Bismarcks Rolle in der Kolonialpolitik ist umstritten: Denkmal in der Bolongarostraße in Frankfurt-Höchst.  
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Bismarcks Rolle in der Kolonialpolitik ist umstritten: Denkmal in der Bolongarostraße in Frankfurt-Höchst.  

Interview

„Denkmäler kritisch aufarbeiten, aber nicht entfernen“

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Der Historiker Christoph Cornelißen über die Statuensturz-Debatte und das Bismarck-Denkmal in Frankfurt.

Die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte treibt die Menschen um. In Hamburg wurde eine Bismarckstatue mit roter Farbe übergossen, in Bristol haben Menschen die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston gestürzt, in Antwerpen wurden ein Standbild von König Leopold II. entfernt. In Frankfurt-Höchst posiert Otto von Bismarck bislang unbehelligt auf einem Podest. Sind Denkmäler aus dem Kolonialkontext noch zeitgemäß? Fragen an den Historiker Christoph Cornelißen.

Herr Cornelißen, was sagen die aktuellen Proteste über den heutigen Umgang mit der Kolonialgeschichte aus?

Die Proteste sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Unzufriedenheit in bestimmten Gruppen. Sie richten sich auf Objekte, die lange von weiten Teilen der Bevölkerung unbeachtet geblieben sind. Robert Musil hat einmal gesagt, ‚das Auffallendste an Denkmälern ist, dass man sie nicht bemerkt‘. Interessant werden sie erst, wenn sie weggeschafft werden. An diesem Punkt befinden wir uns gerade. Denkmäler erfüllen den Zweck, eine politische Botschaft auszusenden, und diese Botschaft ist in vielen Fällen nicht mehr konform mit dem, was die Protestierenden für richtig halten.

Auch in deutschen Städte sind Straßen und Plätze nach Kolonialisten wie Otto von Bismarck und Kaiser Wilhelm II. benannt. In Frankfurt-Höchst steht eine Bismarckstatue. Hat sie noch ihre Berechtigung?

Das kommt immer darauf an, was man in der Statue zu erkennen vermeint. Man kann Bismarck als den Gründer des Deutschen Reiches ehren wollen, man kann ihn als Gründer des Deutschen Kolonialreichs würdigen wollen oder kritisieren. Das Problem bei Bismarck ist, dass er von den kolonialen Agitatoren zunächst überzeugt werden musste, ein Kolonialreich zu gründen. Er hat sich nur widerwillig auf diesen politischen Weg begeben. Insofern ist er nicht der optimale Bezugspunkt des antikolonialen Protests.

Von Bismarck stammt das Zitat von 1881: „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik.“ Vier Jahre später wurde in der Kongo-Konferenz der afrikanische Kontinent faktisch aufgeteilt.

Zur Person

Der Historiker Christoph Cornelißen hat den Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Goethe-Universität Frankfurt inne und forscht aktuell zur Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

Das ist richtig. Mitte der 1880er war Bismarck so weit, dass er in der Funktion des ehrlichen Maklers in der Kolonialpolitik mitmischen wollte, allerdings um die kolonialen Ambitionen der anderen europäischen Mächte im Zaum zu halten. Das war Teil eines diplomatischen, außenpolitischen Pakets. Ich wäre zurückhaltend, darin eine aggressive koloniale Politik des Deutschen Reiches zu erkennen.

Sind Kolonialstatuen im öffentlichen Raum noch legitim, oder sollte man sie abräumen?

Über die Legitimität müssen sich politische Gemeinschaften immer wieder verständigen, und das tun wir ja im Moment. Was in den 1950ern und 1960ern noch selbstverständlich war und in vielen deutschen Städten zu keinerlei Diskussion geführt hat, wurde dann im Zuge der 68er-Studentenbewegung kritisiert. Ich denke an das Askaridenkmal in Hamburg oder das Kolonialdenkmal in Bremen, das dann Ende der 1980er zum Antikolonialdenkmal umgewidmet wurde. Die Debatte, die wir heute erleben, greift auch die Diskussion seit der Unabhängigkeit Namibias im Jahr 1990 auf. Damals wurde die deutsche koloniale Identität kritisch auf die Agenda gesetzt.

Sie plädieren also dafür, dass man Kolonialdenkmäler stehen lässt, während man sich gleichzeitig kritisch mit der kolonialen Vergangenheit auseinandersetzt?

Christoph Cornelißen.  

In der Tendenz schon. Was man nicht tun sollte, ist, historische Objekte, wie sie Denkmäler nun einmal sind, aus dem öffentlichen Raum zu entfernen. Dahinter steckt eine Entsorgungsmentalität. Das kann ich als Historiker nicht begrüßen. Ich halte es für richtig, eine kritische Aufarbeitung zu betreiben, sowohl akademisch als auch im Rahmen einer politischen Debatte. Die Debatte sollte dann zum Ziel haben, die Denkmäler neu zu positionieren.

Wie kann das gehen?

Zum Beispiel durch eine Versetzung von Denkmälern, indem man sie von den Orten entfernt, wo sie als Würdigung missverstanden werden können. Indem man sie musealisiert oder in Erinnerungsparks platziert, indem man sie überschreibt. Die Sockel lassen sich neu beschriften, ergänzende Schrifttafeln können angebracht werden, welche die belastenden Kapitel in der Geschichte deutlich benennen. Auch die Geschichte der Denkmäler selbst kann zum Gegenstand gemacht werden. Möglich ist auch die Aufstellung von Gegendenkmälern wie etwa in Hamburg.

Interview: Florian Leclerc

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