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Frankfurt im Dauerfeuerwerk

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Von: Timur Tinç

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Der Himmel über Frankfurt erstrahlt in allen möglichen Farben.
Der Himmel über Frankfurt erstrahlt in allen möglichen Farben. © Rolf Oeser

Nach zwei Jahren ohne Böller und Raketen holen viele Menschen das in dieser Silvesternacht nach. Über dem Mainufer hängt eine dicke Rauchdecke und auf der Zeil mobilisiert ein Lagerfeuer Polizei und Feuerwehr.

Der erste Vorbote dieser Silvesternacht fliegt gegen 22 Uhr auf den Treppenaufgang zur B-Ebene der Konstablerwache und explodiert kurz darauf. Auf dem Plateau stehen Dutzende junge Männer, die eine Rakete nach der anderen, eine Batterie nach der anderen und einen Böller nach dem anderen anzünden und loslassen. Die Polizei steht in Sichtweite und beobachtet das Geschehen. „Ich hab voll Angst“, sagt eine junge Frau, die sich mit ihrer Freundin zu einer Party durchschlängelt. Sie ist nicht die Einzige.

Trotzdem sind auch einige Familien mit kleineren Kindern auf der Zeil unterwegs. Einige Jungen und Mädchen machen Überschläge an den Fahrradständern. Andere dürfen schon mit ihren Vätern böllern und knallen. Vor einem Ladengeschäft hat jemand eine Batterie gezündet. Ein junger Mann löst sich aus einer Gruppe heraus, zieht einen Schal vors Gesicht, hebt die Batterie von unten an, läuft zu seiner Gruppe und hält sie so, dass die Funken auf seine Kumpels regnen. Das scheinen die aber gar nicht so schlimm zu finden.

Vor dem Nachtclub Gibson stehen mehr als 200 Leute in Abendgarderobe an, um dort den Jahreswechsel zu feiern. Einige in dicken Mänteln, obwohl es draußen milde 13 Grad sind. Junge Leute laufen mit Bierflaschen und anderen alkoholischen Getränken in der Hand über die Zeil. Der Kiosk in der „Neuen Kräme“ ist überfüllt und wird wahrscheinlich in dieser Nacht seine kompletten Vorräte verkaufen. Davor steht eine Gruppe Männer, die sich einen Joint teilen. Etwas weiter in Richtung Römerberg dröhnt laute Musik aus dem Erdgeschoss eines Hotels mit verdunkelten Scheiben.

Auf dem Römerberg ist es gegen 22.30 Uhr noch relativ übersichtlich. Einzelne Pärchen haben sich ein Plätzchen gesucht. Vor dem Weihnachtsbaum, der immer noch hell leuchtet, tanzt eine Frau ausgelassen und lässt sich dabei von ihrer Freundin filmen. Macht sich bestimmt gut mit unterlegter Musik auf Instagram. Hinter dem Historischen Museum und rund um die Altstadt stehen einzelne Grüppchen und verballern ihren Raketenvorrat.

Aber das ist nichts im Vergleich dazu, was bereits rund eineinhalb Stunden vor Mitternacht am Mainufer los ist. Es scheint so, als hätten die zwei Jahre coronabedingtes Feuerwerksverbot die Menschen dazu animiert, an diesem 31. Dezember 2022 alles nachzuholen. Raketen steigen von überall her in den Himmel. Ein Kanonenschlag donnert durch die Luft. Die Polizei steht mit einem Lautsprecherwagen vor dem Eisernen Steg. Ein Sprecher erinnert die Leute daran, dass Feuerwerk auf dieser Brücke absolut verboten ist. Daran wird sich sogar in dieser Nacht gehalten.

Wer Raketen in die Luft steigen lassen will, muss zu einer der anderen Brücken gehen. Ein Sicherheitsdienst kontrolliert die Aufgänge zum Eisernen Steg. Zwei Polizisten nähern sich mit schnellem Schritt der Brücke. „Der könnte es gewesen sein“, sagt einer von ihnen. Sicher ist er sich aber nicht und die Beamten greifen dann doch nicht ein. Sie sind vor allem da, um zu beobachten, ob Feuerwerkskörper gezielt auf andere Menschen geschossen werden. Doch es ist einfach zu viel los, um diejenigen ausfindig zu machen, die Knaller anzünden, wegwerfen, weiterlaufen und in der Masse verschwinden. Andere halten Flaschen in der Hand, um die Rakete, die sie gerade angezündet haben, in die Luft steigen zu lassen.

