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Das Leben in Frankfurt dokumentiert

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Von: Anja Laud

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Fotoshooting auf dem Straßenstrich in Frankfurt.
Fotoshooting auf dem Straßenstrich in Frankfurt. © Jochen Günther - Fotografie

Jochen Günther, Fotograf der Frankfurter Rundschau, übergibt insgesamt 400.000 Aufnahmen an das Institut für Stadtgeschichte. Ein Rückblick.

Frankfurt – Der Messeturm in Frankfurt ist 1991 gerade fertiggestellt, in seinem Schatten gehen Prostituierte ihrem Geschäft nach. Jochen Günther ist mit seiner Kamera dabei. „Das war eines meiner größten Fotoshootings in der Stadt. Wir haben damals Bilder für die Titelseite der Samstagsausgabe gemacht. Das war der einzige Tag in der Woche, an dem Farbfotos gedruckt wurden“, sagt der Frankfurter, der von 1990 bis 2003 als Pressefotograf für die Frankfurter Rundschau gearbeitet hat. Etwa 400.000 Aufnahmen aus seiner Zeit als Fotojournalist hat er jetzt dem Institut für Stadtgeschichte (ISG) übergeben.

„Jeder Tag, jeder Termin ist anders. Man trifft immer wieder neue Menschen und muss sehr schnell erfassen können, was das Schlüsselfoto ist, um das Thema herüberbringen zu können“, sagt Jochen Günther. Die Fotografie im Allgemeinen und die Pressefotografie im Besonderen sind seine Leidenschaft. Sein Motto: „Ist die Idee gut – und bezahlt – fotografiere ich fast alles.“

StadtFrankfurt am Main
BundeslandHessen
Bevölkerung753.056 (2019)
OberbürgermeisterPeter Feldmann (SPD) seit 2012

Frankfurt: Jochen Günther – ein Fotograf aus Leidenschaft

Schon als Schüler des Gagern-Gymnasiums machte er Bilder für die „Frankfurter Nachrichten“, einem Anzeigenblatt, um sein Taschengeld aufzubessern. Als Student war er mit der Kamera für die „Frankfurter Neue Presse“ (FNP) unterwegs. Er setzte bald seine Prioritäten auf die Fotografie und arbeitete als freier Fotograf. Er begleitete Jutta W. Thomasius, die Grande Dame der „FNP“, die über die Frankfurter Gesellschaft, den Zoo und den Flughafen berichtete, zu ihren Terminen. „Wir waren ein gutes Gespann“, sagt er.

Schließlich bekam er eine Festanstellung von der Frankfurter Rundschau angeboten. „Ich kann mich noch genau an mein Einstellungsgespräch erinnern. Ich kam braungebrannt von einem Shooting aus dem Ausland zurück. Im Gespräch mit Chefredakteur Werner Holzer und dem damaligen Sport-Chef habe ich gesagt: Ende des Monats muss ich aber noch zu einem Shooting nach Seattle“, erzählt Günther. Er bekam trotzdem den Job.

Fortan arbeitete er für die Lokal- und die Sportredaktion. Am Wochenende war er für den Sport unterwegs und musste, wenn etwa drei Spiele ungefähr gleichzeitig liefen, mehrere Termine jonglieren. „Wichtig war es, entweder vor Spielbeginn, in der Pause oder gleich nach dem Spiel da zu sein“, erzählt Jochen Günther. Es galt, den „Spieler-Bogen“ des Schiedsrichters abzufotografieren, auf dem die Spielernamen und ihre Nummern vermerkt waren. Nur so konnten Spielszenen später mit den Namen der Spieler:innen beschriftet werden.

Auf einen Blick

Das Institut für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster, Münzgasse 9, ist seit 1436 Frankfurts historisches Gedächtnis. Die Fotosammlung des Hauses umfasst bereits rund 2,5 Millionen Frankfurter Bilder vom 19. Jahrhundert bis heute.
www.stadtgeschichte-ffm.de

Jochen Günther arbeitet heute als freier Fotograf. Er hat auch mehrere Bücher veröffentlicht, beispielsweise „Frankfurt Flughafen: Ein Tag in der Airport City“ (2007).
www.jgfoto.de

Für die Lokalredaktion wurde auch damals im Schichtdienst gearbeitet. Jochen Günther arbeitete mit drei weiteren Kollegen – damals alle Männer – zusammen. „Ich habe meistens den Frühdienst übernommen“, erzählt er. Die Aufnahmen, die er nun dem Institut für Stadtgeschichte übergeben hat, spiegeln das bunte Spektrum der Pressefotografie. Sie zeigen Menschen und Ereignisse aus der Kommunalpolitik und Wirtschaft, die Stars und Sternchen, die in Frankfurt lebten oder anreisten. Sie dokumentieren Volks- und Stadtteilfeste, die Entwicklung der Stadt sowie Straßen- und Alltagsszenen. Ob Fußball, Tennis, Reiten oder Boxen, sie halten das lokale Sportgeschehen fest – das der Profis und der Amateur:innen.

