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Debatte über WM in Katar: Das große Unbehagen

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Von: Georg Leppert

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Lahm (Mitte) im Gespräch mit FR-Redakteur Jan Christian Müller (re.) und Sportjournalist Scherzer.
Lahm (Mitte) im Gespräch mit FR-Redakteur Jan Christian Müller (re.) und Sportjournalist Scherzer. hoyer © Renate Hoyer

Am FR-Stand auf der Buchmesse sprechen Ex-Fußballer wie Philipp Lahm und Autoren über die schwierige WM in Katar und die Hoffnung auf eine tolle EM.

Es ist voll rund um den gemeinsamen Stand von FR und Societätsverlag. Sehr voll. Menschen mit Schals von Fußballvereinen sind am Freitagnachmittag gekommen. Und erstaunlich viele Kinder und Jugendliche – obwohl viele von ihnen 2014 gerade erst geboren waren. Damals erlebte der Mann, der die Massen in Halle 3.1. zieht, den Höhepunkt seiner Karriere. Als Kapitän wurde Philipp Lahm mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Weltmeister. Mittlerweile schreibt er Bücher (zuletzt: „Gesund kann jede:r“) und ist Turnierdirektor der Europameisterschaft 2024 in Deutschland.

Ja, es geht auch um Fußball in der Talkrunde mit Lahm, der 84-jährigen Reporterlegende Hartmut Scherzer und Moderator Jan Christian Müller, Sportredakteur der FR. Etwa um Lahms Traumtor zur Eröffnung der Fußball-WM 2006. Doch in erster Linie dreht sich das Gespräch um die Schwierigkeit, sich auf die WM in diesem Spätherbst zu freuen. Auf die WM in Katar, dem Staat der vielen Menschenrechtsverletzungen. Zugleich geht es um die Hoffnung, in knapp zwei Jahren wieder ein tolles Turnier in der Mitte von Europa zu erleben.

Scherzer war schon bei der WM 1978 als Reporter dabei. Gespielt wurde in Argentinien, das von einer Militärdiktatur beherrscht wurde. Scherzer berichtete – aber nur über den Sport. „Dafür schäme ich mich heute.“ Umso umfangreicher fällt das Kapitel über die WM 1978 in seinem Buch „Weltsport“ aus. Es behandelt nicht zuletzt die unrühmliche Rolle des DFB bei der Weltmeisterschaft.

Lahm hatte schon vor der Europameisterschaft 2012 in der damals autokratisch regierten Ukraine sein Unbehagen geäußert, in einem Land zu spielen, in dem die Oppositionelle Julija Tymoschenko im Gefängnis saß. Entsprechend skeptisch sieht er die WM-Vergabe nach Katar. Er habe nicht vor, dorthin zu reisen, sagt er. Allein der Bau der neuen Stadien auf engstem Raum sei unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit nicht zu verstehen.

WM-Boykott gefordert

Dietrich Schulze-Marmeling geht noch weiter. Der Autor, der nach Lahms Auftritt gemeinsam mit dem Ex-Nationalspieler Marco Bode am FR-Stand das Buch „Tradition schießt keine Tore“ vorstellt, spricht sich für einen Boykott der WM in Katar aus. Dazu wird es seitens der Nationalmannschaften nicht kommen. Umso wichtiger sei es, dass die Fans zeigten: „Das ist nicht unsere WM.“

Marco Bode, Spieler im WM-Finale 2002, stimmt zu. Das Turnier in Katar sei „sehr problematisch“, der Umgang des Weltfußballverbands Fifa mit den Menschenrechtsverletzungen sei „desaströs“ und die Hoffnung, dass sich durch das Turnier etwas ändert, „naiv“.

Der Autor Ronny Blaschke, der nicht zuletzt für die FR immer wieder große Artikel über den Zusammenhang zwischen Sport und Politik schreibt, ist kein erklärter Gegner der WM-Vergabe nach Katar. Er könnte sich auch vorstellen, dass die Weltmeisterschaft einmal in China oder Saudi Arabien ausgetragen wird. „Diese Länder gehören ja zur Weltgemeinschaft“, sagt Blaschke am Freitagnachmittag in einem weiteren Gespräch mit Jan Christian Müller am FR-Stand.

Eines ist Blaschke, Autor des Buchs „Machtspieler“, aber wichtig: Um Verletzungen der Menschenrechte anzuprangern und um Verbesserungen im Gastgeberland zu erreichen, müssten der Weltfußballverband Fifa und auch die Teilnehmerländer viel größeren Druck ausüben als jetzt vor der WM in Katar.

In den vergangenen Jahren war Ronny Blaschke immer wieder auf der arabischen Halbinsel unterwegs. Er hat mit den Arbeitsmigranten gesprochen, die die Stadien in Katar bauten und die sich verschulden mussten, damit sie eine Agentur ins Land bringt. Viele hätten ihm gesagt: „Ja, es geht uns hier schlecht. Aber daheim ging es uns noch schlechter.“

Dass der seit sechs Monaten amtierende DFB-Präsident Bernd Neuendorf die inakzeptablen Arbeitsbedingungen viel deutlicher anspricht als seine Vorgänger, begrüßt Blaschke. Aber reicht das, um etwas zu ändern? Der Autor ist skeptisch. „Warum“, fragt Blaschke, „haben Manuel Neuer und Thomas Müller ihre Zehntausende Follower in den sozialen Medien nie mit einem Bild aus einem Camp der Arbeitsmigranten schockiert?“

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