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Der Frankfurter Fotograf Helmut Fricke: Der Mann, der Karl Lagerfeld und Naomi Campbelll ablichtete

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Von: Kathrin Rosendorff

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Helmut Fricke vor dem Foto, das er 2018 von der letzten Modenschau mit Lagerfeld fotografierte. Das Foto ist in der Schillerstraße 16 zu sehen. Foto: Peter Jülich
Helmut Fricke vor dem Foto, das er 2018 von der letzten Modenschau mit Lagerfeld fotografierte. Das Foto ist in der Schillerstraße 16 zu sehen. © Peter Jülich

Der Frankfurter Helmut Fricke fotografierte seit den 90ern die wichtigsten Modenschauen der Welt. Im Rahmen der zweiten Frankfurt Fashion Week sind über 40 seiner Mode-Fotos in der ganzen Stadt an verschiedenen Orten der Stadt zu sehen.

Es ist laut. Denn während die Models in einer Chanel-Sommerkollektion am Strand entlanglaufen, putzt ein Herr mit einer Bodenreinigungsmaschine durch. Mitten im Lärm vor der 13 Meter langen Fototapete mit den Chanel-Models steht der Frankfurter Fotograf Helmut Fricke in rotem Sakko und Jeans in der Schillerstraße 16. Bis vor kurzem war hier ein Unterwäsche-Laden. Ab diesem Montag ist es ein Ausstellungsraum. Mehr als 40 von Frickes Mode-Bildern sind im Rahmen der zweiten Frankfurt Fashion Week in der ganzen Stadt an verschiedenen Orten unter dem Titel „Helmut Fricke Fashion“ zu sehen. Drei davon im Großformat in der Schillerstraße – pandemiebedingt kann man nur von draußen durchs Schaufenster schauen. Fricke fotografierte seit den 1990ern bis zu seiner Rente im März 2020 für die „FAZ“ an den wichtigsten Laufstegen dieser Welt – von Mailand über New York bis nach Paris.

Das „Strand-Foto“ hat der 67-Jährige im Oktober 2018 in Paris im Grand Palais geschossen. „Die Chanel-Shows waren immer beeindruckend und gigantisch im Aufbau: Dieses Foto zeigt die letzte Modenschau mit Karl Lagerfeld. Es gab echten Sand und Wellen wie am Meer. An diesem Tag fotografierte ich Lagerfeld zum ersten Mal ohne seine Sonnenbrille“, erzählt Fricke. Vier Monate später stirbt Lagerfeld.

Auf Frickes Bilder sieht man oft nie nur die Models, sondern auch das, was fernab des Laufstegs passiert: Die Zuschauer:innen, die Fotos mit ihren Smartphones machen oder der Pulk an Fotograf:innen. „Für mich wurde es meist erst spannend, wenn die anderen Fotografen aufhörten zu fotografierten. Denn mich interessieren nicht nur Close-ups der Models, sondern eben auch das Drumherum.“ Er fotografiert gern aus einer anderen Perspektive. Er habe sich in der Ära der Topmodels wie Claudia Schiffer und Linda Evangelista noch relativ frei bewegen können. „Jetzt hat man zugewiesene Plätze und kaum Spielraum.“ Lagerfeld und Yves Saint Laurent vertrauen Fricke, lassen ihn Backstage fotografieren.

Wie aber kam die Fotografie überhaupt in sein Leben? Geboren ist Fricke im niedersächsischen Uslar. „Dort war einfach das nächste Krankenhaus. Denn meine Eltern lebten in einem hessischen Dorf an der Grenze zu Niedersachsen. Mein Vater kam aus einer Viehhändler-Dynastie.“ Aber da dem Vater die „Händler-Gene“ fehlten, zieht die Familie nach Frankfurt.

