Geflüchtete auf dem Mittelmeer werden von Sea-Watch gerettet.
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Geflüchtete auf dem Mittelmeer werden von Sea-Watch gerettet.

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Das Leben riskieren, um Leben zu retten

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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Sea-Watch hilft geflüchteten Menschen auf dem Mittelmeer und wird dafür oft angefeindet.

Kannst du gleich in der Kombüse aushelfen?“, tönt eine Stimme über Deck. Jakob Frühmann ist viel gefragt in diesen Tagen auf See. Gerade arbeitet er auf einer Jugendfreizeit an der Küste Helgolands, im Sommer ist der Lehrer aus Wien mit der Organisation Sea-Watch auf dem Mittelmeer gewesen. Der 29-Jährige hat nebenbei eine Ausbildung zum Seemann absolviert und war von Juli bis September Teil der nautischen Crew an Bord.

Er wachte auf dem Mast, setzte Schnellboote aus oder betreute die „Gäste“. So nennen die Aktivist:innen die Geflüchteten, die in internationalen Gewässern aus dem Meer gefischt werden, um dem Tod zu entgehen. Bei seinem letzten Einsatz waren es rund 350 Menschen, die auf dem 60 Meter langen Schiff „Sea-Watch 4“ Platz fanden – ganz schön viele auf engem Raum. Die Besatzung teilte deswegen Masken aus und versuchte, die Gruppen zu trennen. Die meisten Geflüchteten wären erst mal dankbar, aber auch verunsichert. „Die größte Angst vieler war, dass es nach Libyen zurückgeht.“

An Bord wurden sie von einer bunten Crew empfangen. 29 Menschen aus zwölf Nationen waren auf der „Sea-Watch 4“ im Einsatz, für medizinische und psychologische Betreuung, als Presseleute oder Kapitän:innen. Schwierig ist es laut Frühmann, sich für diese Arbeiten zu qualifizieren, die Anforderungen der Behörden sind hoch.

Wie Sie helfen können

Seit fünf Jahren gibt es Seawatch , weit mehr als 37 000 Menschen hat der Verein laut eigenen Angaben vor dem Tod durch Ertrinken gerettet. Freiwillige aus ganz Europa helfen mit, dass das Projekt weiter esteht. Die Organisation wird ausschließlich durch Spenden finanziert. prik

Spendenkonto: IBAN: DE 77 1002 0500 0002 0222 88 BIC: BFSWDE33BER Kreditinstitut: Bank für Sozialwirtschaft Berlin Kontoinhaber: Sea-Watch e. V.

Mehr dazu auf sea-watch.org/spenden

Frühmann erzählt, dass er sich manchmal ohnmächtig fühlte angesichts der Fluchtgeschichten, die er auf dem Schiff hörte. Oder wenn der Wiener die Nachrichten schaut und sieht, dass seine Arbeit von vielen kritisiert oder kaum wahrgenommen wird. Auf dem Schiff zu sein, sei nicht nur ein Risiko, weil es Kontra von vielen Bürger:innen und den Behörden gebe, für Kapitän:innen wie Carola Rackete hatte es bereits rechtliche Folgen.

Trotzdem findet Frühmann es wichtig, dort zu sein und seine „europäischen Privilegien zu teilen“. „Uns auf dem Schiff bringt die Liebe zur See und ein Gefühl für solche Einsätze zusammen“, beschreibt er die Stimmung.

Frühmann wäre sofort wieder dabei, sollte die „Sea-Watch 4“ erneut auslaufen. Gerade sitzt das Schiff aber fest, im Hafen von Palermo. Die Politik ist gegen die zivile Seenotrettung. Die Empörung und seine Wut über vorgeschobene Ausreden gegen die Solidarität, das sei es, was ihn antreibe, sagt Frühmann. Aber auch die Überzeugung, das Richtige zu tun, und dass die Politik das irgendwann erkennen werde.

Zurzeit auf See sind einzig die zwei Aufklärungsflugzeuge von Sea-Watch, die „Moonbird“ und die „Seabird“. Sie suchen nach Booten in Seenot und verständigen Handelsschiffe in der Nähe. Doch auch diese nähmen ihre Pflicht zu retten immer seltener wahr, denn die Aufnahme Geflüchteter sei ein finanzieller Verlust für die Unternehmen. „Teilweise kreisen unsere Flugzeuge machtlos über den Booten, bis die Menschen ertrunken sind, weil niemand zu Hilfe kommt“, sagt Pressesprecher Oliver Kulikowski. Die Flugzeuge dokumentieren diese Versäumnisse. 333 Schiffbrüchige haben sie im September gesehen, bei gut 65 Stunden Einsatz. Neben der Mission auf See helfen an Land mehr als 500 Ehrenamtliche, die Infostände aufbauen, Ausstellungen und Demonstrationen veranstalten und von ihren Erfahrungen berichten.

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