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Der kranke Frankfurter Stadtwald ist „eine Kämpfernatur“

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Von: Thomas Stillbauer

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Eine abgestorbene Buche, Opfer des Klimawandels.
Eine abgestorbene Buche, Opfer des Klimawandels. © Michael Schick

Waldzustandsbericht: Dem Patienten geht es schlecht, der Kampf gegen die Klimakrise braucht „affenartiges Tempo“.

Die Leute, sagt Tina Baumann, würden sich oft mokieren, wenn sie durch den Wald gingen: „Was habt ihr? Ist doch grün!“ Dann antwortet die Frankfurter Forstchefin: „Ich müsst nach oben gucken. Kopf in den Nacken!“ Das tun dann auch alle, die am Donnerstagmorgen den kleinen Ausflug mitgemacht haben – den Krankenbesuch beim Stadtwald.

Was sie oben sehen, sieht nicht gut aus. Immer noch nicht. Wie sollte es auch? Der Wald war vor 2022 schon krank, und er ist nach dem erneuten Hitzesommer, nach dem erneut schlimmen Mangel an Regen weiterhin ein besorgniserregender Patient. Die Baumkronen: dürr und licht. Die Stämme: teils schon komplett ohne Borke. „Was Sie hier sehen“, sagt Baumann, „so sieht es im ganzen Stadtwald aus.“

Schon wieder hat sich die Lage im Forst verschlechtert. 97,6 Prozent der Bäume sind krank, so steht es im Frankfurter Waldzustandsbericht, den Klima- und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) am Donnerstag gemeinsam mit Baumann und der Grünflächenamtsleitern Heike Appel beim Ortstermin vorstellt. „Wir machen uns sehr große Sorgen“, sagt Heilig. „Wir stecken mit dem Wald in einer tiefen Krise. Die Situation ist dramatisch.“

„Große Flächen könnten absterben“

Das war sie schon 2018 und 2019 und 2020. Voriges Jahr gab es eine minimale Verbesserung (96,4 Prozent kranke Bäume), weil der Sommer nicht gar so heiß war. Das ist Geschichte. Fast scheint es, als brauchte die deutsche Sprache bald neue Superlative für das, was die fortschreitende Klimakatastrophe mit dem Wald macht. „

FR|Klima Frankfurt/Rhein-Main

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Wir befürchten, dass große Flächen absterben“, sagt Baumann, die Leiterin der Abteilung Stadtforst im Grünflächenamt. Zuletzt hat die Stadt überhaupt keine Bäume mehr geerntet, um mit dem Holz Geld zu verdienen – einst eine wichtige Einnahmequelle. Jetzt wird nur noch gefällt, was tot ist. Und schon das schaffen die Arbeiter kaum. Zu viel.

Am (noch) lebenden Objekt ist das leicht nachzuvollziehen. Wer wirklich den Kopf in den Nacken legt, etwa entlang der Isenburger Schneise, sieht in allen Richtungen kranke Wipfel. „Hier können wir gar nichts mehr machen“, sagt Baumann beim Blick auf eine kahle Buche. „Der Baum kann morgen umfallen“, sagt Heilig. Sie habe es schon erlebt.

Die Ursachen sind bekannt. „Obwohl der letzte Winter immerhin außergewöhnlich regenreich war – es hat nicht gereicht, um die Bäume für den Sommer ausreichend mit Wasser zu versorgen“, sagt die Klimadezernentin. Die Temperatur im Sommer habe um 2,4 Grad über dem sogenannten langjährigen Mittel gelegen.

„Alle sprechen davon, die Erderwärmung auf 1,5 oder zwei Grad zu begrenzen“, sagt Tina Baumann, „die haben wir hier schon längst überschritten.“ Die Folgen sind immense Trockenschäden und geschwächte Bäume, die sich nicht mehr wehren können gegen Pilzerkrankungen und Schädlingsfraß.

Fast alle Bäume krank

Der Waldzustandsbericht 2022 zeigt: Von den alten Bäumen (über 60 Jahre) weisen so viele wie nie starke Schäden auf. Das betrifft besonders Eiche und Kiefer. Insgesamt liegt das Schadensniveau leicht unter jenem von 2020, aber deutlich über jenem von 2021.

Eiche: 99,1 Prozent geschädigt (über 60-Jährige: 100 Prozent.

Kiefer: 96,9 Prozent (96,6).

Buche: 96,5 Prozent (98).

