiel, wenn er in den Ruhestand geht. Der war bisher für 2036 geplant. Aber: „Das kann jetzt noch ein bisschen länger dauern, die Max-Planck-Gesellschaft hängt sehr an ihren Nobelpreisträgern.“

Vielleicht liegt es also ausgerechnet am Nobelpreis, dass der Direktor des Max-Planck-Instituts für Kohlenforschung in Mühlheim an der Ruhr nicht wieder zurückkehrt. Den Preis bekommt er für Chemie in dieser Woche gemeinsam mit dem US-Forscher David MacMillan verliehen. Aber List ist tief verwurzelt in der Stadt. Mutter, Bruder, Vater wohnen hier. Seine beiden Söhne sind für die Ausbildung hergezogen. Auch List ist immer wieder zu Besuch. „Als Exil-Frankfurter lege ich größten Wert darauf, dass ich ins Gemalte Haus gehe“, erzählt er. Grüne Soße, Handkäs, Apfelwein. „Für alle, die in Frankfurt wohnen, ist das normal.“ Für ihn das absolute Gefühl von Heimat.

Ein Nobelpreis ist in seiner Familie, nun, nicht gang und gäbe, aber er ist auch nicht der Erste, der damit um die Ecke kommt. Seine Tante Christiane Nüsslein-Volhard brachte einen Medizinnobelpreis bereits 1995 nach Hause. Ob wohl so etwas wie ein Nobelpreisträgergen existiert? „Meine Tante könnte dazu was sagen, die ist ja Genetikerin“, sagt List und dreht sich mit seinem Schreibtischstuhl in seinem Büro in Mühlheim um und zeigt auf ein Bild hinter sich an der Wand: sein Ururgroßvater Jacob Volhard, ebenfalls Chemiker und ein Schüler von Justus von Liebig. „Ich denke, gewisse Talente vererben sich“, sagt List. Einige Talente seien eben angeboren, so habe er gedacht, Mathematik und Schlagzeugspielen sei jedem in die Wiege gelegt worden. Er merkte aber irgendwann: „Das können gar nicht alle Kinder.“

Preisverleihung ohne König

Aufgewachsen ist List im Westend, besuchte dort die Bettinaschule, Leistungskurs Chemie natürlich („aber ich hatte jetzt nicht 15 Punkte, irgendwas zwischen 12 und 14“), und „der Grüneburgpark ist so richtig meine Heimat“. Zum Studieren ging es dann nach Berlin, aber für zwei Jahre kam er als Doktorand nach Frankfurt zurück. In die alte Chemie noch, „das schauerliche Gebäude am Niederurseler Hang“.

Schauerliches Gebäude hin oder her, geschadet hat es offenbar nicht. Erwartet hat List den Nobelpreis aber nicht. „Sonst wäre ich ja nicht beim Anruf aus Schweden mit meiner Frau in einem Straßencafé in Amsterdam gewesen.“ Und eigentlich sei er ja auch noch viel zu jung dafür, scherzt der 53-Jährige. „Der Altersdurchschnitt bei Nobelpreisträgern ist erheblich höher.“

Die Preisverleihung ist am 7. Dezember, ausgestrahlt wird sie online am 10. Dezember. Die Feier findet nicht wie sonst in Stockholm statt. Wegen Corona. Stattdessen erhält er den Preis in Berlin im Harnack-Haus der Max-Planck-Gesellschaft. „Das ist ein würdiger Ort, aber es ist natürlich was ganz anderes, wenn einem König Carl Gustav den Preis überreicht.“ Und List weiß, wovon er redet. Denn er war schon einmal in Stockholm bei der Nobelpreisverleihung. Damals, mit seiner Tante. Sie nahm ihn mit. „Ich weiß, wie aufwendig die das da machen“, sagt er. „Aber es ist ein bisschen unangemessen, sich an meiner Stelle jetzt zu beklagen.“

