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Deborah Levi: Die Anschieberin

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Von: Timur Tinç

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Deborah Levi bereitet sich in Frankfurt auf die Wintersaison vor.
Deborah Levi bereitet sich in Frankfurt auf die Wintersaison vor. © Renate Hoyer

Bob-Olympiasiegerin Deborah Levi hat aufregende Monate hinter sich. Bald geht es für die Frankfurter Fußball-EM-Botschafterin wieder in den Eiskanal. Zusammen mit Pilotin Laura Nolte will sie im Zweierbob in diesem Winter WM-Gold gewinnen.

Eigentlich wollte Deborah Levi in diesem Sommer mit ihrer wissenschaftlichen Hausarbeit beginnen, um für das erste Staatsexamen zugelassen zu werden. Die 25-Jährige studiert Deutsch, Mathe und Sport auf Grundschullehramt an der Frankfurter Goethe-Universität. In den vergangenen Jahren hat sie ihren Sport, das Bobfahren, und das Lernen gut unter einen Hut bekommen. „Diesen Sommer hatte ich keinen Kopf dafür“, sagt Levi. Und das aus gutem Grund.

Bei den Olympischen Winterspielen in Peking ist sie in diesem Februar zusammen mit Laura Nolte Olympiasiegerin im Zweierbob geworden. Es folgten Ehrungen, Sponsorentermine, noch mehr Ehrungen und weitere Anfragen. „Es waren viele Termine. Aber es war sehr schön“, erzählt Levi. Den schönsten Empfang hat der Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers ihr Heimatdorf Siegbach-Oberndorf in der Nähe von Dillenburg in Mittelhessen bereitet. Ihr zu Ehren wurde der Dorfplatz in Deborah-Levi-Platz umbenannt. „Das halbe Dorf war da. Als ich da alle gesehen habe, musste ich mit den Tränen kämpfen“, erzählt sie. Außerdem bekam sie im Mai das Silberne Lorbeerblatt von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verliehen, die höchste Auszeichnung für deutsche Sportlerinnen und Sportler.

Während sie unter anderem in Wetzlar und Potsdam, die Städte ihrer Vereine, feierlich empfangen wurde, hat es die Stadt Frankfurt bislang nicht geschafft, ihre erste Winterolympiasiegerin gebührend zu ehren. Immerhin hat Sportdezernent Mike Josef (SPD) die Athletin zu einem Spiel der Eintracht in die Loge der Stadt zum Europa-League-Spiel gegen den FC Barcelona eingeladen. Dabei hat der Stadtrat sie gleich gefragt, ob sie zusammen mit Eintracht-Legende Alex Meier nicht Botschafterin für die Fußball-EM 2024 sein wolle. „Klar, kann ich machen“, antwortete sie.

Deborah Florence Esohe Levi ist eine echte Frohnatur. Sich selbst beschreibt sie als „verpeilt und langsam“. Im Alter von sechs Jahren hat sie mit Leichtathletik angefangen. Ihre zwei kleinen Brüder hat sie schon unterrichtet, bevor diese in die Schule kamen. Nach ihrem Abitur ist Levi mit 18 Jahren nach Wiesbaden gezogen und hat ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) an einer Grundschule in der Nähe der Landeshauptstadt absolviert. Gleichzeitig hat sie sich der Sprinttrainingsgruppe des jungen Trainers David Corell – damals 23 Jahre alt – in Frankfurt angeschlossen. Die 100-Meter-Zeiten wurden aber einfach nicht besser.

„Ich war deprimiert“, gibt Levi zu. Sie hat sich oft mit anderen Athletinnen verglichen, die nicht so muskulös wie sie und eher schmaler waren. Bei den Deutschen U23-Meisterschaften im Jahr 2018 kam der ehemalige Bobfahrer Thomas Prange auf sie zu und fragte, ob sie sich nicht vorstellen könne, Bob zu fahren. Eine junge Pilotin, Laura Nolte, damals 19 Jahre, suchte noch nach einer Anschieberin. „Die Frage kam genau zum richtigen Zeitpunkt“, sagt Levi. Drei Wochen später stand sie das erste Mal im Eiskanal. Der erste Eindruck der Trainer war überaus positiv. Mit Nolte verstand sie sich sofort. Sie zweifelte anfangs trotzdem, dass sie für den Bobsport geeignet war. „Ich hatte ein Idealbild im Kopf.“ Doch die Erfolge zeigten, dass der Wechsel von der Tartanbahn in die Eisrinne genau der richtige Schritt war und sie ihre Stärken hier viel besser ausspielen konnte.

„Ich bin eine schnellkräftige Athletin“, sagt Levi. Ein großer Vorteil beim Anschieben des 170 Kilogramm schweren Schlittens. Mit den schnellen Zeiten beim Start und dem großen Talent von Nolte als Pilotin folgte der rasche Aufstieg vom Eurocup in den Weltcup. In der vorolympischen Saison gewann das Duo Nolte/Levi Gold bei der Junioren-WM und der Europameisterschaft sowie Bronze bei der WM. Die absolute Krönung folgte dann in diesem Jahr bei den Winterspielen mit Gold.

„Noch heute schreibt mir mein Vater einfach so: Ich habe mir gerade noch mal eure beiden letzten Läufe angeschaut“, erzählt Levi. Als Andenken hat sie sich zudem eine Mütze vom jamaikanischen Bobteam gesichert. Für den Olympiasieg gab es 20 000 Euro. Ausgezahlt wird das Geld über zwölf Monate und muss versteuert werden. Am Ende bleiben Levi rund 14 000 Euro. „Im Vergleich zu anderen Ländern sieht das immer sehr wenig aus. Dafür ist Vorförderung mehr in anderen Ländern.“

Ihre Sponsoren hat Levi mit dem Olympiasieg glücklich machen können, auch sind zwei neue Partner für sie und Laura Nolte dazugekommen. „Aber es ist nicht so, dass jetzt alle die Tür reinkommen“, sagt Levi. Es sei eher ein spontanes Kennenlernen, oder jemand mag die Geschichte von Nolte und Levi, die es auch in der ARD-Dokumentation „Generation F“ zu sehen gibt. Seit kurzem wohnt Laura Nolte in Frankfurt und trainiert wie Levi bei David Corell in der Hahnstraße. Auf dem Gelände will Eintracht Frankfurt, die seit März eine Bobabteilung hat, eine Anschubstrecke bauen. Das würde auch Levi helfen, die zur Simulation des Bobs einen Wagen mit Gewichten schiebt.

Levi musste im Sommer wegen einer Steißbeinentzündung etwas kürzertreten, vor zwei Wochen bei den Anschubtests hat sie aber bewiesen, dass sie die beste deutsche Anschieberin ist. In den kommenden Tagen fährt Levi mit Nolte nach Winterberg, um sich auf den Weltcup vorzubereiten, der am 25. November im kanadischen Whistler beginnt. „Die Erwartungen von außen sind gestiegen. Aber damit können wir umgehen“, sagt Levi. In diesem Winter findet die Weltmeisterschaft in St. Moritz statt, und da will das Duo Nolte/Levi auf jeden Fall WM-Gold. „Das fehlt uns noch.“

Gold bei den Winterspielen in Peking für Laura Nolte (links) und Deborah Levi.
Gold bei den Winterspielen in Peking für Laura Nolte (links) und Deborah Levi. © AFP

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