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Frankfurt war eins für Techno-Fans die Metropole.

Techno in Frankfurt

Welthauptstadt war gestern

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Seit mehr als drei Jahrzehnten feiern Menschen in Frankfurt Techno. Die Mainmetropole galt einst als Techno-Hauptstadt, doch die besten Tage sind wohl vorbei.

Der Mann, der sagt, er habe Techno erfunden, wohnt in Zeilsheim in einer Einfamilienhaushälfte. Andreas Tomalla, Jahrgang 1963, Familienvater. Seit es Techno gibt, legt er Techno auf. Seit rund 35 Jahren.

Seine Geschichte von der Techno-Erfindung geht so: Es ist das Jahr 1982, in der B-Ebene des Hauptbahnhofs arbeitet der 19-Jährige Tomalla in einem Plattenladen. Bei „City Music“ haben sie Import-Scheiben. „Wir waren einer der angesagtesten Läden für Dance Music“, sagt Tomalla rückblickend. Synthesizer boomen, die Platten werden elektronischer. Kraftwerk, Telex, Yello und Depeche Mode stehen im Regal. Tomalla kommt auf die Idee, für die Musik, die mit neuen Technologien produziert wird, ein eigenes Fach zu schaffen. Er nennt es „Techno“.


Vier Jahre später habe Kraftwerk den Begriff auch verwendet, sagt Tomalla. Da gab es die von ihm gegründeten Partyreihe „Technoclub“ schon seit zwei Jahren. Dort spielte Tomalla als DJ Talla 2XLC die Platten aus dem Techno-Fach. Erst regelmäßig im „No Name“ an der Steinwegpassage, ab 1986 dann im „Dorian Gray“ am Flughafen. „Hast du neue Techno-Platten?“, hätten sie ihn im Plattenladen immer gefragt.

„Ende der 80er Jahre ist dann der Boom losgegangen“, erinnert sich Tomalla. Sven Väth eröffnet nach Jahren als DJ im „Dorian Gray“ 1988 das „Omen“ in einem Parkhaus in der Junghofstraße. Tomalla schreibt 1989 die ersten Artikel für das neue Magazin „Frontpage“; aus der Zeitschrift des „Technoclubs“ entwickelte sich später in den 90er Jahren ein Szenemagazin mit einer monatlichen Auflage von mehr als 100 000 Exemplaren. Im gleichen Jahr gründet der Frankfurter Thomas Koch außerdem die Szenezeitschrift „Groove“. Mit „Sound of Frankfurt“ wird die Musik etikettiert, mit der einige Frankfurter DJs berühmt werden.



Tomalla sagt, von Frankfurt aus habe der Hype in die gesamte Republik ausgestrahlt. „Wir haben hier in Frankfurt elektronisch gefeiert, da haben die in Berlin noch Gitarre gehört.“
Dann fällt die Mauer. In Berlin geht es nun richtig los. Neue Clubs entstehen, die dortige Szene wird immer größer. Wenige Monate vor dem Mauerfall hatten sich rund 150 Menschen in West-Berlin zur ersten Loveparade getroffen. Zehn Jahre später sind es 1,5 Millionen.

Tomalla erinnert sich an die dritte Loveparade 1991. Mit zwei Bussen seien sie von Frankfurt nach Berlin gefahren, in einem Bus hätten die Leute vom „Omen“ um Sven Väth gesessen, im anderen die vom „Dorian Gray“ mit ihm und Mark Spoon. Techno wird in dieser Zeit zur Jugendkultur. Die Zeitschrift Bravo erklärt der Jugend in einer Ausgabe von 1991 „Tekkno von A bis Z“. Dort heißt es: „Die Tekkno-Welthauptstädte sind Berlin und Frankfurt/Main“.


Athanassios Macias ist da gerade 23 Jahre alt. Als DJ Ata spielt er vor allem House. „Delirium“ heißt der Plattenladen in der Töngesgasse, den er mitgegründet hat. Ab 1992 legt er als Resident im neuen Club von Alex Azary und Mark Spoon auf, dem „XS“. Macias sagt, viele Menschen seien damals zum Feiern nach Frankfurt gekommen, auch aus dem Ausland. Und viele DJs seien wiederum von Frankfurt zum Auflegen in die Welt geflogen.

Dann verschiebt sich irgendwas. Zur Mitte der 90er Jahre habe die Technoszene in Berlin schon klare Vorteile gehabt, berichtet Macias. Die Stadt sei in vielen Dingen liberaler gewesen, etwa in der Drogenpolitik, immer mehr Clubs hätten dann dort eröffnet. Für DJs wird die Stadt zum Anziehungspunkt. Auch DJs aus dem Rhein-Main-Gebiet ziehen nach Berlin, so etwa Ricardo Villalobos.

