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Helmut „Sonny“ Sonneberg: Der Eintracht-Fan, der den Nazis trotzte

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Von: Thomas Stillbauer

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Herz der Eintracht: Helmut „Sonny“ Sonneberg vor dem Yeboah-Haus in Niederrad, Symbol gegen Rassismus. Foto aus dem Film von Ron Ulrich, Kamera: Jonas Weinhold/Manual Monning
Herz der Eintracht: Helmut „Sonny“ Sonneberg vor dem Yeboah-Haus in Niederrad, Symbol gegen Rassismus. Foto aus dem Film von Ron Ulrich, Kamera: Jonas Weinhold/Manual Monning ©  Foto aus dem Film von Ron Ulrich, Kamera: Jonas Weinhold/Manual Monning

Eintracht-Frankfurt-Frohnatur Helmut „Sonny“ Sonneberg (90) entkam dem Ghetto Theresienstadt. Eine TV-Dokumentation erzählt seine Geschichte.

Frankfurt - Es gibt Menschen, die sind so von Grund auf dem Leben zugewandt, so unerschütterlich vom Guten überzeugt, dass man im Gespräch glatt vergessen kann, dass ihnen das schiere Böse begegnet ist. Zu ihnen gehört Helmut Sonneberg, nicht nur in Kreisen rund um Eintracht Frankfurt bekannt als: Sonny. „Ich bin en aale Babbler“, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau und lacht. Soll heißen: Er redet gern.

Das wissen inzwischen viele Leute. Sonny hat es auch im Fernsehen gesagt. „Weißte, was meine größte Strafe ist?“, hat er gesagt in der Dokumentation, die Ron Ulrich für den Hessischen Rundfunk über ihn gedreht hat. „Wenn ich’s Maul halten muss.“ Der Mann ist 90 Jahre alt. Er hat die Nazis überlebt. Er verkörpert alles, was die guten Seiten Frankfurts und der Eintracht ausmacht.

Helmut „Sonny“ Sonneberg erzählt in Film-Doku aus seinem Leben

Dreißig Minuten lang erzählt er in der bemerkenswert dichten und bewegenden Dokumentation aus seinem Leben. Wie er am 9. November 1938, als die Synagoge am Börneplatz brennt, von seiner Mutter erfährt: „Du bist Jude.“ – „Was ist das?“, fragt der Siebenjährige. „Das ist das, was heute Morgen gebrannt hat.“ Der Schock, der das Kind ergreift. „Bin ich anders? Sehe ich anders aus? Bin ich ansteckend krank?“ Die Feindseligkeit. Geschlagen, getreten, bespuckt von den Jungen der Hitler-Jugend. „Ich hatte nur Angst. Sieben Jahre lang hatte ich keine Freunde. Eine Scheißzeit“, sagt er in dem Film.

Später der Abtransport an der Frankfurter Großmarkthalle nach Theresienstadt ins Ghetto. Wie die Mutter sagt: „Wir sehen den Papa nicht mehr.“ Morgens Graupensuppe, mittags Graupensuppe, abends Graupensuppe. „Als ich zurückkam, hab’ ich 27 Kilo gewogen. War ich 14.“ Helmut Sonneberg sagt: „Ich kann vergeben, ich kann auch vergessen. Aber die Narben, die bleiben.“ Die Tränen, die er an der Stelle des Films weint, teilt er mit den Menschen, die ihm zuhören. Die Tränen, die man eigentlich den ganzen Film über beim Zuschauen weint, sind aber auch Tränen der Freude darüber, dass es Sonny gibt. Dass es ihn immer noch, trotz allem, gibt.

Nach dem Krieg. „Du wolltest nur noch eins: leben.“ Er macht Musik, hat alle möglichen Jobs und wird schließlich Fahrer des Bücherbusses – ein Traumberuf für den leidenschaftlichen Leser.

Da ist er längst Eintracht-Mitglied. Auch so eine Geschichte. „1946 bin ich eingetreten“, sagt er im Telefongespräch mit der FR. „Taubenstraße 2. Stehe ich vor der Tür, nebendran ein Mann mit abgeschossenem Bein. ,Wo willsten hie?‘, fragt er. ,Ei, zu de Eintracht.‘“ Wie sich herausstellt, ist die „Geschäftsstelle“ ein Türrahmen mit einem Brett dazwischen. Der Monatsbeitrag: 50 Pfennig. Freier Eintritt zu den Meisterschaftsspielen inklusive.

