1. Startseite
  2. Frankfurt

Der Aktivist aus Frankfurt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Georg Leppert

Kommentare

Alexis Passadakis vor einer als Mahwache dienenden Bauhütte an der Borsigallee.
Alexis Passadakis vor einer als Mahwache dienenden Bauhütte an der Borsigallee. © christoph boeckheler*

Wann immer linke Bewegungen in Frankfurt von sich reden machen, ist Alexis Passadakis nicht weit. In dieser Woche kämpft er vor Gericht um mehr geförderten Wohnraum.

Es hat nicht viel geregnet in den vergangenen Tagen. Trotzdem sind die Wege im Fechenheimer Wald schlammig. Das liegt daran, dass es ein feuchter Wald ist, wie Alexis Passadakis aufklärt. Es gibt nicht mehr viele feuchte Wälder, schon gar nicht in Ballungsräumen. Umso schützenswerter sei der Fechenheimer Wald im Frankfurter Osten, sagt Passadakis, während er geschickt um Pfützen herumläuft.

Weiter hinten im Wald sind Baumhäuser zu sehen. Vermummte Menschen laufen umher. „Vermummungsgebot“, so steht es auch auf einem Schild am Wegesrand. Die Menschen, die hier leben, nehmen das ernst. Sie wohnen im Wald, weil sie befürchten, dass der Forst bald gerodet wird. Im Oktober könnte es so weit sein. Der Riederwaldtunnel soll hier seinen Anfang nehmen. Die Menschen im Wald und Alexis Passadakis wollen das verhindern.

Passadakis selbst hat nie im Wald gelebt. Er hat auch nie in den Günthersburghöfen in den Baumhäusern gewohnt, die vor knapp einem Jahr errichtet worden waren, um Rodungen zu verhindern. Passadakis hat einen neun Jahre alten Sohn, „schon deshalb wäre es schwierig, im Wald zu wohnen“, sagt er. Aber er ist auch mehr der Stratege, der Planer, der Öffentlichkeitsarbeiter, derjenige, der die Fäden zieht. In den Häusern können dann andere wohnen. Menschen, die seine Kinder sein könnten.

Passadakis ist 45 Jahre alt und bezeichnet sich als Aktivist. Man könnte auch sagen, er ist der Forrest Gump der linken Initiativen. Passadakis hört das und schmunzelt. „Das wird hoffentlich nicht die Überschrift“, sagt er. Wird sie nicht, aber es stimmt ja. Wo immer etwas los ist in Sachen linker Bewegung, ist Passadakis nicht weit. Bei Besetzungen, aber auch bei Unterschriftensammlung wie die für den Mietentscheid.

Ob es zu einem Bürgerentscheid kommen wird, bei dem die Menschen in Frankfurt darüber abstimmen, ob die städtische ABG fortan geförderten Wohnraum schaffen soll, das entscheidet das Verwaltungsgericht. Die mündliche Verhandlung ist am Donnerstag, das Urteil fällt einige Wochen später.

Passadakis ist niemand, der komplett siegessicher ist. Klar, die Initiative Mietentscheid habe sehr gute Argumente. Aber auch eine harte Gegnerin, die ABG, die immer wieder Zahlen vorlege, die er, Passadakis, nicht nachvollziehen könne. Gegnerin der Klage ist die Stadt Frankfurt. Verantwortlich für die Planungs- und Wohnungspolitik ist Stadtrat Mike Josef (SPD). Auch gegen seine Politik richtet sich der Protest der Initiative Mietentscheid. Das ist insofern merkwürdig, weil auch Josef eine Geschichte mit linken Bewegungen hat. Der Mann, der heute in der Frankfurter Stadtpolitik eine entscheidende Rolle spielt, führte den Widerstand gegen Studiengebühren an.

