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Dem NS-Terror in Frankfurt auf der Spur

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Von: Anja Laud

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Der Hochbunker in der Goldsteinstraße wurde 1941 so erbaut, dass er sich in die umliegende Wohnbebauung einpasst, um Angriffen von Bombern zu entgehen.
Der Hochbunker in der Goldsteinstraße wurde 1941 so erbaut, dass er sich in die umliegende Wohnbebauung einpasst, um Angriffen von Bombern zu entgehen. © christoph boeckheler*

Wo sich Frankfurterinnen und Frankfurter heute an den Nationalsozialismus erinnern, das zeigt eine Ausstellung des Stadtlabors des Historischen Museums./

Dichtes Blattwerk umgibt einen der Eingänge des Hochbunkers in der Goldsteinstraße. Darüber prangt ein Relief, das eine Mutter mit ihren drei Kindern zeigt. Der Junge hält ein Flugzeug, eines der Mädchen spielt mit einer Puppe. Eine traute Szene. Was sich an und in dem Gebäude in der Goldsteinsiedlung während des Zweiten Weltkriegs tatsächlich abspielte, hat Asal Khosravi erforscht.

Sie ist eine von 38 Stadtlaborantinnen und Stadtlaboranten, die der Einladung des Historischen Museums gefolgt sind, sich in ihrem Lebensumfeld auf die Suche nach Spuren des Nationalsozialismus zu machen. Das, was sie gefunden haben, ist bis 11. September in der Ausstellung „Auf Spurensuche im Heute“ des Stadtlabors zu sehen.

„Die Suche nach Spuren der NS-Geschichte hat mich dazu gebracht, über meine eigenen Kriegserinnerungen aus dem Iran nachzudenken“, sagt Asal Khosravi. Sie ist selbst Kriegskind. Acht Jahre ihrer Kindheit waren vom ersten Golfkrieg geprägt. Von 1980 bis 1988 erlebte sie die Luftangriffe der Iraker auf Teheran, wo sie mit ihren Eltern wohnte, im Keller ihres Wohnhauses. „Bunker gab es in Teheran nicht“, sagt sie.

1994 kam Asal Khosravi mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Deutschland. Sie studierte in Gießen, danach ging sie nach Frankfurt. Wann immer sie heute ihre Kinder zur Schule bringt, kommt sie an dem rostrot angestrichenen Gebäude in der Goldsteinstraße vorbei, das durch seine Form kaum verrät, dass es einst eine militärische Funktion hatte. Immer wieder fragte sie sich, was sich während des Zweiten Weltkriegs dort zugetragen hatte.

Als Angela Jannelli, Kuratorin am Historischen Museum, die Kunstpädagogin und Künstlerin fragte, ob sie sich an einer Ausstellung des Stadtlabors beteiligen wolle, sagte Khosravi zu. Im Stadtlabor, das seit 2010 besteht, untersuchen Frankfurterinnen und Frankfurter zu ausgewählten Themen die Geschichte ihrer Stadt. Die derzeitige Ausstellung ist Teil einer Trias zur NS-Zeit in Frankfurt, die bis September zu sehen ist.

Asal Khosravi befasst sich nicht zum ersten Mal mit Frankfurter Geschichte. Als Stadtteilhistorikerin sammelte sie bereits 2015 und 2016 Bildmaterial und Zeitzeug:innenberichte für eine Ausstellung, die beleuchtete, wie Menschen ihre Kindheit in der Goldsteinsiedlung erlebten, von den Zeiten der Siedlungsgründung in den 1930er Jahren bis zur Gegenwart. „Die NS-Geschichte ist nicht meine Geschichte, aber ich gehöre auch zur deutschen Geschichte, und von der will ich wissen, damit ich mich besser auskenne“, sagt die 46-Jährige, die inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft hat.

Für ihren Beitrag zur Stadtlabor-Ausstellung befragte sie Goldsteinerinnen, wie sie als Kinder die Bombenangriffe erlebten, woran sie sich von den Bombennächten im Bunker in der Goldsteinstraße erinnerten, und stellte deren Erinnerungen denen von Iranerinnen gegenüber, die, wie sie selbst, die Golfkriege miterlebt hatten.

Ausstellungen

Die Arbeiten der Stadtlaborant:innen zur NS-Geschichte in Frankfurt sind im Historischen Museum, Saalhof 1, in der Ausstellung „Auf Spurensuche im Heute“ (bis 11. September) zu sehen.

Diese Ausstellung ist Teil einer Ausstellungstrias im Historischen Museum, die sich mit der NS-Zeit in Frankfurt befasst.

Die zeitgeschichtliche Ausstellung „Eine Stadt macht mit – Frankfurt und der NS“ (bis 11. September) führt an 19 typische Orte städtischen Lebens und verdeutlicht, wie der Nationalsozialismus die Stadt prägte.

Das Junge Museum des Historischen Museums gibt mit der interaktiven Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ Einblick in das Alltags- und Familienleben junger Frankfurterinnen und Frankfurter im Nationalsozialismus. Sie ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet und wird bis 23. April 2023 zu sehen sein.

Das Begleitprogramm zu der Ausstellungstrias bietet neben Führungen und Vorträgen auch Kunstperformances und Stadtgänge an. Ein Überblick findet sich auf der Webseite des Historischen Museums. Diese wird fortlaufend aktualisiert. lwww.frankfurt-und-der-ns.de/de

Über den Umgang mit NS-Raubgut informiert bis zum 28. August auch die Ausstellung „StolperSeiten – NS-Raubgut in der Universitätsbibliothek Frankfurt am Main“, im Schoppenhauer-Studio der Univeristätsbibliothek in Bockenheim, Bockenheimer Landstraße 134-138. lad

www.ub.uni-frankfurt.de

Wer ihre Zeitzeugenberichte liest, merkt, ob Deutschland oder Iran: Die Befragten hatten während der Luftangriffe die gleichen Empfindungen. Sie hörten das Heulen der Sirenen, die Detonationen der Bomben, spürten die Enge in den Schutzräumen, die Hilflosigkeit der Erwachsenen. Das alles bereitete ihnen so große Angst, dass sie sie noch heute spüren können.

Asal Khosravi hielt ihre Erkenntnisse und die Berichte der Zeitzeugen unter dem Titel „Beton, Krieg und Kinder“ in einem Buch fest, das in der Stadtlabor-Ausstellung zu sehen ist. Und da sie Künstlerin ist, schuf sie dazu eine Installation aus drei großen, eng hintereinander hängenden Elementen, zwischen die Besucher:innen treten müssen, beispielsweise um den Bauplan des Bunkers sehen zu können. Die Enge soll ihnen die Angst vermitteln, die die Menschen in dem Schutzraum spürten.

Die Auseinandersetzung von Frankfurterinnen und Frankfurtern mit der NS-Zeit zeigt sich im Historischen Museum nicht nur in der Stadtlabor-Ausstellung. In der zeitgeschichtlichen Schau „Eine Stadt macht mit – Frankfurt und der NS“ werden Initiativen präsentiert, die sich um eine Erforschung der NS-Geschichte verdient gemacht haben. Das Bild dreier junger Menschen, das dort zu sehen ist, erinnert beispielsweise an Ernst Meissinger. Er wurde als sogenannter Halbjude erst aus dem Deutschen Alpenverein geworfen und dann von den Nationalsozialisten gezwungen, für einen Staat zu kämpfen, der ihn und seine Familie verfolgte. Meissinger fiel im Juni 1940 in Frankreich. Mitglieder einer Projektgruppe der Frankfurter Sektion haben sein Schicksal und das anderer jüdischer Mitglieder erforscht. Erste Ergebnisse haben sie jetzt in einer Onlinedokumentation veröffentlicht.

Opfern des NS-Terrors ein Gesicht geben will auch Harald Freiling. Als Geschichtslehrer an der Gesamtschule in Kelsterbach erforschte er mit seinen Schülerinnen und Schülern zunächst das Schicksal von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen in der Stadt, später das von Jüdinnen und Juden, die getötet oder zur Emigration gezwungen wurden. Als Pensionär hat Harald Freiling den Lebensweg Friedrich Adlers recherchiert. An den Kelsterbacher wird in der zeitgeschichtlichen Ausstellung auf einer Tafel erinnert.

Friedrich Adler arbeitete bis 1933 in einer Frankfurter Bekleidungsfirma. 1936 ging er in die Niederlande und tauchte dort später mit seiner Ehefrau unter. 1944 wurden sie verraten, beide starben in Konzentrationslagern. Harald Freiling schrieb Adlers Lebensweg in einer Broschüre auf. Durch einen glücklichen Umstand gelangte er erst vor kurzem an dessen Tagebuch. „Man denkt immer, etwas sei ausrecherchiert, und dann taucht plötzlich etwas Neues auf“, sagt der Autor.

Wie unterschiedlich die Ansätze derjenigen sind, die sich an der Ausstellung im Stadtlabor beteiligten, hat die Frankfurter Zeichnerin Katharina Müller erlebt. Sie dokumentierte im Auftrag des Historischen Museums mit Zeichnungen gleich vom ersten Treffen im November 2020 an die Arbeit der Stadtlaborantinnen und -laboranten. Eine Gruppe befasste sich etwa mit der Geschichte einer Villa in der Bockenheimer Landstraße, die einst einer jüdischen Familie gehörte, oder mit der Gedenkstätte in Preungesheim, die an die Widerstandskämpfer erinnert, die in der angrenzenden Strafvollzugsanstalt hingerichtet wurden. Ein weiterer Stadtlaborant erforschte die Geschichte seines Großvaters, der in einem Polizeibataillon in Osteuropa höchstwahrscheinlich an Erschießungen jüdischer Menschen beteiligt war.

Letzteres bewegte Katharina Müller dazu, in einem eigenen Beitrag die unterschiedlichen Facetten dieses Mannes, der über seine Vergangenheit nie gesprochen hatte, zeichnerisch umzusetzen, indem sie ihn auf mehreren Folien mit schwarzem Acrylstift in Teilen malte, die übereinandergelegt ein Porträt ergeben. Und sie hielt Erinnerungsorte fest, unter anderem jenen in Fechenheim, an dem ein Zwangsarbeiter auf offener Straße vor den Augen aller hingerichtet wurde, weil er eine Beziehung zu einer Deutschen hatte.

Ein Eindruck, der Müller von ihrer Arbeit blieb: NS-Verbrechen geschahen nicht nur an bekannten Orten wie der Großmarkthalle im Ostend, von wo aus Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager gebracht wurden. „Die Spuren der NS-Geschichte finden sich an vielen, vielen Orten in der Stadt.“

Asal Khosravi (línks) und Katharina Müller haben für die Stadtlabor-Ausstellung im Historischen Museum zusammengearbeitet.
Asal Khosravi (línks) und Katharina Müller haben für die Stadtlabor-Ausstellung im Historischen Museum zusammengearbeitet. © christoph boeckheler*

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