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Der Mann der Sprache

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Von: Thomas Stillbauer

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Souverän auch als Mann der Tasten.
Souverän auch als Mann der Tasten. © Monika Müller

Roland Kaehlbrandt tritt als Vorstandschef der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt ab – und kümmert sich weiter darum, wie uns der Schnabel gewachsen ist

Was hat Roland Kaehlbrandt in den vergangenen 14 Jahren gemacht? Zehntausenden Kindern in die deutsche Sprache geholfen, Tausenden jungen und auch älteren Menschen verschiedene Wege zur Bildung geöffnet. Und Musik. Die macht er auch beim Gespräch immer wieder zwischendurch auf dem Piano.

Aber was vor allem bleibt, wenn er jetzt, Ende September, aufhört: die Würde, die der Mann ausstrahlt, die Klasse, wenn er über die Schönheit der deutschen Sprache spricht. Oder wenn er eine Podiumsdiskussion über das Gendersternchen leitet. Oder wenn er bei den „Frankfurter Hausgesprächen“ fragt: „Bewegen wir uns auf eine zu große Lockerheit zu und damit auf eine gewisse Beliebigkeit?“ Wenn er über das Projekt, die schier unleserlichen Schriften Johann Christian Senckenbergs zu entschlüsseln, sagt: „Wir erhoffen Menschliches, Allzumenschliches, ein deftiges Stück Geschichte.“ Selbst wenn er dem Mitmachmuseum Experiminta zum Geburtstag gratuliert („ein Start-up neuer Natur“). Die Würde, mit der er Projekte vorstellt, die er auf den Weg gebracht und mit Leben gefüllt hat.

Und dann stellt sich heraus: Der Mann ist ein Rocker. Na gut, vielleicht nicht mehr direkt ein Rocker im langhaarigen Sinn, aber einer, der Soulmusik, Funkmusik, Jazz nicht nur hört, sondern selbst spielt. Langhaarig war er auch mal. Damals, als es ihm zunächst tatsächlich um den Rock ging.

Jetzt hört Roland Kaehlbrandt erst einmal auf, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft zu sein, die er seit 2008 leitete. Und fängt an, Rentner zu sein, Teilzeitrentner gewissermaßen, denn einiges von dem, was er tat, tut er auch weiterhin. Honorarprofessor bleibt er, für Sprache und Gesellschaft, an der Alanus-Hochschule in Alfter. Und Bücher schreibt er.

Beim Treffen im herrlichen Polytechnikerhaus nahe dem Mainufer, das er nun sichtlich schweren Herzens verlassen wird, lenkt Kaehlbrandt aber das Gespräch zunächst auf das, was bleibt. „Bildung. Verantwortung. Frankfurt.“ Die Arbeit der Stiftung, griffig zusammengefasst. Die fünf zentralen polytechnischen Fähigkeiten: erstens Bindungs-, zweitens Sprachfähigkeit, drittens wissenschaftlich-technischer Forschergeist, viertens ästhetisches Ausdrucksvermögen, fünftens Bürgerkompetenz. „Unser Plan war: Wir wollen diese fünf polytechnischen Fähigkeiten fördern“, blickt er zurück. „Und wo der Staat nicht will oder kann, aus der Lücke heraus ein Momentum schaffen.“ Die Polytechnische wolle „der Akupunkteur sein, der die Nadel setzt“.

Am deutlichsten zeigt sich die Arbeit der Stiftung immer dort, wo es konkret wird. „Das ist die Vielfältigkeit der Menschen, die wir fördern“, sagt Kaehlbrandt und zeigt ein Foto. Zu sehen sind viele Kinder, aber auch erwachsene und ältere Menschen, mit und ohne Behinderung, sämtliche Hautfarben. Man kann sagen: Das sind eigentlich alle Menschen. In Zahlen: 130 000 Frankfurter Bürgerinnen und Bürger wurden seit Bestehen der Stiftung in Sachen Bildung und Bürgerkompetenz stärker gemacht.

Kaehlbrandt berichtet es mit vergnügtem Stolz, und wahrscheinlich würde er am liebsten sein ganzes Abschiedsporträt mit Details aus den Polytechnikerprogrammen füllen, mit Sprachkursen, Nachhaltigkeitspraktika, Stipendien, Deutschsommern, Stadtteilbotschafter:innen. Aber wir wollen ja etwas über den Mann erfahren, der hier wirkte. Wie darf man sich eine Jugend vorstellen, in der ein feinsinniger, sprachfühliger Mensch heranwächst?

