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Seit mehr als 25 Jahren steht Joachim Unseld an der Spitze der Frankfurter Verlagsanstalt.

Kultur

Der gestürzte Kronprinz

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Joachim Unseld sollte Einst Nachfolger seines Vaters als Chef des Suhrkamp-Verlags werden – doch dann kam alles ganz anders.

Die Sätze in Fraktur springen von der Wand direkt ins Auge. „Es war spätabends, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an.“ Über das Gesicht von Joachim Unseld breitet sich ein Lächeln aus. Hier, in seinem Büro im Frankfurter Westend, bekennt er sich offen zu seinen Leidenschaften. Die ersten Sätze aus dem Roman „Das Schloss“ von Franz Kafka, geschrieben 1922, veröffentlicht erst postum 1926, erzählen von der frühen Begeisterung des Verlegers. Gegenüber hängt ein großes Porträt Kafkas in blassen Grau- und Blautönen. Es zierte auch den Umschlag der biografischen Betrachtungen, die der heute 67-jährige Unseld im Jahr 1984 über Kafka publizierte.

Unseld, ganz in existenzialistischem Verleger-Schwarz, wirkt aufgeräumt, erzählt Anekdoten. Vor 25 Jahren erschien das erste Programm seines eigenen Hauses, der Frankfurter Verlagsanstalt. Endlich „mein eigenes Reich“. Klein, aber fein: nur wenige Mitarbeiterinnen, nur Belletristik, lediglich zwölf bis fünfzehn Titel im Jahr, dafür aber „100 Prozent mein Programm“. Immer wieder sind Debüts dabei. Einige machten von sich reden. „Das Blütenstaubzimmer“ von Zoe Jenny aus dem Jahr 1997 zum Beispiel verkaufte sich über eine halbe Million Mal. „Wir haben uns in Deutschland etabliert als der Verlag, der Debüts stark machen kann; so viele Debüts veröffentlicht kein anderer.“ Immer wieder präsentiert er neue junge Autorinnen, in diesem Herbst zum Beispiel Katharina Köller mit ihrem ersten Roman „Was ich im Wasser sah“, in dem die Protagonistin in die magische Inselwelt ihrer Kindheit zurückkehrt.

„Ich bin stolz“, sagt Unseld unumwunden. Immer wieder fällt das Wörtchen „ich“, immer wieder betont der Verleger, dass er das Sagen hat. Zwischen 900 und 1100 unverlangt eingesandte Manuskripte erreichen die Verlagsräume im Westend im Jahr. „Ich schaue mir die Sachen alle persönlich an.“ Es ist ein lebenslanges Trauma, das da nachwirkt. Es ist jetzt Zeit, dass der Name des Vaters fällt. Siegfried Unseld war in den 70er und 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts die beherrschende Verleger-Persönlichkeit in der Bundesrepublik. Er stand Jahrzehnte an der Spitze des Suhrkamp-Verlags, der von Frankfurt am Main aus die literarische Szene prägte. Auf dem Höhepunkt war von der „Suhrkamp-Kultur“ in Deutschland die Rede.

Zur Person

Joachim Unseld wurde am 20. September 1953 in Frankfurt am Main geboren. Sein Vater war der langjährige Chef des Suhrkamp-Verlags in Frankfurt, Siegfried Unseld, dessen Nachfolge er zunächst antreten sollte.

Der Sohn studierte Germanistik, Soziologie und Philosophie in München, Paris und Berlin. Nach einem Streit mit seinem Vater schied er aus seiner Position als Geschäftsführer bei Suhrkamp aus.

Fast zwei Jahre lebte Unseld in Los Angeles und versuchte, dort sein Leben neu in den Griff zu bekommen. Dann kehrte er nach Frankfurt zurück und übernahm am 1. Oktober 1994 die Frankfurter Verlagsanstalt. Vor 25 Jahren, im Oktober 1995, legte er zur Frankfurter Buchmesse sein erstes eigenes Verlagsprogramm vor.

2009 verkaufte Unseld seine Minderheitsanteile an Suhrkamp, dessen Führung mittlerweile Ulla Berkéwicz übernommen hatte, die zweite Ehefrau seines 2002 verstorbenen Vaters.