Helmut „Sonny“ Sonneberg kehrt Eintracht Frankfurt den Rücken – wegen SS-Gramlich

Ron Ulrichs Film zeigt Sonny mit dem schwarz-weißen Zylinder, mit dem er die Eintracht auch in der Meistersaison 1958/59 begleitet. Es ist die Saison, in der er Alfred Pfaff nach dem 5:3 im Endspiel gegen Kickers Offenbach vom Platz trägt. Der Film zeigt, wie sich Sonny und Jan-Aage Fjörtoft, Held des Saisonfinales 1999, launig darin überbieten, für wen von beiden die Begegnung die größere Ehre ist. Und er zeigt, wie Eintracht-Präsident Peter Fischer ihn feierlich zum Mitglied auf Lebenszeit macht. Sonneberg war mit Mitte 40 aus dem Verein ausgetreten, als er erfuhr, dass Ex-Präsident Gramlich ein Nazi-Verbrecher war. „Erst dachte ich, aha, ein alter Nazi, das waren sie ja fast alle“, sagt Sonny. „Da liegst du nachts wach und grübelst.“ Noch 1954, als die deutschen Fußballer Weltmeister wurden, hätten „sechs, sieben Hakenkreuz-Fahnen in Sachsenhausen geweht“, sagt er.

Als er jedoch erfuhr, dass Gramlich sogar bei der SS gewesen war, trat er aus. „Das verarbeitest du nicht“, sagt er. „Entweder er oder ich.“ Und im Film: „Das ist mein Verein, das kann ich nicht akzeptieren.“ Die Eintracht erkennt Gramlich schließlich die Ehrenmitgliedschaft ab, und Sonny kehrt heim zum Verein, seiner Familie. Besser so. Viel besser.

Wie findet er den Film? „Er hätte länger sein können“, sagt Helmut Sonneberg. „Wenn ich in Schulklassen erzähle, gehe ich mehr ins Detail. Schauen Sie mal auf Youtube.“ Wie gesagt, 90 Jahre alt, der Mann. „Ich bin viel auf den Beinen mit meiner Madame.“ Die Gattin, 86. „Aber im Großen und Ganzen bin ich sehr zufrieden mit dem Film“, sagt er, „das hat der Ron Ulrich gut gemacht.“ Im Internet gebe es viele Kommentare dazu. Die Leute wünschen ihm, dass er 104 wird. So alt muss er nämlich werden, um die eingezahlte Rente herauszuholen. Hat er ausgerechnet.

Eintracht-Fan Helmut „Sonny“ Sonneberg hat viel zu erzählen

Seine Lebensgeschichte offenbarte Sonny erst spät. Das begann 2007, als er mit Matthias Thoma zusammensaß, dem Leiter des Eintracht-Museums und Autor des Buchs „Wir waren die Juddebube“ über die jüdischen Wurzeln des Vereins. „Dazu kann ich dir auch was erzählen“, sagte Sonneberg. Und Thoma, als ihm klar wurde, was er da erfuhr: „Du musst darüber reden!“

Es wurden viele Vorträge daraus und auch ein Themenschwerpunkt mit Reisen der Eintracht-Mitglieder nach Theresienstadt. Als noch Fans ins Stadion durften, erzählte Sonny auch mal auf der beliebten „Waldtribüne“ den Fans, wie er als Kind nicht lesen und schreiben lernen durfte, weil die Nazis fanden, er sei anders als die anderen Kinder. Wie sie ihn umbringen wollten. Und wie sie ihn nicht kleingekriegt haben. Nicht im Geringsten. Und das Lesen, wie gesagt, das hat er nachgeholt, und wie.

Die Dokumentation

„Sonny – eine Geschichte über den Holocaust, Eintracht und Frankfurt“ ist zu sehen in der ARD-Mediathek

Ein Besuch im Stadion hat sich schon gelohnt, wenn Sonny Sonneberg fünf Minuten frohgemut auf der Waldtribüne stand und klare Kante gegen Nazis gezeigt hat. Vorbild im Verein, Vorbild in der Gesellschaft. „Ich danke dem lieben Gott jeden Tag, wenn ich aufstehe“, sagt er im Film. „Guck’ ich in den Himmel, sag’ ich: danke.“ Was er noch sagt: „Es gibt doch nix Schöneres wie ’ne Demokratie. Da kannst du sagen, was du willst.“

Dankbar sei er allen, die sich für ihn interessierten, auch das sagt Helmut Sonneberg bewegt. Der Dank, lieber Sonny, ist ganz unsererseits. (Thomas Stillbauer)

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