„Wenn unser Porträt erscheint, werden Sie dann immer noch 68 Jahre alt sein, Professor Kaehlbrandt?“ Ja, sagt er, und dass 68, also 1968, auch für ihn ein interessantes Jahr gewesen sei. „Ich war 14, Schüler am Gymnasium Kreuzgasse in Köln. Seit meinem zehnten Lebensjahr war ich begeisterter Beatles-Fan gewesen, aber 1968 brach eine ganz neue Zeit an.“ Es kamen völlig neuartige Bands. „Musik war für mich von Kindesbeinen an eine Leidenschaft. Und nun erhob die junge Generation mit neuer Musik ihre Stimme“, schwärmt er. „Das erste Album von Led Zeppelin, das war ein Naturereignis, von einer ungeheuren Energie, von einer überwältigenden Kraft, wie ein Zeichen des wachsenden Selbstbewusstseins der Jugend.“ Da glüht einer wieder, so wie mit 14. „Der Sound von Led Zeppelin fegte alles hinweg. Nach wie vor muss ich’s manchmal auflegen, um den Weckruf dieser unglaublichen Musik zu hören.“ Die Musik, sagt er, habe auf ihn einen stärkeren Eindruck gemacht als das Politische, aber das sei damals auch ineinander übergegangen. „Es war eine Zeit, die aus Sicht der Jugend dieses gefühlte Hausmeister-Deutschland aufmischte.“

Aber wenn man zu spät zur Schule kam, weil die Kette von der Mobylette abgesprungen war, dann hieß es im Geschichtsunterricht mit Bezug zum Ersten Weltkrieg: „Kaehlbrandt, zeig mal Serbien!“ Oh je, sagt er, „ich sehe mich da noch stehen und mich fragen: Wo um Himmels willen liegt Serbien? Heute liebe ich historische Landkarten.“

In Celle geboren, wuchs er im Großelternhaus in Köln auf, sehr frei, sagt er, in einer von Sprachwitz und Sprachironie geprägten Atmosphäre. „Meine Freunde kamen jeden Tag um fünf Uhr zum Tee, und wir saßen im Wohnzimmer, hörten Iron Butterfly, Jethro Tull und ,Tommy‘, die Rock-Oper von den Who. Meine Großmutter fand dieses Album faszinierend, natürlich auch, weil es eine Oper war. Sie sang im Bach-Chor und lief immer singend durchs Haus.“

Kurze Pause, der Mann geht ans Piano und spielt eine Melodie. Mit der Stiftungsband tritt er gelegentlich auf. Auch so ein Generationenprojekt.

ZUR PERSON

Roland Kaehlbrandt, 68, scheidet zum Monatsende aus dem Amt des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt. Der Sprachexperte studierte Sozialpädagogik, Romanische und Germanische Philologie sowie Völkerkunde, ist Honorarprofessor für Sprache und Gesellschaft an der Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn, Mitglied des Kuratoriums der Landesstiftung Miteinander in Hessen und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Kaehlbrandt ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Seine Nachfolge tritt Frank Dievernich an, vormals Präsident der der Frankfurt University of Applied Sciences.

Beinahe wäre Roland Kaehlbrandt Förster oder Farmer in Kanada geworden. „Mein Vater ist Jägersmann“, sagt er, nicht ohne zu erwähnen, dass das Wort Jägersmann jüngst aus dem Duden gestrichen worden sei. „Ich bin kein Naturbursche wie er, aber natürlich hat das einen gewissen Einfluss.“ Mit einem Freund heckte er schließlich den Plan aus, zusammen nach Saskatchewan oder Manitoba auszuwandern. Langfristiges Ziel: Farmer werden. „Eine Freundin hat mich dann aber einmal eingeladen, bei ihr Unkraut zu jäten im Gemüsegarten. Ich habe gezielt das gejätet, was kein Unkraut war. Wir sind dann übereingekommen, dass dies nicht die richtige Zukunftsperspektive war.“

Die richtige Perspektive lag eindeutig auf den Sprachen, die er in Köln und Paris studierte, Romanistik, Germanistik, aber auch anderswo. „Sprachen sind ungeheuer interessant“, sagt Kaehlbrandt. Durch die Türkei, den Iran, Pakistan, Afghanistan und Indien fuhr er monatelang mit einem 34-PS-Käfer und 700 Dollar in Travellerschecks. „Dort habe ich Zahlen und Grußformeln gelernt. Das ging alles ziemlich schnell, das verwende ich heute noch gern zum freudigen Erstaunen von Zuwanderern aus diesen Ländern.“

Rein evolutionär, sagt er, böten die Sprachen faszinierende Einblicke in die Art, die Welt in Worte zu fassen. „Wie Wilhelm von Humboldt gesagt hat: Sprache ist die äußerliche Erscheinung des Geistes der Völker.“ Mit seinen Studierenden hat er einen aztekischen Dialekt analysiert. „Wenn man sieht, wie das morphologisch gebaut ist – einfach genial.“

