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AWO-Skandal in Frankfurt – Der falsche Doktor

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Von: Stefan Behr

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Jürgen Richter (Mitte), Ex-Geschäftsführer der Awo, hat derzeit viele Probleme mit der Justiz.
Jürgen Richter (m.), Ex-Geschäftsführer der AWO, hat derzeit viele Probleme mit der Justiz. (Archivfoto) © Alex Kraus

Der Ex-Chef der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Jürgen Richter ist wegen Titelmissbrauchs vom Frankfurter Amtsgericht verurteilt worden.

Frankfurt – Der Angeklagte stellt sich der Amtsrichterin als „Doktor Jürgen Richter“ vor. Der Staatsanwalt begrüßt den ehemaligen Chef der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt als „Jürgen Eugen Otto Richter“. Die gute Nachricht: Den Eugen Otto darf Richter behalten, wenn er am späten Nachmittag das Amtsgericht verlassen wird. Den Doktor aber dürfte er los sein.

Die Anklage wirft Richter vor, in Personalausweis, Reisepass, Verträgen und anderweitig den Titel eines Doktors verwendet zu haben, obwohl er nie einen gebaut habe. Dafür hatte Richter einen Strafbefehl über 120 Tagessätze à 80 Euro bekommen, gegen den er Einspruch eingelegt hat.

AWO-Skandal in Frankfurt: Doktor Richter erscheint persönlich vor Gericht

Zum Prozess erscheint Richter höchstpersönlich, was die zahlreichen Besucher – hauptsächlich Medienmenschen – überrascht. Dass er zu den Vorwürfen schweigt, ist weniger überraschend.

Das Reden übernimmt sein Verteidiger Bernhard Lorenz. Der war mal Fraktionschef der Wiesbadener CDU und ist daher so etwas wie ein Spezialist für Menschen, denen nicht mehr zu helfen ist. Im Falle Richter tut er dennoch sein Bestes: Sein von den Medien „skandalisierter“ Mandant führe den Doktortitel völlig zu Recht, und das bereits seit 1992. 1993 habe er ihn sich in Deutschland bestätigen lassen. Dass es zu seiner Doktorarbeit keinerlei Unterlagen gebe, sei ja nicht Richters Schuld.

Nun könnte der ja sagen, wo, wann und in was er promoviert habe. Aber da müsse sein Mandant schön blöde sein, sagt Lorenz: Die „Möchtegerninvestigativen“ von den Skandalisiermedien warteten ja nur darauf, diese Doktorarbeit in die Hände zu bekommen, um dem in Schande entlassenen AWO-Chef auch noch Plagiatsvorwürfe an den Hals zu schreiben. Klüger sei es, den Mund zu halten und eine Verurteilung zu riskieren.

Dem juristischen Laien mag diese Begründung etwas aberwitzig erscheinen. Dem Profi allerdings auch. Immerhin deutet Lorenz an, Richter habe 1992 an einer geheimnisvollen US-amerikanischen Uni promoviert, deren Namen er nicht nenne, und zwar über das Thema „Die Bedeutung der Religion im Leben älterer jüdischer Menschen“.

AWO-Skandal: Bislang keine Belege für Doktorarbeit

Sämtlichen geladenen Zeugen aus Wissenschaftsministerium, Polizei, Universität und der Verwaltung von Berlin/Köpenick, wo Richter damals gemeldet war, ist es trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen, irgendwo irgendeinen Beleg für die Existenz einer solchen Arbeit zu finden. Eine Polizistin deutet aber an, es sei in den 90ern Mode gewesen, gegen eine kleine Spende an US-Unis Doktortitel zu erwerben. Diese seien aber nur dazu gedacht gewesen, sie sich an die Wand zu hängen oder an den Hut zu stecken. Bei der Anerkennung in Deutschland hätten die Behörden damals freilich nicht so genau hingeschaut.

AWO Frankfurt

Selbstbedienung im Sozialverband

Auf Richters beschlagnahmtem Computer hatten Ermittler:innen tatsächlich zwei Doktortitelurkunden gefunden. Die erste ist eine ziemlich gut gefälschte der Goethe-Uni für eine Arbeit über „Sozialarbeit in Alten- und Pflegeheimen“, auf der leider der falsche Dekan unterschrieben hat und die in den Archiven der Uni nicht existiert. Lorenz’ Erklärung: Es handele sich um „eine Witzgeschichte, die meinem Mandanten zugesandt wurde, um ihn zu ärgern“ – was dieser so witzig gefunden habe, dass er sie gespeichert habe. Die zweite ist eine von Richter selbst angelegte Textdatei, zu der selbst Lorenz nichts einfällt. Denn die US-Uni „United World Authority“, in der Richter seinen „doctor of divinity“ gebaut haben will, ist so streng geheim, dass nicht einmal das Internet sie kennt.

Nachdem sich alle ausgiebig amüsiert haben, verurteilt die Amtsrichterin Jürgen Richter wegen Titelmissbrauchs zu 100 Tagessätzen à 80 Euro. Die Gaudi hat sich also gelohnt (1600 Euro). Dennoch geben sich Richter und Lorenz beim anschließenden Auftritt vor den Kameras redlich Mühe, ein bisserl empört zu wirken. Das begeisterte Publikum jedoch wird Jürgen Richter in angenehmer akademischer Erinnerung behalten: als Doctor humoris causa der Herzen. (Stefan Behr)

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