In seinem Buch über Kafka unter dem Titel „Ein Schriftstellerleben“ beschreibt Joachim Unseld eindringlich, wie Kafka unter seinem dominanten Vater litt. Das Verhältnis zu seinem eigenen Vater fasst Unseld in einen kargen Satz: „Er war streng.“ Mehr kommt da nicht. Am Anfang schien alles im Hause Suhrkamp auf eine geregelte Erbfolge hinauszulaufen. Der Vater sorgte dafür, dass der Sohn eine Lehre im Verlag absolvierte, kaufmännisches Verständnis, das komplette Programm. Joachim lernte all die prominenten Autoren kennen, die in der väterlichen Villa an der Klettenbergstraße 35 in Frankfurt ein- und ausgingen. Er begann, sie zu fotografieren. Unseld zeigt begeistert die alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen: Samuel Beckett, Max Frisch, Uwe Johnson, Martin Walser, Heiner Müller, Peter Handke und viele mehr. Einige der Fotos waren schon einmal in einem Magazin zu sehen. Er denkt darüber nach, sie neu zu veröffentlichen.

Mit der Unterstützung des Vaters studierte der Sohn Germanistik, Soziologie und Philosophie in München, Paris und Berlin. 1981 promovierte er an der Technischen Universität Berlin, natürlich mit einer Arbeit über Franz Kafka. Er verliebte sich in Frankreich und eine Französin, lernte beim renommierten Gallimard-Verlag in Paris, später bei Farrar, Straus and Giroux in New York. Der Kronprinz war bereit, das Reich seines Vaters zu übernehmen. Doch dann kam alles anders.

Plötzlich, im Gespräch, verändert sich die Atmosphäre im Raum. Das Leichte, Spielerische fällt von Unseld ab. Er spricht jetzt über „die unangenehmste Erfahrung“ in seinem Leben. Anfang der 90er Jahre hatte er sich mit seinem Vater zerstritten. Rivalität wuchs. „Vordergründig ging es um eine Buchreihe“, erinnert sich der Sohn. Er hatte begonnen, bei Suhrkamp eine eigene Folge moderner Literatur zu veröffentlichen. Der junge Marcel Beyer war unter den Autoren. Das ging dem Vater zu weit. „Er hat die Bücher aus dem Druck genommen.“ Mehr noch: Er eröffnete dem Sohn, dass er nicht der Nachfolger an der Spitze von Suhrkamp werden würde.

Es fällt Unseld noch heute schwer, über diesen Absturz zu sprechen. „Ich hatte keinen Plan B“, sagt er knapp. Und weiter: „Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“ Er versuchte, räumlich so viel Abstand wie möglich von Frankfurt zu gewinnen, und ging nach Los Angeles, tauchte in die Szene dort ab. „Ich hab’ angefangen, wieder zu malen und zu fotografieren.“ Im Alter von 37 Jahren suchte er nach einem neuen Sinn in seinem Leben. Er las viel. Freunde wie die Schriftsteller Rainald Goetz und Bodo Kirchhoff besuchten ihn im Exil. Er freundete sich in Hollywood mit dem Filmproduzenten Bernd Eichinger an. „Bernd sagte zu mir: „Joachim, du bist hier falsch.“

Unseld wusste, dass Eichinger recht hatte. Die Oberflächlichkeit der Kulturszene an der Westküste der USA stieß ihn ab. „Es fehlte in L. A. an der Begeisterung für Literatur.“ Bücher seien dort nur „als Vorlage für Filme“ interessant gewesen. Als seine Mutter in Frankfurt schwer erkrankte, kehrte der Sohn zurück. „Ich glaubte noch immer, dass ich für die Suhrkamp-Nachfolge infrage kam.“ Er versuchte, sich mit seinem Vater zu versöhnen. „Ich wurde barsch zurückgewiesen.“ Eine neue Frau war in das Leben seines Vaters getreten: die Schauspielerin Ulla Berkéwicz. Sie heiratete Siegfried Unseld.

Sein Sohn spricht ihren Namen nicht aus. Er spricht nur von der „zweiten Frau meines Vaters“. Und fügt hinzu: „Ich habe noch nicht einmal ein Nicht-Verhältnis zu ihr, ich muss dazu nichts sagen.“ Unseld schweigt, schaut grimmig über den Tisch. Stille. Nach dem Tod seines Vaters 2002 trat Berkéwicz in die Suhrkamp-Geschäftsführung ein, führte bald den Vorsitz.

