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Der Dieb der Düfte und seine Spritze der Angst

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Von: Stefan Behr

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Der Prozess gegen einen mit Nadeln piksenden Junkie ist nichts für Phobiker

Angst vor Spritzen ist meist irrational. Wenn aber Mirko W. am Drücker ist, wird diese Angst weit rationaler – ob es sich nun um Trypanophobie (Angst vor der Injektion), Belonophobie (Angst vor Nadeln) oder Aichmophobie (Angst vor spitzen Gegenständen) handelt. Oder um die Angst vor Krankheiten (Nosophobie). Denn Mirko W. ist nicht nur an Hepatitis C erkrankt, er nutzt zudem seine gebrauchten Spritzen als Waffe.

Deshalb steht der 43-Jährige am Donnerstagmorgen wegen räuberischen Diebstahls und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht. Am 3. Januar 2020 hatte W. aus einer Drogerie in Sachsenhausen drei Parfümflakons im Gesamtwert von 150 Euro geklaut. Grund dafür war nicht etwa Bromosis (die Angst zu stinken), sondern wohl Beschaffungskriminalität. Vom Ladendetektiv gestellt, zückte er eine Spritze und richtete sie auf seinen Häscher. Nach W.s Eigen-anamnese verzichtete der Detektiv auf weitere Strafverfolgung.

Zwei Stiche in die Hand

Am 20. November 2021 spazierte W. abermals mit vier Flakons (560 Euro) in den Händen bargeldlos an der Kasse derselben Drogerie vorbei. Abermals wurde er vom Ladendetektiv gerügt, abermals zog er die Spritze. Doch diesmal mischte sich noch ein Zeuge ein, der W. mit Hilfe des Detektivs niederrang – dabei allerdings zwei Spritzenstiche in die linke Hand kassierte. Die verursachten zum Glück keinen dauerhaften Schaden.

Am Donnerstagmorgen wird lediglich die Anklage verlesen. Es sollen noch sechs weitere Verhandlungstage bis in den Januar hinein folgen.

Das geschieht vielleicht auch aus Respekt vor W.s Anwalt: Moritz David Schmitt-Fricke ist als Verteidiger und Sidekick von Franco A. im gleichnamigen Prozess bekanntgeworden. Diesen hatte Schmitt-Fricke mit einer Antragsflut, deren kreative Virtuosität selbst Prozessgegner und Apeirophobiker (vor der Unendlichkeit Angsthabende) anerkennen mussten, ins schier Endlose überdehnt. Allerdings muss sich noch weisen, wer hier Schüler und wer Meister ist. Auch W. überzeugt mit einem Befangenheitsantrag gegen den Sachverständigen, der seine Psyche hätte begutachten sollen.

Den hatte der U-Häftling nicht in seine Zelle gelassen. Jetzt wirft er ihm Befangenheit vor, weil er gar nicht mit ihm geredet habe. Ein Paradoxon, dessen Lösung eine gesunde Agateophobie (Angst vor dem Verrücktwerden) verbietet.

Angst mag ein schlechter Ratgeber, Schmitt-Fricke ein guter Anwalt sein, alles ist möglich, fest steht nach Prozessauftakt in diesem Falle lediglich eines: Die einzige Angst, die in diesem Prozess nun wirklich nichts zu suchen hat, ist die Vaccinophobie. Denn gegen Hepatitis C gibt es keine Impfung.

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