Mietentscheid

Die Initiative Mietentscheid hat in einem Bürgerbegehren 25 000 Unterschriften gesammelt. Ihre Forderungen lauten unter anderem : Die ABG darf nur noch geförderte Wohnungen bauen, und freie Wohnungen gehen an Menschen, die ein Anrecht auf geförderte Wohnungen haben.
Das Gericht muss darüber entscheiden, ob es über diese Fragen einen Bürgerentscheid geben soll – also eine Abstimmung unter allen wahlberechtigen Frankfurterinnen und Frankfurtern. Die Stadt lehnt dies ab. Sie sagt, die Forderungen der Initiative ließen sich nicht finanzieren. geo

Was Passadakis durchaus würdigt, aber Fakt sei nun mal, dass die Stadt Frankfurt die Wohnungspolitik auch unter Josef „von der unternehmerischen Seite her denkt“. Und dagegen müsse man vorgehen. Damit das Wohnen auch in Städten wie Frankfurt kein Luxusgut werde.

Wenn man mit Passadakis darüber redet, wie er zum Aktivisten geworden ist, spricht er von „Politisierungsstationen“. Die erste war 1991, als die USA in den Golfkrieg zogen. Passadakis, der in Jülich unweit des Forschungsreaktors aufgewachsen war, protestierte dagegen. Es sollten weitere Proteste folgen, etwa eine große Solidaritätsdemo mit den Menschen, die beim G8-Gipfel in Genua von der Polizei verletzt oder festgenommen worden waren. Schließlich zog Passadakis nach Berlin, studierte Politik und arbeitete nach dem Studium in der politischen Bildungsarbeit. Derzeit ist er Referent der Linken im Landtag und kümmert sich um den Untersuchungsausschuss zu den rassistischen Morden in Hanau.

Wieder laufen Männer mit Karabinerhaken durch den Fechenheimer Wald und grüßen freundlich. Passadakis, der ohne Vermummung fast ein wenig auffällt, grüßt zurück. „Wir sehen uns nächste Woche“, ruft ihm jemand zu. Offenbar werden dann neue Aktionen geplant.

Der Bau des Riederwaldtunnels wäre ein großer Fehler, sagt Passadakis, dessen Großvater einst von den Nazis als Zwangsarbeiter aus Griechenland nach Deutschland gebracht wurde und nach dem Krieg hier blieb. Es sei nämlich eben nicht so, dass der Erlenbruch dadurch entlastet werde. „Mehr Straßen erzeugen immer mehr Verkehr“, sagt Passadakis. Dann zitiert er Studien, dann rechnet er vor, wie groß die Verkehrsbelastung jetzt schon sei und wie groß sie erst wäre, wenn das Verbindungsstück zwischen den Autobahnen 66 und 661 fertig sei. Und schließlich erklärt er, was das alles für das Klima bedeuten würde. Für das Klima, für das er sich unter anderem auch bei der Bewegung „Fridays for Future“ einsetzt.

Wer Passadakis zuhört, hat das Gefühl, einen Wissenschaftler reden zu hören. Doch der 45-Jährige ist eigentlich weder ein Experte für Verkehrslenkung noch für Klimapolitik. Er hat sich nur alles angeeignet, was er den Journalistinnen und Journalisten regelmäßig erzählt. „Es ist mein Anspruch, über die Dinge gut Bescheid zu wissen, wenn ich gegen etwas demonstriere“, sagt Passadakis. Dieser Erwartung an sich selbst wird er voll gerecht.

Irgendwann, vermutlich im Herbst dieses Jahres, wird die Autobahn GmbH den Fechenheimer Wald räumen. Die Menschen in den Baumhäusern werden sich wehren. Gewalt gegen Polizeikräfte sei nicht geplant, betont Passadakis. Auch wenn die Polizei nach der Räumung mit Sicherheit behaupten werde, sie sei angegriffen worden. „Das läuft meistens so.“ Ziel der Menschen im Wald sei es aber nicht, Einsatzkräfte zu verletzen, sondern auf den Kahlschlag im Forst aufmerksam zu machen und die Rodung zu verteuern.

Ob das letztlich dazu führt, dass der Riederwaldtunnel nicht gebaut wird? Passadakis weiß es nicht. Aber es ist nicht so, dass alle seine Initiativen erfolglos geblieben wären. Die Günthersburghöfe werden zumindest unter dieser Römer-Koalition nicht bebaut und der Mieterentscheid hat alle Chancen, erfolgreich zu sein. Dafür ist nur ein guter Auftritt vor Gericht notwendig. Passadakis wird vorbereitet sein.

Auch interessant

Kommentare