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Eine solche Harmlosigkeit hätte die Herren in den 50ern direkt vor Gericht gebracht.
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Eine solche Harmlosigkeit hätte die Herren in den 50ern direkt vor Gericht gebracht.

Homosexuelle in Frankfurt

Ein "Denkmal für die Opfer" der Schwulenhatz

  • VonKathrin Hedtke
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Die Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/1951 stürzten Hunderte Männer ins Unglück. Trotzdem ist die Aktion fast schon in Vergessenheit geraten. Ein junger Dokumentarfilmer will das ändern.

Mit seinem Notizbuch fährt der Stricherjunge Otto Blankenstein 1950 im Polizeiwagen kreuz und quer durch Frankfurt. Immer wieder zeigt der 19-Jährige aus dem Autofenster: „Hier wohnt einer.“ „Da auch.“ In dem Heft hat der Junge die Namen seiner Kunden notiert – und packt nach seiner Festnahme bereitwillig aus. Für die Männer bedeutet der Fingerzeig das Ende. Egal, ob es überhaupt zum Prozess kommt. „Die Männer waren gesellschaftlich und beruflich ruiniert“, sagt der Frankfurter Historiker und Stadtführer Christian Setzepfandt. Und das traf viele, quer durch alle Schichten, vom Arbeiter bis zum Arzt: Innerhalb von zehn Monaten wurde gegen mehr als 200 Männer ermittelt, rund 100 wurden verhaftet. So eine gezielte Hetzjagd gegen Schwule war im Nachkriegsdeutschland beispiellos. Trotzdem sind die Frankfurter Homosexuellenprozesse 1950/51 fast in Vergessenheit geraten. Das will der junge Filmemacher van-Tien Hoang ändern und arbeitet an einer Dokumentation darüber. Sein Ziel: „Die Geschichte der Opfer darf nicht vergessen werden.“

Der 37-Jährige sagt, dass er bis vor Kurzem selbst zu jenen jungen Leuten gehört habe, die nur wenig über die Verfolgung von Homosexuellen in der Bundesrepublik wissen. „Vor allem nicht, dass es so heftig war.“ Auch der Paragraf 175, der homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, sei ihm kein Begriff gewesen. Bis er vor zwei Jahren auf Facebook durch einen kurzen Hinweis auf einen historischen Kriminalroman zufällig auf die Prozesse aufmerksam wurde. Hoang begann zu recherchieren. „Das Thema hat mich persönlich sehr getroffen“, berichtet er. Bewegt habe ihn vor allem die Geschichte eines 19-Jährigen, der sich vom Goetheturm in den Tod stürzte. Insgesamt werden mindestens sechs Selbsttötungen mit den Festnahmen in Verbindung gebracht. Hoang bemerkte, dass es bis jetzt keinen Film über das Thema gibt. Keine Reportage, keinen Fernsehbeitrag, nichts. Da stand für ihn fest: „Ich muss eine Dokumentation darüber drehen.“ Arbeitstitel: „Das Ende des Schweigens.“

Ziemlich schnell fand Hoang heraus, dass es noch einen lebenden Zeitzeugen gibt: Wolfgang Lauinger, Jahrgang 1918. Der Filmemacher aus Düsseldorf griff sofort zum Telefon und fuhr zum Interview nach Frankfurt. Lauinger, heute 98 Jahre alt, ist noch sehr fit und erzählt als Zeitzeuge bereitwillig seine Geschichte: Schon während der NS-Zeit war er als „Halbjude“, Homosexueller und Anhänger der Frankfurter Swing-Szene von den Nazis verfolgt worden. Nach Ende des Dritten Reichs wurde er 1950 festgenommen, weil Otto Blankenstein auch ihn als schwul denunziert hatte.

