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Demo in Frankfurt: „Wir haben die Schnauze voll“

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Von: Steven Micksch

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Die Demo „Solidarischer Herbst“ zog laut, bunt und mit großer Beteiligung durch die Frankfurter Innenstadt.
Die Demo „Solidarischer Herbst“ zog laut, bunt und mit großer Beteiligung durch die Frankfurter Innenstadt. © Monika Müller

Bei der Kundgebung in Frankfurt für mehr Solidarität in der aktuellen Krise fordern viele mehr und vor allem schnellere Hilfen von Seiten der Politik.

Weit über 2000 Menschen haben am Samstag in der Frankfurter Innenstadt für mehr Solidarität in der Krise demonstriert. Die Polizei sprach von 2700 Teilnehmenden, das Orga-Team von 5000. Nach einer ersten Kundgebung auf dem Roßmarkt begaben sich die Demonstrierenden auf den Rundkurs entlang der Kaiserstraße, Berliner Straße und Kurt-Schumacher-Straße. Der Zug endete wieder auf dem Roßmarkt, wo es eine Abschlusskundgebung gab. Die Demo war eine von bundesweit sechs Protestaktionen. Insgesamt sollen daran laut Veranstalter:innen (unter anderem Gewerkschaften) 24 000 Menschen teilgenommen haben.

Den stärksten Redebeitrag vor der Demo hatte Mirkan Dogan vom Jugendbündnis gegen die Krise gehalten. Mit Stefan-Wolf-Maske (Präsident Arbeitgeberverband Gesamtmetall) auf dem Gesicht verkündete er, „wir müssen mehr und länger arbeiten“. Dann zog er die Maske vom Kopf und sagte, „es reicht! Wir haben die Schnauze voll!“ Es könne nicht sein, dass die Jugend Minus mache, während das Vermögen der Reichen – häufig Unternehmer – selbst in der Krise steige. Er warf der Politik vor, mit der Zukunft der jungen Menschen zu spielen. Er forderte eine Ausbildungs- und Übernahmegarantie. Wer nicht ausbilde, solle Gewinne abgeben. Es brauche in dieser Zeit kräftige Lohnerhöhungen und keine Nullrunden (wie Wolf fordert). Zudem forderte Dogan die Anhebung des Bafögs und dass es endlich elternunabhängig werde.

Ein Thema war auch die drohende Schließung der Binding-Brauerei. Die Beschäftigten hatten sich am Vormittag vor dem Werksgelände eingefunden und dort demonstriert. Dann kamen sie zum Roßmarkt und liefen bei der „Solidarisch durch die Krise. Echte Umverteilung jetzt!“-Demo mit. Betriebsratsvorsitzender Schipniewski sagte, „wir wollen in Frankfurt noch mehr Bier für die Stadtgesellschaft brauen. Es wäre schön, wenn ihr auch Binding-Bier trinken würdet“.

Michael Rudolph, Vorsitzender der Gewerkschaft DGB Hessen-Thüringen, sagte, dass man auf die Straße gehe, damit die Menschen gut durch die Krise kämen. Er forderte von der Bundesregierung mehr Tempo bei der Umsetzung von Maßnahmen. Es könne nicht sein, dass ein Gaspreisdeckel erst im Frühjahr nach der Heizperiode komme. Es brauche zur Entlastung 500 Euro für alle Menschen. Vor allem aber brauche es Entlastung für untere Einkommen, sagte der Gewerkschafter.

In fast allen Beiträgen distanzierten sich die Redner und Rednerinnen immer wieder explizit von Querdenker:innen und rechten Gesinnungsgruppen. Diese wollten der Demokratie schaden und sie zerstören.

Das Querdenkerlager war am Samstagnachmittag unter dem Motto „Demonstration for Democracy“ ebenfalls in Frankfurt präsent. An dieser Kundgebung beteiligten sich nach Angaben eines Polizeisprechers etwa 2700 Menschen. Beide Protestaktionen seien friedlich verlaufen.

Extra für die Solidaritäts-Demonstration angereist war ein älteres Ehepaar aus Wetzlar. Ihre Namen wollten der 76-Jährige und die 74-Jährige nicht nennen, dafür berichteten sie, dass sie mit ihrer Teilnahme zeigen wollten, dass sich viele Leute für die Probleme der Welt interessierten. Als störend empfanden sie, dass so viele Themen auf der Demo angeprangert wurden. Das Konzentrieren auf einzelne Anliegen sei besser. Für die 74-jährige Frau waren das Umverteilung, Erhöhung der Erbschaftssteuer und das Klima. Die horrenden Summen, die man in Rüstung stecke, müsse man in den Klimaschutz investieren. Die Wetzlarerin sagte, dass es dem Paar finanziell gut gehe. Trotzdem bekomme man die 300 Euro Energiepauschale für Senior:innen. „Ich verstehe nicht, dass da mit der Gießkanne verteilt wird.“

Ebenfalls finanziell gut aufgestellt ist Jan Ackermann aus Rodgau. Der 29-Jährige sagte, er beteilige sich aber an der Demo, um solidarisch zu sein. Er wisse, dass sich manche Menschen von außerhalb eine Fahrkarte gar nicht leisten könnten, um an der Demo teilzunehmen. Für diese wolle er mitlaufen. „Ich kenne die Zeit noch, wo ich es mir nicht leisten konnte, an Demos teilzunehmen.“ Für ihn persönlich sei die Umverteilung das wichtigste Thema. „Ich freue mich, dass das endlich Diskurs wird.“

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