Um Ruhm und Ehre geht es ihm dabei ohnehin wenig. Er ist ein bodenständiger Mensch. Macht Yoga jeden Morgen und findet: „Anerkennung ist nicht schlecht, aber es ist nicht das, worauf es ankommt.“ Tief im Inneren wüssten wir das alle. Er auf jeden Fall. Den Tsunami hat er mit seiner Frau und den beiden noch kleinen Kindern 2004 in Thailand überlebt. Sie waren am Pool, als die Welle kam, wurden auseinandergerissen und fanden sich erst nach Stunden wieder. „Dreiviertel der Menschen in unserem Hotel sind gestorben“, erzählt List. „Es ist ein statistisches Wunder, dass wir alle vier überlebt haben.“ Solche Erfahrungen würden einem den Wert von Leben zeigen. „Natürlich freue ich mich über den Nobelpreis“, sagt List. „Aber wenn ich ihn nicht bekommen hätte, hätte ich weiter mit Freude meine Arbeit gemacht.“

Die Eintracht im Herzen

Den Nobelpreis bekommt er für seine Forschung zu organischen Katalysatoren. Damit können etwa Medikamente hergestellt werden, unter anderem ein HIV-Medikament. Katalysatoren beschleunigen eine chemische Reaktion und als er Ende der 90er-Jahre zu forschen anfing, wusste man nicht viel über organische Katalysatoren. List beschäftigte sich in Kalifornien damit, aus Antikörpern Katalysatoren zu machen. Bei seinen Untersuchungen stellte er fest, dass eine Aminogruppe und eine Säuregruppe eine Rolle dabei spielten. „Meine brillante Idee war dann, eine Aminosäure als Katalysator zu nehmen.“ Er schweigt kurz. Dann fängt er laut an zu lachen. „Das war ironisch gemeint, das war wirklich kein Geniestreich in dem Moment.“

Aber: Es war vor 20 Jahren der Beginn einer Revolution. „Es öffnete den Chemikern die Augen“, sagt List. Denn mit dem Verständnis, dass auch kleine organische Moleküle Reaktionen vermitteln, konnten nun neue chemische Reaktionen designt werden. List schwärmt von Katalysatoren, für ihn sind sie „ein Molekül entfernt von Magie“. Lauter neue Sachen wie Medikamente könnten hergestellt werden. Sie könnten aus CO2 und Sonnenlicht Benzin herstellen. „Aber“, und nun wird er, der sich ruhig und unaufgeregt zeigt, laut und verärgert, „die Wahrnehmung von Chemie ist genau das Gegenteil. Die Leute denken, die Chemiker verpesten die Welt.“ Das macht ihn immer wieder ein wenig fassungslos. Die großen Herausforderungen wie der Klimawandel könnten schließlich auch nur mit Chemie gelöst werden. „Katalyse trägt zu einem Drittel des Weltbruttosozialprodukts bei. Welche einzelne Technologie ist annähernd so wichtig wie die Katalyse?“ Er gibt die Antwort gleich selbst: „Da gibt es keine.“

Dass die Chemie wahnsinnig aufregend und toll ist und unser Leben bereichert, diese Botschaft will List nach außen tragen. Dafür hat er nun als Nobelpreisträger auch Öffentlichkeit. Sitzt in Talkshows und beim Jahresrückblick mit Günther Jauch. Neulich hat ihn die Eintracht eingeladen. Zum Europapokalspiel gegen Antwerpen. Klar ist er da gekommen und hat gerührt Ehrenmitgliedschaft samt gerahmtem Trikot entgegengenommen. Denn die Eintracht hat beim Exil-Frankfurter einen großen Platz im Herzen. Er fiebert stets mit ihr mit, war beim verlorenen Pokalfinale 2017 im Stadion, und als die Eintracht 2018 den Pokal dann tatsächlich gewann, „da hat sich das ähnlich schön angefühlt wie der Gewinn des Nobelpreises“.

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