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Demo in Frankfurt: „Der Shah war schlimm, das jetzige Regime ist noch schlimmer“

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Von: Sabine Schramek

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Die Iranerinnen und Iraner, die in Deutschland leben, erheben sich gegen das Mullah-Regime im Iran.
Die Iranerinnen und Iraner, die in Deutschland leben, erheben sich gegen das Mullah-Regime im Iran. © Bernd Kammerer

2000 Frauen und Männer protestieren auf dem Römerberg in Frankfurt gegen die Machthaber im Iran. Der Tod von Mahsa Amini hatte eine Protestwelle ausgelöst.

Frankfurt – In roten Banner steht „Nieder mit der islamischen Republik im Iran“. An Laternenmasten hängen Plakate mit neun Porträtfotos junger Menschen. Darüber in Großbuchstaben „Stoppt die Kindermörder!“. Das Lied „Baraye“ von Shervin Hajipour (25) klingt über den Frankfurter Römerberg. Auch er wurde im Iran verhaftet, nachdem er das Lied, das auf Deutsch „wegen“ und „für“ bedeutet, auf sozialen Netzwerken veröffentlicht hat und über Nacht zum Star wurde. Er wurde mittlerweile freigelassen, sein Lied bleibt die Hymne der Protestwelle.

Gut 2000 Menschen stehen vor dem Römer und fordern lautstark das Ende des Regimes im Iran, Freiheit für alle politischen Gefangenen, nein zur Unterdrückung der Frauen, nein zur Folter, nein zu Hinrichtungen und „nieder mit dem Unterdrückern ob Shah oder Mullah“. Der Ruf „Jin, Jiyan, Azadi“ steht auf Plakaten. Gerufen werden die drei Worte „Frau, Leben, Freiheit“ auf Deutsch. Knapp ein Dutzend unterschiedliche Organisationen sind vor Ort mit Plakaten und Flaggen. Sie erheben die Stimme „für die Menschen im Iran“. Auf Plakaten sind Fotos von sehr jungen Leuten zu sehen, die mit 16, 17 oder 18 Jahren ermordet wurden und gezeichnete Plakate mit Frauen, die kein Kopftuch tragen. „Du lebst noch. Dein Name wird ein Symbol“ steht darauf oder das Wort „Revolt“ über einer Zeichnung auf der eine langhaarige Frau einen Mann von einem Podest stürzt. Darunter auf Englisch „begrabt den erzwungenen Hijab, nieder mit der Republik des Iran!“

Demo in Frankfurt: Verdi fordert Abschiebestopp in den Iran

Ein Mann, der eine iranische Flagge mit einem Löwen trägt, wie sie zu Zeiten den Shahs genutzt wurde, und ein Plakat mit monarchischen Bildern, sorgt kurz für Unruhe. Die Polizei geht dazwischen.

Michael Altmann von der Gewerkschaft Verdi fordert von der Bundesregierung einen sofortigen Abschiebstopp in den Iran und erntet Applaus. Jede Iranerin und jeder Iraner, die auf die Demos gehen, die seit dem Tod der jungen Frau Mahsa Amini regelmäßig Tausende auf die Straße zum Protest zusammenbringt, hat Angst. „Solange das Regime an der Macht ist, können wir nicht mehr hinreisen, um unsere Familien zu besuchen“, erklärt eine junge Frau. „Wir würden sofort verhaftet.“ Ihren Namen möchte sie nicht nennen, da sie Repressalien für ihre Verwandten befürchtet. „Jeder hier, der fotografiert, kann ein Spitzel des Regimes sein. Wenn ihnen unsere Namen bekannt sind, werden wir direkt nach der Landung festgenommen“, fürchten auch andere.

Demo in Frankfurt: „Alle sind tot und auch mein Neffe“

Etwas abseits sitzt ein Mann auf einer Bank mit einem Foto eines jungen Mannes auf dem Bauch. „PS 752“ steht darunter. „Ich habe meinen Neffen auf diesem Flug für immer verloren“, sagt er traurig. Am 8. Januar 2020 sollte der Linienflug der Ukraine International Airlines von Teheran nach Kiew fliegen. Die Boeing 737-800 wurde kurz nach dem Start von zwei iranischen Flugabwehrraketen abgeschossen. Alle 167 Passagiere und die neun Crew-Mitglieder haben nicht überlebt. „Diese Menschen haben niemanden etwas getan. Alle sind tot und auch mein Neffe“, so der Mann, der seit mehr als 40 Jahren in Deutschland lebt. „Ich habe Familie im Iran. Wenn ich einreise, kann es jetzt auch für mich sehr gefährlich werden“, sagt er. „Der Shah war schlimm, das jetzige Regime ist noch schlimmer.“

Mehr als 2000 Teilnehmende ziehen zum Teil mit Tränen in den Augen vom Römerberg auf den Goetheplatz und rufen auf Persisch und Deutsch „Frauen, Leben, Freiheit“. Teelichter, Kerzen und Blumen rund um ein riesiges rotes Herz unter Fotos vom Mahsa Amini und anderen jungen Toten im Iran setzen am Fuße des Goethedenkmals ein Zeichen von Trauer und weiterem Protest. (Sabine Schramek)

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