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Denk mal an Teddie

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Von: Stefan Behr

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Frankfurter Merkwürdigkeiten Das Gedenken an Adorno ist eher spröde - bis auf eine Ampel

Adorno ist dem Frankfurter das, was dem Meister Eder sein Pumuckl ist. Er weiß nie, wann, wo und warum er einem erscheint. Er versteht von dem, was er sagt, so gut wie nichts. Er nervt. Aber trotzdem hat er ihn lieb, und ohne ihn wäre die Werkstatt einfach nicht mehr dieselbe.

Dem Autor dieses Textes erschien Adorno erstmals im zarten Knabenalter. Von Aufklärung oder gar Dialektik noch völlig unbeleckt, fand das Kind dennoch großen Gefallen an dem Zweizeiler, den ihn sein Vater lehrte: „Adorno sprach zu Horkheimer: Komm, leih‘ mir deinen Korkeimer / Horkheimer zu Adorno: Hier hast du ihn, buongiorno!“ Etwa 20 Jahre später befand sich derselbe junge Mann nach einem unschönen Zwischenfall auf den Zermatter Skipisten im Rettungswagen auf dem Weg ins nächstgelegene Spital in Visp. Wo er denn herkomme, wollte der Rettungssanitäter wissen. Aus Frankfurt am Main. Da habe man aber Glück, sprach der Eidgenosse, denn man fahre nun in ebenjenes Krankenhaus, im dem schon der große Adorno sein Leben ausgehaucht habe. So ist er, unser Teddie: unberechenbar, mysteriös und immer für einen Lacher gut.

Im Gegensatz dazu ist das offizielle Gedenken der Stadt an ihren größten Denker etwas spröde. Seit 1997 etwa würdigt sie mit ihrem Adorno-Preis Werke der Philosophie, der Musik sowie der Film- und Theaterkunst, die keiner versteht. Das Adorno-Denkmal auf dem Campus Westend (Stuhl, Schreibtisch, ein Exemplar der „Negativen Dialektik“, viel Staub und ein Metronom, alles im Glaskasten) ist ein erschütterndes Monument geistloser Langeweile. Immerhin: Dass es heute ausgerechnet auf dem ehemaligen IG-Farben-Gelände steht, hätte Adorno womöglich ein Schmunzeln entlockt. Lediglich der zweitgrößte Geistesriese der Stadt, Robert Gernhardt, hat es geschafft, dem allergrößten mit seinem Gedicht „Das Attentat“ ein würdiges literarisches Denkmal zu setzen, denn „auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören. Dass dies mit Verstand geschah, war Professor Teddie da.“

Das mit Abstand würdigste Denkmal aber hat Adorno sich irgendwie selbst gesetzt: die Adorno-Ampel. Denn in grauer Vorzeit waren der Bockenheimer Uni-Campus und Adornos Institut für Sozialforschung durch eine tiefe Kluft getrennt: die Senckenberganlage, deren Überquerung für Fußgänger immer unerfreulich und mitunter tödlich war. Auch nachdem Adorno sich von der Stadt einen Zebrastreifen erquengelt hatte, gab er keine Ruhe, und also schrieb der ohne jeden Zweifel sehr kluge Kopf 1962 der FAZ einen Wutleserbrief: „Beim Überschreiten der Senckenberganlage, nahe der Ecke Dantestraße, ist eine unserer Sekretärinnen überfahren und erheblich verletzt worden, nachdem an derselben Stelle wenige Tage vorher ein Passant tödlich verunglückt war. Auf dem Weg in die Universität muss man in unwürdiger Weise über die Straße rennen, als wenn man um sein Leben liefe. Sollte nun ein Student, oder ein Professor, in jenem Zustand sich befinden, der ihm eigentlich angemessen ist, nämlich in Gedanken, so steht darauf unmittelbar die Drohung des Todes.“

Selbstverständlich reagierte die Stadt so schnell wie möglich und baute Adornos Ampel bereits 1987 – etliche Jahre nachdem Adorno im Visper Hospital vom richtigen ins falsche Leben gewechselt war. Den Titel „Adorno-Ampel“ erfand dann übrigens die FR, die Teddy den Leserbrief an die FAZ längst vergeben hatte.

Beeindruckend ist, dass die nach wie vor existierende Adorno-Ampel wohl die einzige Ampel der Welt ist, die auch dann noch funktioniert, wenn sie kaputt ist. Zumindest in Adornos Sinne, wie er ihn seiner „Ästhetischen Theorie“ formulierte: „Um inmitten des Äußersten und Finstersten der Realität zu bestehen, müssen die Kunstwerke, die nicht als Zuspruch sich verkaufen wollen, jenem sich gleichmachen. Radikale Kunst heute heißt soviel wie finstere, von der Grundfarbe schwarz.“

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