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Der Fotograf Olaf Jahnke in seiner Ausstellung.
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Der Fotograf Olaf Jahnke in seiner Ausstellung.

Geschichte

Der Fotograf Olaf Jahnke dokumentiert Orte der Rote Armee Fraktion in Frankfurt und der Region

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Doch mit seinen Recherchen und Bildern zu den Geschehnissen der Jahre 1968 bis 1993 hat der Künstler auch Wunden wieder aufreißen lassen, die sich nur scheinbar geschlossen hatten.

Er hat eine Tür in die Zeit geöffnet. Und er ahnte nicht, was er damit auslöste. Der Frankfurter Fotograf Olaf Jahnke dokumentierte 36 Orte in Frankfurt und in der Rhein-Main-Region, die früher einmal mit der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF) und ihren Taten in Zusammenhang standen. Der 57-Jährige wollte der Frage auf den Grund gehen: „Wie laden sich Orte für die Menschen emotional auf, wenn sie wissen, was dort geschehen ist?“ Doch mit seinen Recherchen und Bildern zu den Geschehnissen der Jahre 1968 bis 1993 hat der Künstler auch Wunden wieder aufreißen lassen, die sich nur scheinbar geschlossen hatten. Bei ihm meldete sich zum Beispiel der Kriminalbeamte, in dessen Armen der US-Offizier Paul A. Bloomquist am 11.Mai 1972 gestorben war. Damals hatte die RAF drei Sprengsätze im Hauptquartier der US-Armee in Frankfurt gezündet. „Wunden heilen nicht durch die Zeit“, sagt der Fotograf, als wir seine Bilder in der Galerie KUK in Augenschein nehmen. Darunter auch die Kantine des IG Farben Gebäudes im Westend, in der 1972 eine Bombe detoniert war und den US-Soldaten getötet hatte.

Erinnerungsarbeit ist heute schwerer denn je, das weiß auch der freie Kameramann und Fotograf Jahnke, der unter anderem für die Frankfurter Neue Presse gearbeitet hat. Durch die sozialen Medien ist die Wahrnehmung stark beschleunigt und zugleich parzelliert worden. Der Rückblick, der sich Zeit nimmt, hat es da schwer. Jahnke komponierte alle seine Fotos sorgfältig, mit sehr langer Belichtungszeit. Alle Menschen, die sich bewegen, verwischen zu Schemen. Bewusst wählte der Dokumentarist die Farbfotografie. „Ich wollte keine Romantik, ich wollte nichts Historisierendes, Schwarz-Weiß verbot sich da.“

Den Fotografen trieb schon seit längerer Zeit die Erkenntnis um, dass neben Berlin Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet Hauptschauplätze für die Taten der RAF waren. Andreas Baader, einer der Köpfe der ersten Generation, habe öffentlich früh Frankfurt zu einem Schwerpunkt des Terrors erklärt. Jahnke recherchierte über Monate in Archiven und Dokumentationszentren, er fragte bei der Polizei ebenso an wie beim Bundeskriminalamt (BKA) und beim Institut für Stadtgeschichte, um die Geschichte der RAF in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet zu rekonstruieren. Das BKA gab ihm zwar einen Korb, weil Akten noch immer der Geheimhaltung unterlägen. Aber am Ende wählte der Fotograf 36 Orte aus, darunter etliche überraschende. Zum Beispiel das Haus Offenbacher Landstraße 395 in Oberrad. Hier gewährte Ende 1970 ein Schriftsteller Baader und anderen RAF-Mitgliedern Unterschlupf.

Oder die Straßenkreuzung Bockenheimer Landstraße/Unterlindau im Westend. Hier kam es am 10. Februar 1971 zu einem Schusswechsel zwischen RAF-Mitgliedern und Polizeibeamten. Oder die Trinkhalle am Starkenburgring 68 in Offenbach. Hier verhafteten Fahnder am 8. Juli 1972 die RAF-Mitglieder Klaus Jünschke und Irmgard Möller. Bekannter ist da schon die Garage Hofeckweg 2-4 im Dornbusch in Frankfurt. Hier wurden Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins, das männliche Führungstrio der ersten RAF-Generation, am 1. Juni 1972 von der Polizei gestellt.

Der Fotograf traf an verschiedenen Schauplätzen nach Jahrzehnten noch Zeitzeugen oder Menschen, die genau wussten, was dort geschehen war. Als er in Rüsselsheim das Eiscafé „Dolomiti“ fotografierte, offiziell aus Interesse für die Architektur und das Interieur der 60er Jahre, sprachen ihn sofort zwei ältere Gäste an. Ob er denn wisse, dass hier mal „Drei von der RAF“ verhaftet worden seien. Die beiden Männer erinnerten sich, dass die drei RAF-Mitglieder aufgefallen waren, weil sie sich in aller Öffentlichkeit über Pläne des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit gebeugt hatten. An anderen Orten vollbrachte Jahnke echte Detektivarbeit. So in Darmstadt, wo er auf dem Grundstück Wilhelm-Leuschner-Straße 9 noch den verrammelten Eingang zum früheren unterirdischen Club „Underground“ fand, in dem Baader und Gudrun Ensslin 1969 öfter eingekehrt waren. Oder im Rathaus von Langgöns. Dort hatte sich die RAF am 14. Mai 1970 bei einem Einbruch mit solchen Mengen von Blanko-Personalausweisen, Dienstsiegeln und Stempeln eingedeckt, dass es über Jahre für Fälschungen reichte.

Im Vorwort zum Buch über die Ausstellung schreibt die Psychologin Barbara Perfahl, „dass es uns im Innersten erschüttern kann, wenn Orte, die zu uns gehören, auch Orte von Verbrechen werden oder waren“. Der Fotograf Olaf Jahnke hat mit seiner „Rote Armee Fraktion Topographie“ etliche Menschen bewegt. Ehemalige RAF-Sympathisanten sprachen ihn ebenso an wie Ex-Polizeibeamte oder eine frühere Richterin am Bundesgerichtshof. Die Geschichte der RAF ist nicht abgeschlossen. Nach Tätern der dritten Generation wird noch gefahndet. Jahnke zeigt auch den Tatort eines ungeklärten Mordes: Am 30. November 1989 wurde der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, in Bad Homburg auf dem Seedammweg durch eine Explosion in seiner Limousine getötet.

Galerie KUK 1292 , Frankfurt am Main, Schellgasse 8, noch bis zum 11. Juli, Öffnungszeiten freitags bis sonntags von 15 bis 19 Uhr. Das Buch zur Ausstellung kostet 24 Euro.

An den Garagen im Hofeckweg stellte die Polizei am 1. Juni 1972 Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins.

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