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Zum Jahresende geht Manfred Wessel in den Ruhestand. Die persönlichen Abschiede fielen coronabedingt aus.

Botanischer Garten

Der Freund der Bäume geht auf Rekordjagd

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Manfred Wessel, 28 Jahre lang Leiter des Frankfurter Botanischen Gartens, sucht im Ruhestand nach „Champion Trees“. Er wohnte mit seiner Familie einst, wo sonst niemand wohnen darf.

Einen Lieblingsort? Im Botanischen Garten? Nein, sagt Manfred Wessel – nicht, dass er wüsste. Oder doch, wenn er genau überlegt: den Kiefernwald. „Kiefern sind sowieso schön“, sagt er, „vor allem, wenn die so schön gewachsen sind.“

In der Tat: Interessant, wie sich Pinus silvestris da vor der Düne im Norden des Gartens verneigt und verzweigt, assistiert von Erysimum hieraciifolium, dem Ruten-Schöterich aus der Familie der Kreuzblütler. Und es werden dann doch noch ein paar Lieblingsorte mehr im Verlauf dieses Spaziergangs.

28 Jahre lang hat Wessel den Garten geleitet. Zum Jahresende ist Schluss für den großen, stets ruhigen Mann, der immer ein freundliches Wort hat, nicht nur für seine Tausenden von Pflanzen. Feierabend. Rente. Die letzten Wochen vor der Winterpause der Oase hatte er sich ein wenig anders vorgestellt. „Ich wollte eigentlich samstags regelmäßig herkommen, um mich von den Leuten zu verabschieden, die hier Führungen machen.“ Ging nicht, wegen Corona. Keine Führungen. „Das ist alles ins Wasser gefallen.“ Beziehungsweise ins Virus. Und ausgerechnet jetzt wird es aus demselben Grund zum ersten Mal in 28 Jahren keine Weihnachtsfeier mit dem Team geben. Wie soll man sich da angemessen verabschieden? Vielleicht später. Jetzt erst mal nach Nordamerika. „Ich dachte mir: Es wäre doch schön, wenn wir einen Weg durch Nordamerika hätten“, sagt Manfred Wessel. Man muss wissen: Nordamerika ist eine Region im Botanischen Garten. Da wachsen nordamerikanische Pflanzen. Und normalerweise darf man die Wege nicht verlassen. Aber durch Nordamerika, fand Wessel, wäre ein ganz einfacher Weg doch etwas Feines, gemulcht, mit schmalen Baumstämmen markiert. Der Weg ist jetzt in Arbeit. Wer hindurchgeht, durch Nordamerika, kommt hier aber nicht am Nordpol raus, sondern in Ostasien. Ein Botanischer Garten darf das.

Er darf im Übrigen auch spannend sein und einladend, der Botanische Garten. Als Manfred Wessel in den frühen 90er Jahren kam, war er das, wenn man ehrlich ist, eher nicht. „Das war damals ein vergessener Ort“, sagt er. „Es war ja nichts los hier. Besucher waren“, er macht Anführungszeichen in die Luft, „geduldet“. Es gab keine Infotafeln, keine Führungen. Wissenschaftsgarten. Es schien, als wollte man eigentlich gar nicht wirklich, dass viele Leute kommen.

Zur Person

Manfred Wessel ist seit 28 Jahren Technischer Leiter des Botanischen Gartens in Frankfurt. Zum Jahresende geht er in den Ruhestand. Der gelernte Gärtner sagt: „Ein Baum ist das Langlebigste, was man sich vorstellen kann. Manche Bäume standen schon zu Zeiten, als die Römer hier herumliefen, und sie stehen jetzt immer noch. Das können wir als Menschen gar nicht ermessen.“

Dann kam einer aus dem Norden. Mit Ideen. Wessel hatte drei Jahre lang im Botanischen Garten in Kiel Sachen umgesetzt wie Öffentlichkeitsarbeit, Programm für Besucher und einen Freundeskreis, der beim Finanzieren half. „Als ich hier dann vor versammelter Frankfurter Mannschaft in der Kantine Veränderungen angekündigt habe, waren die Leute erst mal nicht sehr begeistert.“ Manche aber schon. Professor Theodor Butterfaß beispielsweise, emeritierter Botanik-Hochschullehrer, der im Ruhestand an einem Führer durch den Botanischen Garten arbeitete. Später fand er Sponsoren für eine Gartenaufsicht – immerhin ein Posten von 25 000 Euro im Jahr. Nicht der einzige Mensch mit einem kuriosen Namen übrigens. „Wir hatten auch den Professor Feierabend“, erinnert sich Wessel, „der war abends immer am längsten hier.“

Gab es den offiziellen Auftrag damals an den neuen Leiter Manfred Wessel, Dinge zu verändern? „Nein. Aber ich kam ja aus Kiel. Ich dachte: Das muss so.“

Was muss so ein Garten eigentlich überhaupt? „Erklären, worin der Sinn von Vielfalt liegt“, sagt Wessel. „Warum es wichtig ist, auch unscheinbare Pflanzen zu erhalten. Dafür Interesse wecken. Kinder in den Garten holen, ihnen Natur zeigen. Die behalten das. Irgendwann wird sich das auswirken.“ Besser hätten es die Kiefern und der Ruten-Schöterich auch nicht erklären können. Und hört man da nicht die Wildbienen in ihren Holzhäusern alle mit den Köpfchen nicken? „Ich bin stolz auf diesen Garten“, sagt Wessel, „und ich wollte diesen Stolz immer gern teilen.“

Das Besondere am Botanischen Garten, was ist das? „Die Stimmung“, sagt er. „Es ist ja wie im Wald hier. Ich habe mich damals sofort in diesen Garten verliebt.“ So sehr, dass die Familie prompt in das Häuschen auf dem Gelände einzog – und 19 Jahre dort wohnte. „Es war eine günstige Wohnung und optimal gelegen.“ Die beiden Kinder der Wessels wuchsen im Garten auf, und heute, erzählt der gelernte Gärtner, zeigen sie ihren Freunden gern den Ort: „Hier haben wir als Kinder gespielt.“ Nicht nur gespielt, sondern gelebt. „Wir sind höchstens mal nach Bockenheim raus, um einzukaufen“, sagt Wessel. Eine Art Aussiedlerhof mitten in der Großstadt, so klingt das.

Irgendwann wurde es aber doch zu ungemütlich, zu feucht, zu kalt in der einfachen Behausung. Die Familie zog aus. Und weil es auch atmosphärisch ungemütlich wurde, wäre beinahe der ganze Botanische Garten ausgezogen. Anfang des Jahrtausends ging es um die Zukunft. Die Uni baute ihre Naturwissenschaften am Riedberg neu, was sollte aus dem Gelände im Westend werden? Es gab ein langes, belastendes Hin und Her, bis endlich klar war: Die Stadt übernimmt den Botanischen Garten von der Uni, also vom Land. „In der Zeit hat sich das Team nicht auseinanderdividieren lassen“, sagt der Leiter. „Wir haben einfach zusammengehalten, und das will was heißen.“

2001 Freundeskreis Botanischer Garten gegründet

Und noch ein Gutes hatte das Ganze. „Als es ganz bedenklich aussah, habe ich den Freundeskreis Botanischer Garten gegründet“, sagt Wessel. Das war 2001. Heute hat der Verein 550 Mitgliedschaften, darunter viele Familien, also insgesamt noch mehr Freundinnen und Freunde.

Und? Alles erledigt, jetzt, da die Rente kommt? „Das Gefühl habe ich absolut nicht.“ Aber manches sei durchaus gelungen. Die Erneuerung der Wege. Die vielen Erklärungstafeln – „davor erfuhr man hier ja nichts“. Der Unterstand am Teich. Die Häuser für die Bienen. „Und als I-Tüpfelchen die Barrierefreiheit.“ Seit dem vorigen Jahr gibt es sehr Hilfreiches für sehbehinderte Besucherinnen und Besucher, eine neue Wegeführung samt Informationen per Smartphone-App.

Der Spaziergang nähert sich dem Ende. Was ist denn da hinter dem Arzneigarten los? Da ziehen gerade neue Weinstöcke ein, erklärt Wessel. Das ist der Erhaltungspflanzengarten – eine Art Reservat für bedrohte Arten. „Der Garten hat sich stark verändert“, sagt der scheidende Chef. 100 Jahre war er universitär, jetzt ist er es seit neun Jahren nicht mehr. „Die Aufgabe ist: Umweltbildung.“

Wessel wird daran weiter mitwirken – im Hintergrund. Er ist für die Internetseite zuständig, würde das gern weitermachen und auch dem Freundeskreis verbunden bleiben. In Bad Vilbel will er mit seiner Frau auch künftig wohnen, und dann ist da noch die DDG, der er seit mehr als 30 Jahren angehört: die Deutsche Dendrologische Gesellschaft. Da setzt er sich im erweiterten Vorstand für den Erhalt der Bäume und Sträucher ein und leitet das Fachreferat „Champion Trees“. Das ist eine schier unendliche Liste mit Rekordbäumen von der Strauch-Rosskastanie in Greiz (Thüringen) mit 22 Zentimetern Stammumfang bis zur Sommer-Linde in Heede (Niedersachsen) mit 17,76 Metern Umfang.

„Beim Speierling liegt ein Baum aus Ockstadt in der Wetterau ganz vorn“, sagt Manfred Wessel, „4,50 Meter!“ Seine Begeisterung hat sicher schon ganze Kiefernwälder zum Wachsen inspiriert. Und wenn er selbst ein Baum wäre, dann ganz sicher ein absoluter Champion Tree.

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