War früher ein Heim: Das Haus in der Ebersheimstraße 5.

Gedenken

Dornbusch: Denkmal für jüdische Kinder

  • schließen

Für 80 Heimbewohner kam 1941 jede Rettung zu spät. An sie soll nun ein großer Stein erinnern.

Das große Haus mit der Nummer Fünf fügt sich unauffällig in das Straßenbild der Ebersheimstraße ein. Hinter seiner weißen Fassade verbergen sich heute Wohnungen; im Erdgeschoss betreibt ein Augenarzt seine Praxis. Autos parken auf einem Stellplatz neben der Rasenfläche seitlich des Wohnhauses. Welche Schicksale jedoch mit dem gepflegten Altbau im Dornbusch verbunden sind, ist für Passanten nicht erkenntlich. Das soll sich jetzt ändern. Ein Denkmal auf einem nahegelegenen Grünstreifen wird zukünftig an die Bewohner des ehemaligen Kinderheims erinnern, die dem Nazi-Regime zum Opfer gefallen sind.

Transporte ins Exil fuhren vom Hauptbahnhof ab

„Nach der Pogromnacht 1938 war Frankfurt einmal mehr zentraler Ort für jüdische Familien“, sagt Till Lieberz-Groß. Denn vom Frankfurter Hauptbahnhof seien viele Kindertransporte losgefahren, mit dem Ziel, jüdische Kinder aus ganz Süddeutschland ins sichere Ausland zu bringen.

„Rettet wenigstens die Kinder“ heißt das Buch, das Till Lieberz-Groß gemeinsam mit Angelika Rieber 2018 veröffentlicht hat. Der Sammelband schildert die außergewöhnliche Rettungsaktion von etwa 20 000 jüdischen Kindern vor dem Nazi-Terror.

Aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei seien Kinder nach 1938 mit Unterstützung von Hilfsorganisationen ins Ausland gebracht worden, erzählt die Herausgeberin. Darunter auch Kinder aus dem Heim der Flersheim-Sichel-Stiftung am Dornbusch.

Das Denkmal wird am Mittwoch, 25. September, um 12 Uhr von Kulturdezernentin Ina Hartwig und dem Vorsteher des Ortsbeirats 9, Friedrich Hesse, der Öffentlichkeit übergeben. Aus der Jüdischen Gemeinde werden unter anderem die Gemeindevorsitzende Cornelia Maimon-Levi sowie Rabbiner Avichai Apel teilnehmen. Die Witwe Uri Sellas, Chava Sella, wird ebenfalls anwesend sein. Der Platz befindet sich am Grünstreifen an der Ebersheimstraße, Einmündung Ammelburgstraße. (hro)

Doch nicht alle Heimbewohner konnten gerettet werden. 1941 wurde das jüdische Stiftungsheim von der Gestapo arisiert, wie in Lieberz-Groß‘ Buch nachzulesen ist. Den Plan, das Kinderheim rechtzeitig nach Ecuador zu überführen, konnten der Heimleiter Julius Flörsheim und seine Frau Jenny nicht mehr realisieren. Mit dem ersten Transport aus Frankfurt wurden sie am 19. Oktober 1941 nach Lodz deportiert und gelten seitdem als verschollen.

Insgesamt wurden etwa 80 Bewohner, das seit 1930 in der Ebersheimstraße beheimatet war, ab 1941 in Konzentrationslager deportiert und ermordet. Darunter etwa 70 Kinder, geboren zwischen 1926 und 1934, sowie Erzieher und Personal der Einrichtung. „Wie viele es ganz genau waren, lässt sich nicht mehr nachvollziehen“, sagt Till Lieberz-Groß.

Im Rahmen ihrer Recherche fand die Frankfurterin den Kontakt zu Überlebenden der Ebersheimstraße. So habe sie auch Uri Sella kennengelernt, der von seiner erkrankten Mutter im Alter von fünf Jahren in das Heim gegeben wurde. Mit einem der Rettungstransporte konnte Sella, 1930 als Ulrich Stobiecka in Sachsenhausen geboren, nach Großbritannien gerettet werden. Nach einer Elektrikerlehre wanderte er 1950 nach Israel aus.

So etwas wie die Shoa darf nie wieder passieren

Das Denkmal für die ermordeten Heimbewohner gehe auf seine Idee zurück, sagt Lieberz-Groß, die mit Sella über mehrere Jahre im Austausch stand. 2018 verstarb Sella im Alter von 88 Jahren. „Seinem Wunsch, ein Denkmal für diejenigen zu errichten, die nicht gerettet werden konnten, fühle ich mich verpflichtet“, betont die Herausgeberin.

Heimkind Uri Sella (stehend, 2. v. l.) wurde gerettet. Hier zusammen mit Freunden aus dem Frankfurter Kinderheim in England.

Fast drei Jahre lang setzte sich Lieberz-Groß für das Denkmal ein. Zunächst sei die Idee gewesen, eine Gedenktafel direkt an der Hauswand in der Eberswaldstraße zu installieren. Doch der Arzt, der das Gebäude in den 1990er gekauft hat, sei damit nicht einverstanden gewesen. Jetzt soll ein großer Serpentinstein an die Heimbewohner erinnern. Auf einer bronzenen Plakette wird das Relief des Kinderheims zu sehen sein. Darunter soll ein Erinnerungstext über die ermordeten Bewohner informieren. Bereits 2017 hatten die Mitglieder des Ortsbeirats 9 die vollständige Finanzierung für das Mahnmal aus ihrem Budget zugesichert.

Lieberz-Groß, die mehrere Jahrzehnte für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft deutsch-israelische Seminare leitete und sich unter anderem im Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ engagiert, sieht es als ihre Aufgabe an, das Gedenken an die Opfer des Holocaust aufrecht zu erhalten. „Ich sehe die Gefahr, dass junge Menschen die Shoah vergessen“, sagt die gebürtige Rheinland-Pfälzerin.

Gerade für die junge Generation wäre es aber wichtig, zu sehen, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist. „Zutiefst besorgt“ sei sie darüber, dass gegenwärtig Menschen in Deutschland und ganz Europa rechtem Gedankengut anheimfallen würden. „Gedenken muss lebendig gestaltet werden, damit so etwas wie die Shoah nie wieder passiert“, fordert die Pädagogin.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare