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Gregor Praml ist viel herumgekommen, nicht nur in der Welt, auch in der Musik. Und ein Stillstand kommt, außer im buchstäblichen Sinn wie hier im Mousonturm, längst nicht infrage. Renate Hoyer
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Gregor Praml ist viel herumgekommen, nicht nur in der Welt, auch in der Musik. Und ein Stillstand kommt, außer im buchstäblichen Sinn wie hier im Mousonturm, längst nicht infrage. Renate Hoyer

Göpferts Runde

Der Frankfurter Kontrabassist Gregor Praml überschreitet musikalische Grenzen

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Gregor Praml komponiert Musik für Theaterstücke, Ballettaufführungen, Filme, hat eine Performance zu den Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz entwickelt, tourt mit „Angsthasen“, einem Stoff über Ängste, durch Kitas.

Er frohlockt und klagt, schlägt einen großen, explosiven Spannungsbogen, bündelt wieder wenige Töne in einem intensiven, leisen Zentrum. Der Kontrabass gerät unter den Händen von Gregor Praml zu einem ungeheuer lebendigen, vielfältigen Instrument. Der Musiker spielt selbstvergessen, mit nur zwei Gästen, vor dem Panorama des Neonlichts im Foyer des Künstlerhauses Mousonturm in Frankfurt. Das Gebäude an der Waldschmidtstraße ist zur künstlerischen Heimat des 47-Jährigen geworden, hier erlebt er „eine sehr große Offenheit“, lädt seit 2018 Gäste zu seiner Veranstaltungsreihe „The Lokal Listener“ ein. Doch der Kontrabassist überschreitet längst die Grenzen der Genres. Er komponiert Musik für Theaterstücke, Ballettaufführungen, Filme, hat eine Performance zu den Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz entwickelt, tourt mit „Angsthasen“, einem Stoff über Ängste, durch Kitas.

Der gebürtige Offenbacher erweitert seit mehr als zehn Jahren aber auch konsequent die Möglichkeiten seines Instruments, schafft durch elektronisch erzeugte Loops einen großen Entwicklungsraum für den Bass, lässt gleichzeitig mehrere Stimmen auftreten, mit dem Bogen gestrichen und gezupft.

Längst hat sich der Sohn aus dem Schatten seines Vaters, des Theater-Prinzipals und Schauspielers Willy Praml, gelöst. Aber natürlich übte der Regisseur einen großen Einfluss auf den Jungen aus, machte ihn als Kind schon mit der klassischen Musik vertraut. Im Alter von sechs Jahren spielte Gregor Klavier. Er und seine Schwester durften den Vater zu den Proben ins Theater begleiten, fasziniert und atemlos verfolgten sie das Geschehen auf der Bühne, oft bis nachts um ein Uhr. Gregors Kindheit verlief turbulent. Als er sechs Jahre alt war, trennten sich die Eltern, mit seiner französischen Mutter ging er nach Paris, besuchte dort das Gymnasium, eine besondere Einrichtung, die ausländische Kinder binnen eines Jahres fit für das französische Schulsystem machen sollte. Französisch geriet zu seiner zweiten Muttersprache. Später lebte der Sohn in Hamburg, erreichte schließlich in Düsseldorf Abitur. „Ich habe viel gesehen.“ Praml glaubt, dass er es so lernte, „flexibel im Umgang mit Menschen“ zu sein: „Es ist mir nie schwergefallen, mich in neue Gegebenheiten einzufinden.“

Zwei Jahre lang war zwischendurch das Fagott sein Instrument. Doch als er sich um die Aufnahme an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar bewarb, tat er es als Bassist. Und zwar mit seinem ersten selbst geschriebenen Stück, was die Professoren beeindruckte. Sein Vater hatte ihm erste Kompositions-Aufträge gegeben, so schrieb er die Musik für die Aufführung von „Blut am Hals der Katze“ von Rainer Werner Fassbinder. Die Comic-Figur Phoebe Zeitgeist kommt auf die Erde und entpuppt sich als Vampir. Praml erinnert sich, dass er damals , im Alter von 20 Jahren, bereits mit dem Bass experimentierte: Er spielte das Instrument auf dem Boden liegend, auf der Bühne der Jugendbegegnungsstätte in Dietzenbach.

Noch im Alter von 14 Jahren hatte er Rock-Star werden wollen, hatte am Gymnasium die Band „Frantic“ mit gegründet, unter dem Einfluss von Grunge-Gruppen wie Nirvana. Doch dann wurden es große Bassisten, denen er nacheiferte. Jaco Pastorius, der US-Musiker, Mitglied von „Weather Report“, der aber auch mit Joni Mitchell, John McLaughlin und Herbie Hancock gespielt hatte. Oder der Franzose Renaud Garcia-Fons. Der setzte oft den Bogen ein bei seinem Bass und das tat Gregor jetzt auch. „Das Spiel mit dem Bogen bringt eine besondere musikalische Qualität, die man nur mit den Fingern nicht erreichen kann.“ 1999 schloss er das Studium in Weimar ab, doch das Leben als Musiker reichte nicht, um den Unterhalt zu verdienen. 2003 begann der Bassist als freier Musikredakteur beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt, bis heute bildet diese Tätigkeit wirtschaftlich „den Grundstock“ für Praml.

Wir wechseln aus dem Mousonturm bei sonnigem Spätsommerwetter in den Garten des Café „Kante“, ergattern noch einen Tisch, vertiefen uns ins Gespräch. Das Instrument ruht derweil an einem sicheren Ort, das ist wichtig. Denn ein guter Bass erreicht zwar nicht den Wert einer klassischen Geige, kostet aber doch eine erhebliche Summe.

Wir sprechen über die prekäre Situation vieler Menschen in der freien Musikszene. Gerade hat sich der Musiker wieder mit anderen ausgetauscht. „Die freien Theater in Frankfurt werden von der Stadt gut gefördert, aber für die freie Musikszene ist zu wenig Geld da.“ Leider, sagt Praml, meldeten sich die Musikerinnen und Musiker zu wenig zu Wort. „Musikgruppen sind Einzelkämpfer, aber es wäre nötig, eine Interessenvertretung zu gründen.“

Zur Person

Gregor Praml wurde 1974 in Offenbach geboren. Der Kontrabassist studierte Jazz und Populärmusik an der Hochschule Franz Liszt in Weimar und schloss das Studium 1999 mit Diplom ab. Er war Mitglied des Tango-Quartetts „Mi Loco Tango“ und des Jazz-Trios „Tri of us“. Seit 2003 ist er freier Musikredakteur beim Hessischen Rundfunk. Seit 2018 lädt er Gäste zu seiner Reihe „The Lokal Listener“ im Mousonturm in Frankfurt am Main ein.

Der Kontrabassist komponiert Musik zu Theaterstücken, Ballett und Filmen. Zu dem Buch „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ der Schriftstellerin Monika Held über das Konzentrationslager Auschwitz hat er eine Performance entwickelt. jg

Ein Problem bildeten fehlende Räume für Auftritte und Proben. Der Bassist setzt da große Hoffnung auf den Konzertsaal, der bis zum Jahre 2023 in der denkmalgeschützten „Fabrik“ am Mittleren Hasenpfad in Sachsenhausen entstehen soll. Hier könnten freie Gruppen ein neues Domizil finden. „Die freie Szene sucht Spielmöglichkeiten.“. Praml hofft auf politische Unterstützung der gerade neu gebildeten Stadtregierung im Römer, hat Kontakte zu den Grünen geknüpft. Die Moderatorin Daniela Cappelluti sei da „ein starker Motor“.

Es ist neu für Praml, dass er sich so dezidiert politisch äußert. In den zurückliegenden Jahren hat sich der Musiker eher auf seine Musik, Bandbreite und Ausdruck seines Instruments, konzentriert. Mit den elektronischen Loops, sagt er stolz, verfüge er „mit dem Kontrabass über ein großes Alleinstellungsmerkmal“. Im vergangenen Jahr brachte ihm das beim Johann Matthias Sperger-Wettbewerb für Kontrabass den Preis in der Kategorie Kreativität. Die Wurzeln für diese Entwicklung lagen in seiner Arbeit am Theater. Da die Ensembles grundsätzlich über wenig Geld verfügten, sei er oft der einzige eingesetzte Musiker gewesen. „Ich habe mich gefragt: Was kann ich machen, damit ich live nicht mehr so alleine bin?“

Der Bassist begann vor etwa zehn Jahren, einzelne Passagen seiner Musik aufzunehmen und sie dann wieder direkt in seinen Live-Auftritt einzuspielen. Mittlerweile sind die technischen Möglichkeiten und damit die Ausdrucksformen für diese Loops sehr gewachsen. „Ich kann die Einspielungen mit größter Präzision machen.“

Längst hat Praml im Garten des Cafés den Hut abgesetzt, den Sitz der Weste gelockert. Ihm ist es wichtig, mit seiner Musik auch in einen Dialog mit der Sprache zu kommen. Nicht nur beim Theater. Bei der Performance „In Auschwitz gibt es keine Vögel“ tritt er gemeinsam mit der Frankfurter Schriftstellerin Monika Held auf. Deren Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ war 2013 erschienen. Er beschreibt die Liebesgeschichte zwischen Lena, Dolmetscherin im Auschwitzprozess in Frankfurt 1963, und Heiner, einem Überlebenden des Todeslagers. In der 65-minütigen Inszenierung überlagern sich die Musik und der Text, treten in eine Beziehung. Nach der Premiere in der IGS Nordend in Frankfurt gingen Held und Praml auf Tournee durch etliche Schulen, bis die Corona-Pandemie sie stoppte.

Ein anderes Projekt, das Praml, Vater einer siebzehnjährigen Tochter und eines dreizehnjährigen Sohnes, wichtig ist: „Angsthasen“, das Tanzstück der Choreografin Celestine Hennemann.

In der Aufführung für Kinder im Alter von vier Jahren aufwärts zeigen der Musiker und die Tänzerin Katharina Wiedenhöfer ihrem jungen Publikum, dass man Ängste am besten gemeinsam überwindet.

Ganz bei sich ist der Kontrabassist mit seinen Soloabenden, die er alleine mit seinem Instrument bestreitet. „Die will ich weiterentwickeln.“ In seiner Musik verarbeitet der 47-Jährige unterschiedlichste musikalische Einflüsse. Gerade hat er den Tango für sich „wieder entdeckt“, trat mit Titeln von Astor Piazolla auf. Schon vor mehr als fünfzehn Jahren, als Mitglied des Quartetts „Mi Loco Tango“, hatte er sich dieser Musik verschrieben. Die Vier machten mit ihren Auftritten bundesweit auf sich aufmerksam.

Gregor Praml ist keiner, der sich gerne einengen lässt oder beschränkt. Es gibt noch immer Ziele für ihn. Der Bassist Charlie Haden, sagt er mit leuchtenden Augen, habe auf seinem Instrument „mit drei Tönen alles erzählt“.

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