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Die Schränke mit der Hardware des Frankfurter Internetknotens stehen in 35 Rechenzentren.
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Die Schränke mit der Hardware des Frankfurter Internetknotens stehen in 35 Rechenzentren.

Datenknoten Frankfurt

Das Herz des Internets schlägt jetzt anders

  • Claudia Isabel Rittel
    vonClaudia Isabel Rittel
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Die Statistiken des Datenknotens De-Cix zeigen, wann und wie Deutschland das Netz nutzt- und das hat sich durch Corona verändert. Für Frankfurt und die Region ist das eine Chance.

Frankfurt lebt vom Businessaustausch, von Begegnungen, Bewegung, dem Vernetzen. Doch das hat sich im Corona-Krisenjahr 2020 völlig verlagert. „Wir sind von allen Großstädten in Deutschland am meisten betroffen“, sagt der Chef der Frankfurter Wirtschaftsförderung, Oliver Schwebel. Das gilt in zwei entgegengesetzte Richtungen.

Während Flughafen und Messe verwaisten, Tourismus und Gastronomie historische Einbrüche erlitten und sich Büroarbeit überwiegend ins Homeoffice verlagerte, sprang der Austausch von Daten in Frankfurt von einem Rekord zum nächsten. Die IT-Industrie habe zugelegt, sagt Schwebel. „Hier gibt es Wachstumsraten und neue Stellen.“

Nirgendwo in Deutschland stehen so viele große Rechenzentren wie im Raum Frankfurt, nirgends sonst werden weltweit so viele Daten gleichzeitig ausgetauscht. Jede E-Mail, die in Deutschland verschickt wird, jeder Film, der gestreamt wird und jede Videokonferenz, die abgehalten wird, rast einmal durch die Kabel des Datenknotens De-Cix – die meisten davon durch Frankfurt.

Wirtschaftsförderer Oliver Schwebel.

Weil in Frankfurt die unterirdischen Glasfaserkabel zusammenlaufen, schlägt hier so etwas wie das Herz des Internets. Und so zeigt sich in der Mainmetropole wie sonst nirgendwo in Deutschland die Verlagerung unseres Lebens ins Digitale, die die Corona-Pandemie im zurückliegenden Jahr enorm verstärkt hat.

Messbar ist dies unter anderem an den übertragenen Daten in Frankfurt. Gleich zwei Weltrekorde verzeichnete die Firma De-Cix, die hier den weltweit größten Datenknoten betreibt, 2020. Dabei geht es darum, wie viele Daten gleichzeitig durch ihre die Kabel sausen.

Zahlen

Zentraler Baustein für die Verbindung von Computern oder Netzwerken sind sogenannte Switches.

Jedes Netzwerk, das an ein solches elektronisches Gerät angeschlossen ist, hat eine direkte Verbindung zu allen anderen Netzwerken, die ebenfalls dort angedockt sind.

In 35 Rechenzentren am Hauptstandort Frankfurt stehen heute Switches von De-Cix, die beispielsweise Internet-anbieter, Shoppingportale, Streamingdienste, Anbieter von Videokonferenzen und andere direkt miteinander verbinden.

Weil alle da hinwollen, wo schon viele andere sind, gibt es in Frankfurt so viele Rechenzentren.

In Deutschland hat die Firma De-Cix mittlerweile sechs Standorte. Zudem gibt es weitere in sieben europäischen Städten, zehn im Nahen Osten und Asien sowie vier in den USA.

Die verschiedenen Standorte sind einzelne Internetknoten für die jeweiligen Regionen. Sie sind aber auch miteinander verbunden.

Die Übertragungskapazität einer Standardverbindung mit dem Internetknoten ist seit 1995 um das Zehntausendfache gestiegen. cir

Am 10. März waren das erstmals 9,1 Terabits pro Sekunde - das sind etwa so viele Daten wie zwei Millionen Videos in HD-Qualität oder ein 200 Kilometer hoher Stapel bedruckter DIN-A-4-Seiten. Am Abend des 3. November wurde selbst dieser Rekord gebrochen: mit der Übertragung von 10,3 Terabits pro Sekunde und damit umgerechnet noch mal Daten von weiteren 200 000 HD-Videos.

Doch nicht nur die schiere Menge ist Anhaltspunkt für die Veränderungen, sondern auch die Qualität der Nutzung. Als sich Deutschlands Büroangestellte im Homeoffice eingerichtet hatten, vermeldete De-Cix Ende März zudem, der Videokonferenzverkehr sei innerhalb einer Woche um 100 Prozent gestiegen. „Auch der Anteil der User, die Online- und Cloud-Gaming-Plattformen nutzen, hat sich letzte Woche verdoppelt“, hieß es in einer Mitteilung.

Die De-Cix-Daten geben also Auskunft darüber, wie sich der Rhythmus der Internetnutzung während der Pandemie verändert hat: „Die Nutzer sind nun auch tagsüber häufiger und länger online“, berichtete das Unternehmen schon Ende März.

Eine neue Normalität. Früher begann der Internetnutzungs-Rhythmus morgens um 6 Uhr, gegen 21 Uhr hatte er einen Höhepunkt, erläutert Harald A. Summa, Vorstandsvorsitzender von De-Cix. „Wenn die Eltern zu Hause waren, die Kinder im Bett lagen und Mama und Papa noch eine Serie geschaut haben.“

Im Jahr des Homeoffice aber sieht das anders aus. Jetzt steige der Verkehr „gleich morgens um sechs Uhr dramatisch an“, sagt Summa. Ein erster Höhepunkt sei noch vormittags erreicht. Auch zwischen 23 und 2 Uhr nachts gebe es inzwischen rund 20 Prozent mehr Datenverkehr als vor der Pandemie. „Durch die Corona-Krise ist in Frankfurt und darüber hinaus bewusst geworden, wie wichtig die digitale Infrastruktur eigentlich ist“, sagt Wirtschaftsförderer Oliver Schwebel. „Denn kein einziger Homeoffice-Arbeitsplatz funktioniert ohne diese Daten-Infrastruktur.“ Mit dem weltweit größten Internetknoten De-Cix erfülle Frankfurt eine globale Aufgabe, sagt Schwebel.

Sorge, dass das Internet den gestiegenen Datenverkehr nicht aushalte, habe er in keinem Moment gehabt, sagt Summa. Eine Herausforderung sei es jedoch gewesen, den Betrieb auf Pandemiebedingungen umzustellen – mit dem drohenden Szenario, dass viele Mitarbeiter wegen des Coronavirus gleichzeitig ausfallen könnten. Inzwischen habe De-Cix Support-Mitarbeiter rund um den Globus.

In Frankfurt geht die Expansion der Cloud-Rechenzentren unterdessen weiter. Schon in den vergangenen Jahren seien jedes Jahr rund 430 Millionen Euro in den Bau neuer Rechenzentren in Frankfurt investiert worden, sagt Schwebel. Im Osten der Stadt wird inzwischen ein Areal vom Ratswegkreisel bis zum ehemaligen Neckermann-Gelände von sehr vielen Rechnerschränken und einigen Switches bewohnt, weitere Cluster gibt es im Gallus und in Rödelheim. 2020 gab es im Stadtgebiet Frankfurt rund 60 Hektar Rechenzentrumsfläche – das ist Platz für Server auf einer Fläche von rund 600 000 Quadratmetern oder 84 Fußballfeldern.

Auch die Region ist inzwischen in den Blick der Branche geraten. Große Data-Center sind im Main-Taunus-Kreis entstanden, weitere werden im Raum Hanau gebaut. Erst kürzlich hat sich Google Grundstücke im Kreis Offenbach und im Main-Kinzig-Kreis gesichert, um eigene Rechenzentren zu errichten. Dennoch sagt Schwebel: „Wir schätzen, dass allein in Frankfurt bis zum Jahr 2030 eine Fläche von 70 bis 80 Hektar benötigt wird.“ Also noch einmal 100 Fußballfelder mehr. Und er ergänzt: „Wir stehen am Anfang einer Entwicklung, nicht am Ende. Da kommt noch unfassbar viel dazu.“ Um die Expansion der Rechenzentren in Frankfurt zu steuern, wolle die Stadt künftig stärker definieren, wo sie das Wachstum von Rechenzentren sieht und wo nicht – auch um vorhandenes Gewerbe zu schützen.

Auch Summa sieht den Beginn einer Entwicklung. „Im Augenblick tut sich etwas Neues auf“, sagt er. Neue Technologien wie 5G, künstliche Intelligenz und das Internet der Dinge würden den Datenverkehr 2021 und darüber hinaus um ein Vielfaches erhöhen.

Besonders beschäftigt habe ihn im vorigen Jahr das europäische Projekt Gaia-X, mit dem die Grundlage für eine souveräne europäische Dateninfrastruktur gelegt werden soll. „Gaia-X ist derzeit vielleicht das visionärste IT-Projekt“, sagt Summa. Es werde die Kommunikation zwischen Unternehmen um ein Vielfaches verbessern. Ziel seien unter anderem neue Standards, „damit Clouds miteinander reden können – egal, wo sie stehen“.

De-Cix-Vorstand Harald A. Summa.

Schon jetzt beobachtet er, dass sich immer mehr Firmen direkt an den Internetknoten anschließen und sich branchenbezogen „am Internet vorbei“ vernetzen. „In zehn Jahren werden wir völlig andere Strukturen haben als derzeit“, sagt Summa. Das Internet werde dann lediglich die Grundlage für diese neuen Strukturen bilden.

Für Frankfurt liege in der Digitalindustrie „eine Riesenchance“, sagt Wirtschaftsförderer Schwebel. Darauf deute auch hin, dass Star-Unternehmer Elon Musk kürzlich einen Deutschlandableger seiner Firma Starlink gegründet habe. Mit Starlink will Musk zukünftig Satelliten-Internet anbieten. Außerdem weist Schwebel darauf hin, dass Google 2020 im Global Tower 4600 Quadratmeter Bürofläche angemietet habe.

„Es gibt schon viele, die die Stadt auf dem Schirm haben, sodass wir die großen Ansiedlungen mitmachen können und da auch ein Stellenwachstum haben“, sagt er. „Aber es ist eben nicht nur der Zugang zum Knoten, sondern auch der Zugang zu Fachpersonal, der Frankfurt für die Datenverarbeitungsindustrie interessant macht.“

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