„Hier ist es ja so, als wäre es schon 12 Uhr“, sagt eine junge Frau, die mit ihrem Begleiter über den Eisernen Steg läuft, während es von allen Seiten bunt aufleuchtet. An den Brückengeländern haben sich viele schon ihren Platz gesucht. Eine Mutter führt ihr verängstiges Kind über die Brücke auf die südliche Seite des Mainufers. Eine andere Familie mit ihrem kleinen Sohn im Kinderwagen wartet auf das neue Jahr. Am südlichen Mainufer stehen ebenfalls etliche Gruppen, darunter auch wieder Väter mit Kindern, und jagen ihren Feuerwerksvorrat in die Luft. Eine Rakete will allerdings nicht nach oben steigen und sprüht in alle Richtungen Funken.

Junge Männer, die das Geschehen beobachten, stoßen immer wieder ein lautes „Wuuuu“ in den Abendhimmel aus. Zwei Frauen im mittleren Alter haben sich leuchtende Haarreifen auf den Kopf gesetzt und aus einer sehr lauten Musikbox dröhnt der Whitney-Houston-Song „I just wanna dance with somebody“. Das Tanzen verkneifen sich die Frauen aber.

Plötzlich rennt ein junger Mann auf die Brücke und wird kurz darauf von einem hinterhersprintenden Sicherheitsmann gefasst. Kurz darauf kommen dessen Kollegen und überwältigen den Mann. In der Zwischenzeit klettert ein anderer junger Mann von der Seite auf die Brücke, weil er keine Lust mehr hatte zu warten, um auf den Steg zu kommen. „Komm mit Bruder“, bittet ein Sicherheitsmann ihn. „Wir müssen sonst der Polizei Bescheid sagen. Wir kriegen Probleme“, sagt ein anderer.

Gegen 23.30 Uhr wird der Eiserne Steg gesperrt. Ein kleines Mädchen hängt ein Schloss an die Brücke und wird von Papa und Mama geknuddelt. Etwas weiter in der Mitte macht eine Gruppe junger Männer gerade eine Videoaufnahme, ehe einer von ihnen versucht, den anderen einen Faustschlag zu versetzen. Der stark wankende Mann wird das noch dreimal versuchen, während andere ihn beruhigen wollen.

Davon ganz unberührt steht ein älteres Ehepaar auf der Brücke. Die Arme ineinander verschränkt, blicken sie selig auf die immer mehr werdenden Raketen am Frankfurter Nachthimmel und umarmen sich innig, als es dann tatsächlich Mitternacht ist. Eine dicke Rauchwolke liegt über dem gesamten Mainufer und der Brücke. Ein Mann packt gerade Sektgläser in seinen Rucksack, als ein paar Polizisten auf den Steg kommen. „Gehst du da runter!“, brüllt einer von ihnen alle an, die sich auf das Brückengeländer gestellt haben, um Videoaufnahmen zu machen.

Gegen 0.30 Uhr fährt ein Rettungswagen über den Mainkai und hält dort. Einige Polizisten beobachten von der Brücke aus, wo immer noch geknallt und geböllert wird, das Geschehen. Mittendrin steht ein Getränkeverkäufer. Auf dem Römerberg klirrt und knackst es bereits mächtig wegen der herumliegenden Glasscherben. Die Poller werden derweil als Tresen für die Feiernden in der Eckkneipe benutzt. Vom Paulsplatz fliegt ein Querschläger an eine Scheibe und beschert den Wartenden vor einer Bäckerei einen Funkenregen.

An der Hauptwache ist die Polizei mit großer Präsenz vor Ort und sichert einen brennenden Haufen, der wie ein Lagerfeuer aussieht, mitten auf der Zeil. Drum herum stehenden etliche junge Männer, die gröhlen und lachen. Ab und zu werden noch ein paar Böller in Richtung des Feuers geworfen.

Ein Vorbote einer noch sehr langen Nacht für Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste, die am Ende dann aber doch von einer „insgesamt friedlichen“ Silvesternacht sprechen konnten.

Auf der Zeil wird ab 22 Uhr durchgehend gezündelt.
Auf der Zeil wird ab 22 Uhr durchgehend gezündelt. © Rolf Oeser
Es geht auch nur mit Wunderkerzen.
Es geht auch nur mit Wunderkerzen. © Rolf Oeser
Ein Rettungswagen fährt durch eine Gruppe, die sich gegenseitig mit Feuerwerk beschießt.
Ein Rettungswagen fährt durch eine Gruppe, die sich gegenseitig mit Feuerwerk beschießt. © Rolf Oeser

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