Das Institut für Stadtgeschichte übernimmt aus Günthers Archiv 400.000 Aufnahmen, die in 49 Ordnern abgelegt oder auf einer Festplatte gespeichert worden sind. Seine Fotografien erweitern und ergänzen den umfangreichen Fotobestand des Instituts. Die Fotosammlung des ISG umfasst bereits rund 2,5 Millionen Frankfurter Bilder vom 19. Jahrhundert bis heute.

1996: Der Dalai Lama mit OB Petra Roth im Römer.
1996: Der Dalai Lama mit OB Petra Roth im Römer. © Jochen Günther/Institut für Stadtgeschichte

Jochen Günther ist nicht der erste FR-Fotograf, der seine Bilder dem Stadtarchiv übergeben hat. Kurt Weiner etwa, der 2017 im Alter von 95 Jahren starb, hatte vor seinem Tod weit mehr als 100.000 Fotografien dem Institut übereignet. Darunter seine Porträts von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, von John F. Kennedy über Alfred Hitchcock bis zum letzten Bild der Prostituierten Rosemarie Nitribitt vor ihrer Ermordung.

Baulöwe Jürgen Schneider (l.) 1992 in der Schillerpassage. Drei Jahre später kam er in Haft.
Baulöwe Jürgen Schneider (l.) 1992 in der Schillerpassage. Drei Jahre später kam er in Haft. © Jochen Günther/Institut für Stadtgeschichte

Tobias Picard, der im Institut für Stadtgeschichte unter anderem fotografische Vor- und Nachlässe betreut, freut sich auf die Auswertung von Jochen Günthers Bildern, unter denen er bereits viele Motive entdeckt hat, die selten überliefert sind, etwa Szenen aus der Ende 2000 geschlossenen Flughafendiskothek „Dorian Gray“ oder von einigen Messen wie der „Wonderworld“ und „Single World“, die sich beide nicht dauerhaft etablieren konnten.

„Die ersten digitalen Profikameras kosteten so viel wie ein Kleinwagen“

„Das Werk von Jochen Günther steht auch für den fließenden Übergang von der analogen zur digitalen Bildüberlieferung“, sagt Kristina Odenweller, Leiterin der Abteilung „Sammlungen“. Jochen Günther führte bei der Frankfurter Rundschau die digitale Fotografie ein. Schon von 1995 arbeitete er zusätzlich digital. Die ersten digitalen Profikameras kosteten so viel wie ein Kleinwagen“, erinnert er sich. Davor mussten die FR-Fotografen ihre Bilder noch selbst entwickeln, was bei späten Terminen für Stress sorgte. „Mit feuchten Bildern ging es dann zu den Metteuren, damit sie auf die Seite kamen. Ich bin dann immer noch geblieben, damit nicht am Ende noch der Ball abgeschnitten wurde, wenn das Bild beschnitten werden musste“, sagt er.

Selbstbild: Jochen Günther mit seinen Lieblingskameras.
Selbstbild: Jochen Günther mit seinen Lieblingskameras. © Jochen Günther/Institut für Ststadtgeschichte

Viele der Negative hat er digitalisiert. „Ich habe es mal ausgerechnet. Wenn ich die 400 000 Aufnahmen, die ich in 25 Jahren Pressefotografie gemacht habe, umrechne, habe ich jeden Tag eineinhalb Filme fotografiert“ sagt Jochen Günther. Er ist auch heute noch beruflich mit seinen Lieblingskameras, der Hasselblad, Canon oder Leica unterwegs. Nur finden sich seine Bilder heute in Kundenmagazinen, Publikumszeitschriften und eigenen Buchveröffentlichungen.

An das Fotoshooting auf dem Straßenstrich kann er sich deshalb so gut erinnern, weil es mit großem Aufwand verbunden und für die damalige Zeit und ihre Moralvorstellungen ein eher außergewöhnliches Motiv war. „Wir mussten uns vorab mit der Kriminalpolizei kurzschließen, und wir hatten ein Model dabei, da keine der Prostituierten bereit gewesen wäre, sich fotografieren zu lassen“, sagt er. Das Model konnte sich in seinem VW-Bus umziehen. Dann musste es schnell gehen. Es hätte mit den Zuhältern Ärger geben können. (Anja Laud)

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