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Im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste im vergangenen Jahr gründete sich Black Power Frankfurt. michael schick
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Im Zuge der „Black Lives Matter“-Proteste im vergangenen Jahr gründete sich Black Power Frankfurt. michael schick

Frankfurt

Demonstration in Frankfurt: Schwarze Leben zählen

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Am „Tag der Befreiung Afrikas“ erinnern zwei Schwarze Aktivistinnen aus Frankfurt an rassistische und kolonialistische Strukturen in der Gesellschaft.

George Floyd, das war Mord“ schallt es aus Hunderten Kehlen über die Galluswarte. Sie erinnern am Samstagnachmittag an den „Tag der Befreiung Afrikas“ (African Liberation Day) sowie an den ersten und zehnten Jahrestag der getöteten Schwarzen George Floyd und Christy Schwundeck. Die Demonstration geht langsam los. Die 19-jährige Lina von der Gruppe Black Power Frankfurt steht an der Spitze in einem weißen Transporter. Die Heckklappe ist offen. „Leute, ihr müsst lauter werden“, ruft sie ins Mikrofon: „No Justice“, die Menge vor ihr erwidert: „No Peace“.

Heute vor 58 Jahren, am 25. Mai 1963, riefen 31 unabhängige afrikanische Staaten zur Gründung der Organization of African Unity (OAU) auf. Das Ziel der OAU war eine stärkere Vereinigung der unabhängigen afrikanischen Staaten und die Befreiung des gesamten afrikanischen Kontinents. Der „African Liberation Day“ dient heutzutage ebenfalls dazu, ein politisches Bewusstsein in der afrikanischen Diaspora zu schaffen.

Linas Kampf gegen Rassismus und Neokolonialismus endet für sie nicht am Samstagnachmittag auf den Straßen Frankfurts. Für Lina, die ihren Nachnamen für sich behält, und die weiteren Aktivistinnen und Aktivisten von Black Power Frankfurt geht der Kampf für die Unabhängigkeit Afrikas nur global.

Ob in den USA, Brasilien, Haiti, Nigeria, Senegal oder hier in Deutschland, überall sei es notwendig, dass sich Schwarze Menschen schützten und organisierten, sagte Lina einen Tag zuvor am Telefon der FR. Black Power sieht sich in der Tradition des „revolutionären Afrikas“ und dem Grundgedanken des Panafrikanismus, der Einheit aller afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von Ethnie und Nationalität, sowie dem Bestreben nach einem gemeinsamen Staatenbund gegen den Neokolonialismus.

Die Grundgedanken einer antikolonialen Vereinigung und des revolutionären Panafrikanismus sei in den Jahren und auch durch den Nachfolger der OAU, der bis heute bestehenden Afrikanischen Union (AU), verloren gegangen, sagt Lina. „Viele Staaten spielen sich wegen geopolitischer Machtinteressen gegenseitig aus.“

Der „African Liberation Day“ sei zweifellos „historisch“, sagt die 34-jährige Siraad Wiedenroth von der Initiative Schwarzer Menschen. Die „kolonialen Kontinuitäten“ seien ein weiterer Faktor, warum der Grundgedanke von Unabhängigkeit in den Hintergrund gerückt sei.

In den frankophonen Ländern wie beispielsweise Kamerun oder dem Senegal wurde die Einführung der eigenen Währung, des Franc-Cfa, mit einem festen Wechselkurs an den französischen Franc und heute an den Euro gekoppelt. Cfa steht für „Colonies françaises d’Afrique“ – die französischen Kolonien Afrikas. „Das ist ein koloniales Relikt“, so Wiedenroth.

Die Behandlung der Kolonialzeit und ihrer Bedeutung spielten heute eine große Rolle, so wie etwa die Umbenennung von Straßennamen als auch das allmähliche Berücksichtigen von Kolonialverbrechen wie dem Völkermord an den Nama und Herero im heutigen Namibia. Dennoch wirkten die kolonialen Kontinuitäten sich auf alle Schwarzen Menschen aus, egal, wo sie lebten. So bestimmten globale Formen des Wirtschaftens über die Frage, wo Perspektiven vorhanden seien und wo nicht – und damit letztlich auch über die Frage, wo Menschen bleiben könnten oder fliehen müssten, so Wiedenroth.

Die 34-Jährige spricht auch von kolonialistisch-rassistischen Bildern. „Wie wird der Mensch gesehen? Wer muss geschützt werden und wer ist schützenswert im Auge der Staatsgewalt?“ Schwarze Jugendliche etwa würden täglich von der Polizei kontrolliert. Der Fachbegriff dafür lautet „Racial Profiling“. Die Menschen werden nicht wegen ihres Verhaltens, sondern aufgrund ihres Aussehens und damit verbundener Vorurteile kontrolliert. „Da greifen Bilder, dass weiße Menschen vom Staat und der Gesellschaft als schützenswert angesehen werden. Schwarze hingegen werden als Bedrohung und Gefahr gesehen“, sagt Wiedenroth.

Ob es nun also um Gesetze, Wohnen und Arbeiten oder Gesundheit, Bildung, Kultur und Freizeit ginge. „Es ist ein ganzes System, dass uns in jedem Bereich des Lebens unterdrückt“, sagt Lina. Daher sei die Forderung vom „Bündnis 25. Mai“, zu dem auch Black Power gehört, rund um den „African Liberation Day“ zur Befreiung und Unabhängigkeit für alle Schwarzen Menschen in der Diaspora und auf dem afrikanischen Kontinent so wichtig, bekräftigt Wiedenroth.

Für die Aktivistin Lina gelingt der Kampf gegen Rassismus nur, wenn die Betroffenen sich wehren. „Klar kann ich jetzt wieder erzählen, wie oft ich im Alltag Rassismus erlebe, aber das ist nicht produktiv. Es wird mir nicht helfen, Rassismus zu bekämpfen“, sagt sie. Produktiv sei es, Antworten zu finden. „Wir müssen uns als Schwarze Menschen organisieren, Schutzräume schaffen, Widerstand leisten und demonstrieren. Dieses Schwarze Selbstbewusstsein müssen wir uns aneignen.“

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