Joachim Unseld wusste zu diesem Zeitpunkt schon lange, dass sein Suhrkamp-Traum ausgeträumt war. 1994 übernahm er die Frankfurter Verlagsanstalt. Es war ein Name mit einer großen Tradition. Vor 100 Jahren, 1920, zum ersten Mal von einer jüdischen Familie in Frankfurt gegründet, die das Verlagshaus in der Nazi-Zeit verlor. Unseld zeigt wunderbar gestaltete Bücher aus den 20er Jahren. 1950 gründete der Soziologe Eugen Kogon die Verlagsanstalt neu. Er, der Verfasser der berühmten Analyse „Der SS-Staat“ (1946), brachte in den 50er Jahren den ersten Gedichtband der Poetin Ingeborg Bachmann heraus: „Die gestundete Zeit“. Doch Kogon hielt wirtschaftlich nicht durch. 1987 rief dann das Frankfurter Verleger-Ehepaar Ida und Klaus Schöffling die Verlagsanstalt erneut ins Leben, wurde aber 1994 von einem stillen Teilhaber aus dem Unternehmen gedrängt.

Das Herz an Frankreich verloren

Vom 1. Oktober 1994 an gehörte Unseld das Verlagshaus. Schon bald verlegte er auch die Bücher von zwei Freunden: des belgisch-französischen Schriftstellers Jean-Philippe Toussaint und des Frankfurters Bodo Kirchhoff. Wir sprechen über Freundschaften, für den Verleger „eines der wichtigsten Dinge im Leben“. Wobei Freundschaften zwischen Verleger und Autor „nicht unschwierig“ seien. Für Unseld ist wichtig, dass das Professionelle unter der Freundschaft nicht leidet. „Wenn das klappt, ist es besonders schön.“ Mit Kirchhoff klappt es seit 1979: „Ich bin seit 1983 sein Verleger und der Pate seines Sohnes.“

Und dann ist da das Verhältnis zu Frankreich und zu Jean-Philippe Toussaint. In Frankreich verliebte sich Unseld in den 70er Jahren. Seine Augen glänzen. „Ich bin damals gefühlsmäßig in Frankreich hängen geblieben, habe mein Herz an das Land verloren.“ Seine Gefühle in Worte zu fassen, fällt ihm schwer. Da ist das Schwärmen von der Freiheit, von der Lebensweise: „Wenn ich in Frankreich bin, fühle ich mich anders.“ Als er ein junger Mann war, fuhren seine Freunde und er unzählige Male mit dem Auto nach Paris. „Wir kauften als Allererstes eine Packung Gauloises und rauchten.“ Gerade vermisst er seine „kleine Wohnung in Paris“ sehr, die er wegen der Corona-Pandemie schon seit Monaten nicht mehr besucht hat.

Der Verleger übersetzt regelmäßig Bücher aus dem Französischen ins Deutsche, seit dreißig Jahren auch die seines Freundes Toussaint, die in der Verlagsanstalt erscheinen. Er machte den gebürtigen Belgier mit seinen skurril-poetischen Romanen in Deutschland bekannt. Längst ist Unseld aber auch selbst eine feste Größe im deutschen Literaturbetrieb. Er führt die Stiftung Buchkunst, die das schöne Buch feiert, war lange Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Publikumsverlage. Er macht sich nichts vor: „Vielen Menschen fällt es schwer, in ihrem Alltag noch die Zeit zum Lesen zu finden.“ Seinen erwachsenen Kindern genüge mittlerweile statt der gedruckten Bücher ein Laptop. Wenn Joachim Unseld sagt, es werde „immer die Nische geben für das literarische Buch“, scheint es, als mache er sich selbst Mut.

Gemeinsam mit Bodo Kirchhoff schlug er einst vor, in Frankfurt den Deutschen Literaturpreis zu verleihen. Dass dann daraus der Deutsche Buchpreis wurde, wurmt ihn noch heute. Ein schelmisches Grinsen begleitet seine Liebeserklärung an Frankfurt am Main: „Es brodelt, zumindest tagsüber. Die Leute sind schnell im Kopf. Nicht nachtragend wie in Berlin. Und nicht behäbig wie in München.“ Eine Stadt also ganz nach dem Lebensgefühl des Verlegers.

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