Als Grundlage des Berichts dienen 166 Probeflächen mit je zehn Bäumen. Dort sind die drei wichtigsten Baumarten entsprechend ihres Anteils im Stadtwald vertreten: Eiche zu 39, Kiefer zu 32 und Buche mit Edellaubhölzern wie Esche und Ahorn zu 29 Prozent.

Im Hochtaunus besitzt Frankfurt über seine 5000 Hektar hinaus weitere rund 1000 Hektar Stadtwald. Dort sind besonders Fichten von der Klimakrise betroffen; sie sind nicht Bestandteil des Frankfurter Waldzustandsberichts.

Den Bericht zum Herunterladen gibt es im Internet unter der Adresse gruenflaechenamt.stadt-frankfurt.de

Besonders schlecht steht es um die alten Bäume. Hinzu kommt in diesem Jahr, dass auch junge Pflanzen, anders als in früheren Zeiten, bereits absterben. Gewässert werden sie im Wald nicht. Nicht zu schaffen. Unverhältnismäßig, sagt Baumann.

Wenn also die Hintergründe dieselben sind: Was kann man da machen? „Nichtstun ist keine Option“, da sind sich die Verantwortlichen einig. Ein klimastabiler Waldbau müsse die Antwort auf die Klimakrise sein, sagt Heilig. „Wir geben unseren Stadtwald nicht auf – was wir brauchen, ist ein Zukunftsprogramm.“

Dafür müsse die Stadt in den kommenden Jahren erhebliche Investitionen einplanen: Zwei bis zweieinhalb Millionen Euro jährlich stehen in der Rechnung, die die Stadträtin dem Kämmerer Bastian Bergerhoff (Grüne) vorlegen will.

Das Geld soll in Nachpflanzungen fließen, in Forschungsprojekte (welche Baumarten eignen sich?), in Testflächen mit Esskastanien etwa, mit Schwarzkiefern oder auch mit Rotbuchen, die es zwar schon bei uns gibt; aber diese Rotbuchen kommen aus Italien, vom Ätna, aus einer Gegend, die schon Erfahrungen hat mit der Trockenheit.

Überlebenskampf mit Sprengmast

Solche Erfahrungen geben Bäume in ihrem Erbgut weiter, erklärt Baumann. Epigenetik heißt das Stichwort. Aber auch die Frankfurter Bäume können das: aus schlechten Zeiten für die Zukunft lernen. Die Eicheln, die in diesem wie in den vergangenen Trockenjahren in Massen abgeworfen wurden – dieser Überlebenskampf nennt sich Sprengmast –, tragen die Informationen in sich.

Der Stadtforst sammelt sie auf, zieht damit Bäume nach und vertraut zudem auf die Selbstheilungskraft des Waldes. „Unsere Natur“, sagt Tina Baumann, „ist eine Kämpfernatur.“

Trotz aller Forschung und Ideen, auch aus dem zweiten Frankfurter Waldkongress im vergangenen September: „Wenn wir ehrlich sind, stochern wir im Nebel“, geben die Forstchefin Baumann und die Biologin Heilig zu. Die weitreichende Erfahrung fehle. Auch wenn der Klimawandel schon vor Jahrzehnten vorhergesagt wurde – niemand hat seine Auswirkungen, die wir jetzt mit voller Wucht erleben, bisher über einen langen Zeitraum erforschen können.

„Diese Entwicklung ist immer noch neu für uns“, sagt Baumann. Eine Waldgeneration dauere 100 Jahre. Wie sie die Lage übersteht, werden die Enkel und Urenkel beurteilen müssen.

„Die Krise ist menschengemacht“

„Es ist notwendig, dass der Klimawandel eingedämmt wird“, sagt Tina Baumann. „Tatsache ist, dass wir es mit einer menschengemachten Krise zu tun haben.“ Die Geschwindigkeit, mit der diese Krise jetzt zuschlage, „ist so unglaublich massiv“, sagt Rosemarie Heilig – „das hätte ich nicht für möglich gehalten, als ich angefangen habe“. Die Energiekrise biete aber auch eine Chance: schnell umzusteigen auf erneuerbare Energiequellen. „Wir brauchen dafür ein affenartiges Tempo.“

„Die Natur braucht uns nicht“, sagt Tina Baumann mit Blick in den Wald, ihren Arbeitsplatz. Auf die Frage, ob ihr die Krise nicht längst die Freude an ihrer Arbeit verdorben habe, schüttelt sie den Kopf: „Ich sehe das als eine Gelegenheit, meinen Beitrag zu leisten.“

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