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Stefan Majer ist seit 2016 Gesundheitsdezernent.
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Stefan Majer ist seit 2016 Gesundheitsdezernent.

Porträt

Der Dezernent und das Seuchenjahr

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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Der Frankfurter Stadtrat Stefan Majer agiert in der Corona-Pandemie betont unaufgeregt.

Wahrscheinlich hat man es einfach nicht mehr nötig, Phrasen von sich zu geben, wenn man anderthalb Jahre vor dem Ende einer langen politischen Laufbahn steht. Man muss dann nicht mehr behaupten, das Jahr sei „herausfordernd“ gewesen, wenn man eigentlich sagen will, dass es brutal anstrengend war. Stefan Majer redet deshalb gleich Tacheles: „Politisch war 2021 das härteste Jahr meiner Karriere.“ Das glaubt man ihm.

Stefan Majer ist 63 Jahre alt und Mitglied der Grünen. Er ist Frankfurter Gesundheitsdezernent und außerdem seit September auch wieder Verkehrsdezernent. Alleine diese Formulierung zeigt, wie besonders die Situation ist. Er ist „außerdem Verkehrsdezernent“. Normalerweise müsste dieser Posten der wichtigste im Frankfurter Magistrat sein, weil in der Stadt die Verkehrswende gelingen muss. Und zwar jetzt. Aber was ist schon normal nach fast zwei Jahren Pandemie? Stefan Majer wird jedenfalls in erster Linie als Gesundheitsdezernent wahrgenommen.

Damit kommt er klar, der studierte Theologe, der 1989 aus Tübingen nach Frankfurt kam. Seit 2016 ist Majer Gesundheitsdezernent, er kann sich für das Thema begeistern, zumal er lange in der Branche tätig war. Majer arbeitete zu Beginn seiner Zeit in Frankfurt bei der Aids-Hilfe und leitete einen ambulanten Pflegedienst.

Als Corona kam, wurde Majer plötzlich Krisenmanager. In dieser Funktion kann er es nur wenigen Menschen recht machen. Die einen sagen, er handele zu zögerlich, müsse Veranstaltungen wie den Weihnachtsmarkt oder die Heimspiele der Eintracht einfach verbieten und in der ganzen Stadt eine Maskenpflicht einführen. Die anderen finden, er könne noch viel mutiger sein und müsse alles tun, damit zumindest die Geimpften ihr altes Leben zurückbekämen. Majer dürfte ziemlich genau in der Mitte dieser Positionen stehen. Mit Kritik müsse man als Politiker leben, sagt er. Sonderlich aufgeregt klingt das nicht. Hektik ist ihm ohnehin fremd. Am liebsten sieht er sich als eine Art „Gegenentwurf zu Markus Söder“, der ihm viel zu laut, polternd und aktionistisch auftritt.

Dabei ist es Stefan Majer durchaus wichtig, was über ihn in der Zeitung steht. Die Presse kann ihn kritisieren, damit kommt der Grüne klar. Wenn er aber das Gefühl hat, dass Journalist:innen ihn nicht verstanden haben oder einfach noch Hintergründe kennen müssten, dann ruft er sie an. Dafür braucht er keine Sprecherin und keinen Referenten. Majer hat die Handynummern der Zeitungsleute, meldet sich auch mal am späten Abend, erklärt ausgiebig, was er meint und verabschiedet sich dann mit dem Satz: „Muss jetzt ins Bett, mein Mann schläft schon längst“.

Majer ist gewachsen an dieser Pandemie. Er hat sich auch ein Stück weit emanzipiert vom Land Hessen und dessen Corona-Politik. Im ersten Lockdown verwies der Gesundheitsdezernent bei so ziemlich jeder Entscheidung auf die Richtlinien des Landes. Mittlerweile agiert Majer anders, er legt die Spielräume, die ihm die Landespolitik bietet, weit aus. Im Sommer etwa hätte er die Zahl der zugelassenen Besucher:innen bei einem Eintracht-Spiel eigentlich reduzieren müssen. Majer weigerte sich, weil er wusste, dass die Stadt (für deren Wohl er verantwortlich ist) vor Gericht gegen die Eintracht verlieren würde. Dass der hessische Gesundheitsminister Kai Klose sein Parteifreund ist, hilft ihm bei solchen Entscheidungen.

Wenn Stefan Majer sich entspannen will, betreibt er Verkehrspolitik. Das stimmt natürlich so nicht und ist etwas gemein, weil die Entscheidungen im Ressort Mobilität – siehe oben – von großer Bedeutung sind. Tatsächlich genießt es Majer aber, dass sich Beschlüsse in der Verkehrspolitik oft schnell und direkt auswirken. Wenn etwa ein Radstreifen verbreitert wird oder auf Hauptstraßen nachts nur noch Tempo 30 gefahren werden darf.

Dabei sollte Majer gar nicht Verkehrsdezernent werden. Nachdem sich Grüne, SPD, FDP und Volt auf einen Koalitionsvertrag geeinigt hatten, war er als Gesundheits- und Sozialdezernent vorgesehen. Das Problem dabei: Die Grünen wären dann bis zu seinem Ausscheiden mit drei Männern und zwei Frauen im Magistrat vertreten gewesen. Ein Verstoß gegen das Frauenstatut. Am Ende wurde Elke Voitl Sozialdezernentin. Stefan Majer kümmerte sich (wie schon von 2011 bis 2016) um Verkehr, und sein designierter Nachfolger Wolfgang Siefert bleibt noch 18 Monate sein Referent, bevor er das Amt übernimmt.

Mit der Rochade fremdelte Majer durchaus. Nicht etwa, weil er sich nicht mehr für Verkehrspolitik begeistern könnte. Doch der Politiker hatte das Gefühl, dass über seinem Kopf entschieden werden sollte. Er brauchte ein paar Tage, um sich mit der neuen Rolle anzufreunden, antwortete in dieser Zeit auch nicht auf Presseanfragen, was untypisch ist. Dann stimmt er zu.

Vielleicht wäre vieles anders gekommen, wenn Majer nicht homosexuell wäre. In der Kirche fühlt er sich wohl, er engagiert sich, nach dem Studium hätte er sich eine Tätigkeit dort durchaus vorstellen können. Doch wir reden hier vom Jahr 1987. Eine andere Zeit. „Als schwuler Mann hatte ich in der Kirche quasi Berufsverbot“, sagt er.

Also fing er bei der Aids-Hilfe an und trat bei den Grünen ein. Seinerzeit gab es in der Partei einen Arbeitskreis Gesundheit. Majer fand die Gruppe toll, fiel aber dennoch durch immer neue Verbesserungsvorschläge auf. Sebastian Popp, damals gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen und später Fraktionschef, sagte Majer schließlich: „Wenn du immer motzt, dann übernimm doch auch mal Verantwortung.“ So begann Majers Karriere: Stadtverordneter, Mitarbeiter bei den Grünen-Landtagsabgeordneten Mathias Wagner und Frank Kaufmann, Referent des Ersten Beigeordneten im Regionalverband, von 2011 dann Dezernent in Frankfurt.

Vor einiger Zeit hat Stefan Majer damit begonnen, sich mit seinem Ruhestand zu beschäftigen. Im Sommer 2023 wird es so weit sein. Danach will er Predigten halten. Schon jetzt spricht er ab und an in Gemeinden – anders als 1987 ist das völlig normal. Und im Sommer des übernächsten Jahres könnte Majer wohl tatsächlich in einer Kirche reden, in der alle Plätze besetzt sein dürfen.

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