Zur Jahrtausendwende kommt es zum Umbruch

In der Frankfurter Clubszene kommt es wenige Jahre später zum Umbruch. Um die Jahrtausendwende machen die beiden bekanntesten Frankfurter Clubs für elektronische Musik dicht, das „Omen“ und das „Dorian Gray“. Dafür etablierten sich neue Läden wie das „U60311“ in der Innenstadt. In Offenbach gründet Macias 1999 das „Robert Johnson“. Der relativ kleine Club am Kaiserlei wird schon bald zum Fixpunkt für elektronische Musik im Rhein-Main-Gebiet.
Sven Väth eröffnet 2004 in Fechenheim das „Cocoon“. Rund 1500 Menschen können dort zusammen feiern. Doch zu selten kommen tatsächlich so viele. Acht Jahre später ist das ambitionierte Projekt Geschichte.

Mitte der Nullerjahre: Manuel Schatz ist gerade volljährig und zum ersten Mal im „Robert Johnson“. Eine „Freebase-Party“ war es, das weiß er noch heute. „Freebase“, das ist der Plattenladen von Carsten Schuchmann, besser bekannt als DJ Meat. Eben dort beginnt Schatz dann 2010 mit dem Plattenverkaufen. Er lernt die internationale DJ-Szene kennen, die dort ein- und ausgeht, schlägt ihnen Platten vor, natürlich legt er auch auf, bald auch im „Robert“. Als dann im vergangenen Jahr bekannt wird, das Schuchmann und sein Partner Christopher Holz (DJ Chris Wood) nicht mehr wollen, das „Freebase“ dichtmacht, arbeitet Schatz bereits an einem Nachfolgekonzept.

„Gosu“ heißt der Plattenladen, den Schatz im vergangenen Sommer am Weckmarkt eröffnet hat. Ein Laden ohne viel Schnickschnack.

Tapetenrückstände hängen an den Wänden. Und einige T-Shirts. Auf einem ist der Name des Labels gedruckt, das Schatz mit anderen DJs vor fünf Jahren gegründet hat: „Hard Work Soft Drink“. Im Hintergrund des T-Shirts: ein Frankfurt-Adler.
Schatz sagt, aktuell gebe es im Bereich elektronischer Musik viele junge Künstler in der Stadt.

„Wer sagt, in Frankfurt seien die besten Zeiten vorbei, der beschäftigt sich nicht mit elektronischer Musik.“ Natürlich gebe es in Berlin mehr Partys und mehr DJs. Trotzdem denke er nicht daran, nach Berlin zu ziehen. Ihm genüge im Grunde ein Club: das „Robert Johnson“ .
Dorian Paic ist vor drei Jahren nach Berlin gezogen. Der gebürtige Frankfurter legt seit 25 Jahren auf. Ein Großteil seines Freundeskreises sei in die Hauptstadt abgewandert. Als sich dann vor drei Jahren seine WG in Frankfurt aufgelöst habe, sei auch er weggezogen.

Für seine Arbeit als DJ bringe das eher Nachteile, berichtet Paic. Der 42-Jährige legt weltweit auf. Teilweise spiele er in drei bis fünf Clubs am Wochenende. In Frankfurt sei der große Flughafen da ein klarer Vorteil. Seit er in Berlin wohne, habe er jährlich doppelt so viele Flüge. Auch Paic sagt, dass es früher mehr Clubs für elektronische Musik in Frankfurt gegeben habe. Dennoch, die hiesige Szene, so der DJ, habe ein hohes Potenzial.


Was bleibt nach drei Jahrzehnten Techno, House und Clubkultur am Main? Viele Stars der Szene sind weg. Sven Väth, von einigen schlicht der „Babba“ genannt, hat 2015 die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt bekommen. In Frankfurt ist er kaum noch präsent. Mark Spoon starb vor elf Jahren an Herzversagen. Ata Macias verbringt mittlerweile nach eigenen Angaben mehr Zeit in Mittelitalien auf seinem Bauernhof.

Das Magazin „Frontpage“ gibt es schon lange nicht mehr; die „Groove“-Redaktion sitzt heute in Berlin. Das „U60311“ schloss im Jahr 2012. Von den großen Technoclubs ist in Frankfurt im Grunde nur das „Tanzhaus West“ im Gutleutviertel geblieben. Und das „Robert Johnson“, wenn auch hinter der Stadtgrenze. Tomalla sagt: „In Frankfurt erleben wir gerade nicht so eine Hochphase.“ Seine Veranstaltungsreihe „Technoclub“ gibt es immer noch.

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