Sechs Monate saß er in Untersuchungshaft, bevor er aus Mangel an Beweisen freigelassen wurde. Im Interview berichtet Wolfgang Lauinger, dass damals in der Frankfurter Justiz immer noch „ein paar Nazis“ tätig gewesen seien. Der leitende Staatsanwalt habe ihm im Verhör die alten Gestapo-Akten vorgehalten, um ihm seine Homosexualität nachzuweisen. Was Lauinger besonders schlimm findet: Man habe Otto Blankenstein durch die Androhung von Strafen und die Aussicht auf Straferleichterung dazu gezwungen, „Menschen ins Unglück zu stürzen“ – und damit gegen jedes Menschenrecht verstoßen. „Hier hat man ein Kind missbraucht, nur um die Ideologien aus der alten Zeit weiter ausüben zu können.“

Der Frankfurter Stadthistoriker Setzepfandt hält es für „extrem wichtig“, dass ein Film über das Thema gedreht wird. Die Interviews mit den Opfern wirkten viel stärker, wenn man ihnen beim Reden zusehe, als nur ihre Zitate zu lesen. Bisher gebe es über die Prozesse fast nur Fachliteratur, sagt Setzepfandt. Bei seiner Stadtführung „Schwules Frankfurt“ berichte er darüber, das Interesse sei riesig, doch sonst sei das Kapitel fast aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Auch in der Schwulenszene. Umso wichtiger, an die Ereignisse zu erinnern. „Das muss sein“, findet der 60-Jährige, der im Vorstand der Frankfurter Aids-Hilfe aktiv ist.

Der Historiker betont, was für eine enorme Bedeutung die Aktion damals für die Schwulenszene hatte. Bis 1945 wurden homosexuelle Männer in Konzentrationslager verschleppt, misshandelt und kastriert. Nach Ende der NS-Zeit blieb der Paragraf 175 in Kraft, doch überall entstanden schwule Subkulturen, es öffneten Bars und bildeten sich Treffpunkte. „Viele Schwule hofften, jetzt wieder leben zu können“, sagt Setzepfandt. Die gezielte Aktion in Frankfurt war ein Schock. Die Männer seien in der Regel am Arbeitsplatz festgenommen worden. „Sie sollten bloßgestellt und eingeschüchtert werden. Darum ging es auch.“ Richter und Staatsanwalt seien beide in der Ideologie der NS-Zeit verhaftet gewesen, hätten offenkundig ihre Vorstellung von Moral durchsetzen wollen. Doch der Historiker betont, dass die Verhaftungen damals auf geltendem Recht beruhtem. „Das ist ja das Grausige daran.“

In dem Film will Hoang ein „authentisches Bild“ der 1950er Jahre nachzeichnen. Neben Interviews mit Zeitzeugen und Historikern will er dafür auch Szenen mit Schauspielern nachstellen, zum Beispiel eine brutale Polizeirazzia. Außerdem will er in seinem Film einen Bezug zur Gegenwart herstellen – und aufzeigen, dass Homosexuelle in anderen Ländern immer noch verfolgt werden. Für Hoang ist der 90-minütige Film zur Herzenssache geworden. Drehbuch, Regie, Produktion, will er alles selbst machen. Als der 37-Jährige bei Produktionsfirmen und Fernsehsendern für seine Idee warb, bekam er nur Absagen. Grund war, dass ihm die Erfahrung fehlt. Hoang arbeitet zwar eigenen Angaben zufolge seit zehn Jahre in der Filmbranche, hat aber bisher nur einige Kurzfilme selbst gedreht.

Doch für Hoang steht fest: „Ich will diesen Film unbedingt machen“. Deshalb startete er im Internet eine Crowdfunding-Kampagne, um Geld dafür zu sammeln. Ziel waren 20 000 Euro. Durch Spenden kamen 5270 Euro zusammen. Trotzdem ist die Finanzierung jetzt gesichert, zum Großteil durch Fördergelder. Der Aufruf habe eine enorme Resonanz gehabt, die Internetseite sei auf Facebook x-mal geteilt worden. „Ich war total überwältigt von dem Feedback“, sagt Hoang. Unter anderem die homosexuelle Selbsthilfe e.V. und die Aids-Hilfe Hessen unterstützen das Projekt. Auch ein Filmverleih habe schon Interesse bekundet.

Seit zwei Jahren widmet sich Hoang dem Film, verdient nebenbei nur etwas Geld als Buchhalter. Der Zeitplan sieht vor, dass im Sommer gedreht wird, Februar 2018 soll die Doku fertig sein. Ob er danach weitere Dokumentarfilme drehen will, weiß er noch nicht. „Dieser Film wird mein Lebenswerk“, sagt der 37-Jährige. Damit will er den Opfern ein Denkmal setzen. Was aus Otto Blankenstein geworden ist, weiß übrigens niemand. Sein Name taucht in den Akten nicht mehr auf. Vermutlich hat er eine neue Identität angenommen.

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