Wie hält es der Linguist mit dem Gendern? Das sei nicht so einfach, sagt er. „Man ist ja Linguist und Bürger.“ In Deutschland fange man häufig an, sich für Sprache zu interessieren, wenn man sich darüber streiten könne, etwa bei der Rechtschreibreform – oder eben jetzt bei den Personenbezeichnungen im Deutschen. „Mein Hauptinteresse gilt aber zuallererst dem, was die Sprache kann“, sagt Kaehlbrandt, „was sie uns bietet, was sie uns an Reichtum schenkt und worin sie uns zusammenführt.“ Deutsch sei „die Sprache der Integration in unserem Einwanderungsland“. Die Sprachbeherrschung gewährleiste Teilhabe für die vielen Menschen, die in dieses Land kommen. Aber die Frage, wie wir unsere Personenbezeichnungen regeln, sei natürlich auch wichtig, allein damit es nicht ständig zu Missverständnissen komme wie derzeit. Die Vorschläge funktionierten grammatikalisch nicht überzeugend. „Eine Mitteilung wie ,Dein Paket kannst du bei deiner*m nächsten Nachbar*in abholen‘ ist morphologisch schwierig. Hier müssen wir noch weiterdenken.“

Man kann, sofern man sich für Sprache interessiert, stundenlang zuhören, wenn Kaehlbrandt darüber redet. Oder wenn er sich über moderne Wendungen amüsiert wie „Als ob!“ (für: von wegen) oder „Der Strand war okay leer“ (für: angenehmerweise nicht überfüllt). Und er freut sich, wenn er Neues erfährt, etwa vom Trend, nicht mehr „Warum?“ zu fragen, sondern: „Weil?“

In welcher Sprache flucht der Sprachbewanderte eigentlich? „Auf Kölsch.“ Und wie? „Das verrate ich nicht. Ich habe nur einen einzigen bestimmten Fluch, er wird selten gebraucht, ein Stiftungskollege kennt ihn, und wir teilen ihn manchmal und lachen dann natürlich herzhaft, weil er so herrlich deftig ist.“

Längst sei Frankfurt seine Stadt geworden, sagt er, wenngleich mit rheinischem Zungenschlag, „weil sie noch diesen alten Handelsgeist hat, sich das Pragmatische und Offene bewahrt hat – andererseits ist sie auch eine sehr moderne und internationale Stadt, eine gute Mischung“. Und die Stadt sei von Bürgersinn geprägt mit ihren mehr als 600 Stiftungen und 1200 Vereinen. „Man behauptet, es gebe in Frankfurt jenen Hang zum ,Des wird nix!‘, aber das entspricht nicht meiner Erfahrung.“ Bestimmend seien vielmehr große Offenheit, Bereitschaft zu kooperieren, ein wachsender Stolz auf diese Stadt – auf die Eintracht natürlich, aber auch auf Frankfurt als überschaubare globale Metropole. „Man hat das Gefühl: Hier ist sind Gegenwart und Zukunft zu Hause.“

Eins müssen wir noch wissen: Was liest der Belesene? „Ruhm“ von Daniel Kehlmann, ein fantastisches Buch, sagt er, und der Autor einer der ganz Großen. Anna Seghers’ „Das siebte Kreuz“ schätzt er, dann „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider, „Herkunft“ von Sasa Stanisic – und von Abbas Khider: „Das endgültige Lehrbuch“ – „ein unheimlich witziges Buch, die deutsche Sprache auseinandergenommen aus arabischer Sicht“.

Kaehlbrandt tritt wieder ans Piano und spielt ein paar Harmonien, „Ain’t Nobody“ von Chaka Khan. Welche Musik begeistert ihn heute? Chicago und Earth, Wind & Fire, Till Brönner und Nils Landgren, mit dem er schon musizierte. Steely Dan, die Doobie Brothers, einst Vorbilder, als die erste Band gegründet wurde. „Wir hören sehr viel Musik daheim“, sagt er. „Immer auch durchaus unterschiedliche Stilrichtungen: Klassische Musik, Klavierkonzerte, Jazz, Latin. Es gibt ja nur gute und schlechte Musik.“ Und klopft erst den vertrackten Beatles-Rhythmus von „All My Loving“, dann „Rosanna“ von Toto: „16tel!“

Was folgt? Reisen mit der Gattin, und am 8. Oktober ist Roland Kaehlbrandt zur ersten Lesung seines neuen Buchs eingeladen, in die deutsche Botschaft in Rom. Der Titel: „Deutsch – eine Liebeserklärung“.

Beim Deutschsommer der Stiftung Polytechnische Gesellschaft geht es ebenfalls um unsere Sprache.
Beim Deutschsommer der Stiftung Polytechnische Gesellschaft geht es ebenfalls um unsere Sprache. © Rolf Oeser

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