In der Schulzeit ist Fricke in der Foto AG. Als junger Mann beginnt er, angesteckt vom Spirit des Frankfurter Häuserkampfes, Pädagogik zu studieren. In dieser Zeit lernt er die „Spiegel“-Fotoreporterin Digne Meller-Marcovicz kennen und jobbt bei ihr im Labor. Sie fotografiert Schriftsteller wie Max Frisch oder Martin Heidegger. Bis heute ist Fricke ein großer Literatur-Fan. „Als ich ihre Bilder vergrößerte, dachte ich: ‚Diese Leute will ich auch fotografieren.‘“ Aber zu diesem Zeitpunkt glaubt er noch nicht, dass die Fotografie sein Weg ist. Er geht nach Berlin, ist Mitbegründer der „taz“, arbeitet zwei Jahre als Redakteur. „Ich versuchte zu schreiben. Aber ich war nie zufrieden mit mir, brauchte zu lange für einen guten Text. Ich merkte: Fotografieren mag ich lieber.“

Er kehrt nach Frankfurt zurück, macht Assistenzen: Werbefotografie, Still-Life, wird Assistent von Meller-Marcovicz. Anfang der 1980er fängt er als freier Fotograf für den „Spiegel“ an, die ersten Demos gegen die Startbahn West zu fotografieren. Er landet damit auch auf dem Titel. „Ich kannte die Szene gut, das war mein Glück.“ Fricke arbeitet auch für die Nachrichtenagenturen AP und Reuters. „Aber ich wollte mehr als dieses schnelle Bild für Agenturen. Ich höre gerne zu, möchte mehr von den Menschen erfahren, die ich fotografiere. Dieses Verständnis, diese Gefühl für eine Person zu haben, ist wichtig für ein gutes Porträt.“ Modefotos habe er immer nebenbei gemacht. „Ich fand Mode einfach immer interessant.“

Ein Glücksfall sei gewesen, dass er 1989 eine Festanstellung bei der „FAZ“ bekam. „Die Mode war immer die Kirsche auf der Torte.“ Ansonsten watet er für Reportagen durch eine Mülldeponie in Manila und ist bei EU-Gipfeln. Bis 2004 fotografiert er analog: „Bei Parteitagen war ich auf der Herrentoilette, um Filme zu entwickeln. Die Politiker, die sich die Hände wuschen, schauten etwas irritiert.“ Fricke lacht. Wie war es die Topmodels der 90er zu fotografieren? „Claudia Schiffer ist mir sehr unangenehm aufgefallen, weil sie eine relativ begrenzte Ausstrahlung hat. Naomi Campbell hingegen war spannend, weil sie laut und unberechenbar ist.“

Als er für die Modewoche 2001 in New York ist, passiert der 11. September. Fricke fotografiert auf einer Mauer, als der erste Turm des World Trade Centers zusammenbricht: „Ich erinnere mich wie eine Frau wegrannte, sich immer wieder in Richtung World Trade Center umdrehte. Als sie an mir vorbeirannte, schrie sie. Ich nenne dieses Foto den Munch- Schrei.“ Er selbst habe funktioniert, keine Angst um sein Leben gehabt. „Meine einzige Sorge war, meine Kamera vor Staub zu schützen.“ Drei Wochen lang berichtet er aus New York. „Erst als ich nach Hause kam, wurde ich krank, bekam Fieber und hatte nachts Alpträume.“

Ohne Kamera verlässt Fricke auch nach der Rente kaum das Haus. Eigentlich ist der Vater von zwei Söhnen (31 und 32) gar nicht in Rente. In seinem Fotostudio in Oberursel arbeitet er weiter. „Auch wenn ein Handwerker-Team mich bucht, stürze ich mich mit der gleichen Begeisterung rein wie bei Modeschauen. Denn für mich ist die ganze Welt bunt und interessant.“ Nach der Pandemie will er auch wieder die großen Modeshows fotografieren.

Die Fotos von Helmut Fricke sind bis zum 27. Februar an verschiedenen Orten in Frankfurt wie im Massif Central, in den Hotels Jumeirah und Hilton zu sehen. Alle Orte: https://aaarea.com/de/helmut-fricke-fashion/

Viel los war im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, als Karl Lagerfeld dort 1994 eine Chanel-Modenschau mit Claudia Schiffer inszenierte. Foto: Helmut Fricke
Viel los war im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, als Karl Lagerfeld dort 1994 eine Chanel-Modenschau mit Claudia Schiffer inszenierte. © F.A.Z. /Helmut Fricke
Naomi Campbell bei einer Show von Gianni Versace 1997 in Florenz. Wenige Wochen später wurde Versace von einem Callboy und Serienmörder erschossen. Foto: Helmut Fricke
Naomi Campbell bei einer Show von Gianni Versace 1997 in Florenz. Wenige Wochen später wurde Versace von einem Callboy und Serienmörder erschossen. © Helmut Fricke

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